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Brandenburg „Jetzt wird gleich das Messer gezogen“
Brandenburg „Jetzt wird gleich das Messer gezogen“
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01:18 22.02.2018
Polizei-Einsatz am Blechen-Carré: Erneut gab es hier am Mittwochabend einen Angriff mit einem Messer. Quelle: Lausitzer Rundschau/ Kompalla
Cottbus

Immer wieder Cottbus: Am Mittwochabend geraten vor einem Einkaufszentrum Jugendliche in Streit. Ein 16 Jahre alter Syrer knallt den Kopf eines gleichaltrigen Cottbusers gegen eine Straßenbahn und fügt dem Jungen mit einem Messer eine zentimeterlange Schnittwunde im Gesicht zu. Gleiches Einkaufszentrum, vier Tage zuvor: Eine Gruppe junger Syrer bedrängt ein Cottbuser Ehepaar, das einkaufen will. Sie fordern, an der Tür vorgelassen zu werden, die Frau solle ihnen „Respekt erweisen“. Ein 14 Jahre alter Asylbewerber zückt ein Messer und bedroht den Ehemann.

Seit Donnerstag nun patrouilliert die Bereitschaftspolizei auf Geheiß der Landesregierung in den Straßen der Universitätsstadt, als herrsche dort Ausnahmezustand. Was ist los in der Lausitzmetropole?

Die Wut der Menschen schaukelt sich hoch

Es hat sich etwas hochgeschaukelt in der Stadt. Eine für den Donnerstagabend geplante Demonstration des rechtspopulistischen Bündnisses „Zukunft Heimat“ wird wegen des Sturms zwar kurzfristig abgesagt. Die Wut aber bleibt. Auf der Homepage des Vereins schreibt ein Unterstützer: „Bewaffnet Eich zur Not mit Knüppeln und Gabeln!“ Hektisch stecken die Minister der rot-roten Landesregierung die Köpfe zusammen und kündigen „ein ganzes Maßnahmenpaket“ an, so Innenminister Karl-Heinz Schröter.

Ein Verletzter wird im Blechen Carré in Cottbus von Sanitätern versorgt. Quelle: Lausitzer Ruindschau

Als der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) Anfang 2017 das Land um Hilfe bat, ließ man ihn abblitzen: Er hatte eine Zuzugssperre für Flüchtlinge aus anderen Landkreisen beim Brandenburger Innenministerium beantragt. Denn seine 100.000-Einwohner-Stadt befindet sich in einer Sondersituation: Sie beherbergt mittlerweile 3400 Asylbewerber, weil es in Brandenburg keine Residenzpflicht für Flüchtlinge gibt. Sie können nach einer gewissen Zeit ihren Wohnort frei wählen. Zum Vergleich: Der umliegende Landkreis Spree-Neiße hat 116.000 Einwohner und beherbergt nur 1340 Asylbewerber.

Rechte Szene in Cottbus gilt als aktivste in Brandenburg

Da es in der Stadt 3-Zimmer-Wohnungen zu 250 Euro Kaltmiete gibt, Ärzte, Behörden und ein gutes Klinikum nur ein paar Tram-Haltestellen entfernt liegen, ziehen Asylbewerber aus dem ganzen Brandenburger Süden in die Stadt mit dem schönen Markt, wo Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert um einen Brunnen gruppiert sind. Eine echte arabische Community hat sich heraus gebildet, mit Supermärkten, in denen es Fleisch von geschächteten Tieren gibt. Hakenkreuz-Attacken und eingeschmissene Scheiben blieben nicht aus in einer Stadt, deren rechte Szene als aktivste im ganzen Land gilt.

Naziaufmarsch in Cottbus. Quelle: Antifa Cottbus/Twitter

Ärger in der Cottbuser Innenstadt: Der Platz vor der Stadthalle wird seit einiger Zeit videoüberwacht, dort ist auch der öffentliche Konsum von Alkohol verboten. Der Hallen-Vorplatz hat Vergangenheit: Ende der 90er-Jahre erklärten ihn Neonazis zur „national befreiten Zone“.

Die Probleme gibt es bereits länger, nur hat sie niemand gehört

Am Blechen-Carré, dem zentralen Einkaufszentrum, wo die jüngsten Messer-Taten verübt wurden, ist nun „der nächste Brennpunkt“ entstanden, wie Susanne Kschenka vom Institut für Gemeinwesenberatung Demos sagt – es berät Kommunen beim Umgang mit Problemgruppen. Was die arabischen Jugendlichen magisch zu dem Zentrum zieht: Es gibt dort freien W-Lan-Empfang. Sie können also ohne Handygebühren im Internet surfen.

„Es wurde lange darauf hingewiesen, dass sich da etwas aufstaut“, sagt die Grünen-Landtagsabgeordnete Heide Schinowsky, die ihren Wahlkreis in der Stadt hat. Es gebe aber Signale von Seiten des Lande. „Neben der Verstärkung der Polizeiarbeit müssen Beratung und Betreuungsmöglichkeiten für Geflüchtete erweitert werden.“ Es sei so gut wie nichts passiert, kritisiert dagegen der CDU-Landtagsabgeordnete Michael Schierack. „Noch ist kein zusätzlicher Euro in Cottbus angekommen“, sagt der Parlamentarier und CDU-Kreisvorsitzende für Cottbus. Kein zusätzlicher Sozialarbeiter sei bislang eingestellt worden. „Das Land duckt sich weg“, sagt Schierack. „Woidke schickt jetzt Polizei – das löst das Problem nicht!“ Schierack hält die Unterbringung und Betreuung der Zuwanderer für eine „gesamtstaatliche Aufgabe“. Eine Stadt wie Cottbus mit einem Schuldenstand von 250 Millionen Euro sei damit allein überfordert. Und zur Natur der Gewalttaten sagt Schierack: „Wir haben uns früher auch mal geprügelt in der Disko – aber jetzt wird gleich das Messer gezogen.“

Von Ulrich Wangemann

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