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Brandenburg Juli Zeh bekommt Bundesverdienstkreuz
Brandenburg Juli Zeh bekommt Bundesverdienstkreuz
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16:20 22.05.2018
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht im Schloss Bellevue der Schriftstellerin Juli Zeh aus Brandenburg das Bundesverdienstkreuz. Quelle: dpa
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Berlin

Die im Havelland lebende Erfolgsautorin Juli Zeh ist seit diesem Dienstag Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Die Schriftstellerin war unter den 24 Männern und Frauen, denen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Auszeichnung im Schloss Bellevue überreichte. Zeh („Unterleuten“, „Adler und Engel“) wurde für ihr Engagement für bürgerliche Freiheitsrechte im digitalen Zeitalter ausgezeichnet. Anlass war der Jahrestag des Inkrafttretens des Grundgesetzes vor 69 Jahren, am 23. Mai 1949.

Zeh habe sich „tierisch darüber gefreut“, als sie von der Ehrung erfahren habe, sagte die Autorin der „Berliner Zeitung“. Die in Bonn geborene 43-Jährige zog 2007 ins Havelland und ist nach eigenen Worten ein „großer Fan“ von Deutschland. Sie sehe die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Dienstag als Ermutigung an.

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Juli Zeh im Interview

Juli Zeh (43) hat 2016 mit „Unterleuten“ einen der großen deutschen Bestseller geschrieben. Nun folgt ihr Roman „Leere Herzen“. Zeh wohnt seit 2007 im Havelland, einen Umzug in die Stadt kann sie sich nicht mehr vorstellen. Hier spricht sie über Brandenburg, verpasste Preise, ihre tollen Nachbarn und die AfD.

Auch Dunya Hayali geehrt

Neben der Schriftstellerin wurden auch TV-Moderatorin Dunya Hayali und Netzaktivist Hannes Ley geehrt. Hayali bekam den Orden, der auch Bundesverdienstkreuz genannt wird, für ihr Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Ley hat die Internetgruppe #ichbinhier gegründet, die Debatten im Netz in konstruktive und sachliche Bahnen lenken will.

Der jüngste unter den Geehrten war der 20-jährige Felix Finkbeiner aus Bayern. Mit Unterstützung seiner Familie hatte er im Alter von neun Jahren das Klimaschutzprojekt „Plant-for-the-Planet“ (übersetzt: Für den Planeten pflanzen) gestartet. Daraus wurde eine internationale Bewegung für das Pflanzen von Bäumen.

Zwei der Ausgezeichneten keine deutschen Staatsbürger

22 der 24 Ausgezeichneten kamen aus elf verschiedenen Bundesländern. Zwei weitere sind keine deutschen Staatsbürger: Die Studentin Sophie Debrunner ist Schweizerin und Britin, sie engagiert sich im Europäischen Jugendparlament. Die serbische Soziologin Sonja Licht setzt sich seit mehr als 50 Jahren für Menschenrechte und Demokratie ein.

Die Schriftstellerin Juli Zeh ist nach eigenen Worten ein „großer Fan“ von Deutschland. Sie sehe die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz am Dienstag als Ermutigung an, sagte Zeh der „Berliner Zeitung“ (Dienstag). Zeh sollte zum Tag des Grundgesetzes in Berlin zusammen mit 23 weiteren engagierten Bürgern von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Verdienstorden der Bundesrepublik überreicht bekommen. Sie habe sich „tierisch darüber gefreut“, als sie von der Ehrung erfahren habe, sagte Zeh, die unter anderem für ihr gesellschaftspolitisches Engagement ausgezeichnet wird.

Zeh sagte im Interview mit Blick auf den Rechtspopulismus, „Fremdenfeindlichkeit ist nur ein Teil des Problems. Wir haben es eher mit einer Politik-Verachtung, Establishment-Verdrossenheit zu tun.“ Es habe schon vor langem angefangen, „dass die Menschen sich distanzierten von den Institutionen, dem System“. Das sei damals nur noch nicht mit der Flüchtlingskrise verknüpft worden, sagte Zeh.

Die Schriftstellerin sieht eine tiefere Identitätskrise in der Gesellschaft. „Wenn man nicht weiß, wer man ist, dann versucht man, sich abzugrenzen, zum Beispiel vor Einwanderern.“ In den vergangenen Jahren seien unter dem Stichwort Emanzipation viele Gewissheiten über Bord geworfen worden, auf denen sich sozialer Zusammenhalt stützte. „Das war auch richtig. Es wurde allerdings nicht daran gedacht, dass das den Einzelnen überfordern kann, wenn ein Gott, eine Gruppe, ein Patriarch fehlt.“ Gesucht würden Rückzugsräume, „das kann die Familie sein oder auch die Nation“, so Zeh weiter.

Dabei sei das Gefühl nach Zusammengehörigkeit durchaus menschlich, das Bedürfnis nach Grenzen, nach etwas Eigenem: „Und wenn man es so sieht, geht es nicht um Mann gegen Frau, Islam gegen Christentum, Rechts gegen Links. Sondern eher um einen Kampf, der in jedem Einzelnen stattfindet und Ausdruck einer Fundamentalopposition ist. Daraus kann Schreckliches resultieren.“

Ihr mache Sorgen, sagte Zeh, was derzeit etwa in Ungarn und Polen geschehe. „Gewählte Kräfte betreiben den Rückbau der offenen Gesellschaft.“ Wenn dies weiter Zulauf bekomme, dann fürchte sie, dass Projekte wie die Europäische Union der Vergangenheit angehören. Der Brexit sei für sie der größte Schock gewesen: „Da ist etwas für mich zusammengestürzt.“

Dagegen helfe nur, die Ängste offenzulegen und herauszuarbeiten, unterstrich die studierte Juristin: „Dass es gar nicht um die Furcht vor konkreten Flüchtlingen geht, sondern um eine tieferliegende Angst vor Identitätsverlust in der modernen Welt.“ Nur aus Selbsterkenntnis komme Heilung. „Das ist der nächste Schritt im großen Emanzipationsprozess unserer Gesellschaft“, sagte Zeh.

Von MAZ Online