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Brandenburg Juli Zeh, ihr Brandenburg und die Differenzierung
Brandenburg Juli Zeh, ihr Brandenburg und die Differenzierung
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01:16 24.01.2019
Die Ruhe und das Idyll der Mark – auch deswegen schätzt Erfolgsautorin Juli Zeh Brandenburg. Quelle: Foto: Ralf Hirschberger/dpa
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Potsdam

Juli Zeh lässt nichts auf Brandenburg und erst recht nichts auf das Leben auf dem platten Lande kommen. Die Schriftstellerin lebt seit 2007 in einem westhavelländischen Dorf. Nachdem Juli Zeh als gefeiertes Talent des deutschen Literaturbetriebes als Mittdreißigerin im Groll der Stadt Leipzig den Rücken gekehrt hat, konnte man aus ihrem Munde nur recht positive Worte über ihre Wahlheimat hören.

Hier, in der Abgeschiedenheit entstanden Romane wie „Nullzeit“ (2012), „Leere Herzen“ (2017) und zuletzt „Neujahr“ (2018). „Unterleuten“ (2016) wurde ein Bestseller. Vom Havelland aus mischt sich die Künstlerin aber auch immer wieder als Essayistin, Kolumnistin und Talkshow-Teilnehmerin in die gesellschaftspolitischen Debatten der Bundesrepublik ein. Als studierte Volljuristin kann sie zu Fragen des Datenschutzes mit besonderer Expertise aufwarten. Als sich die gebürtige Bonnerin im Dezember 2018 auf Vorschlag der SPD-Fraktion zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt wurde, schien Juli Zehs Brandenburg-Integration vollends geglückt.

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In einem Interview, das nun in der „Basler Zeitung“ erschienen ist und zuvor Ende November bei der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlicht worden war, zeigte sich Zeh nun in einigen Aussagen etwas kritischer. „Hier draussen sagen Eltern noch zu ihren Kindern: ’Hör auf zu heulen, sonst fängst du dir eine.’ Da gibt es noch ein paar Jahrzehnte Rückstand in der Entwicklung bestimmter Werte“, sagte Zeh im Interview. Zudem wachse die Fremdenfeindlichkeit, sagte die Autorin. „Ich weiß (...) von Freunden aus anderen Dörfern, dass sich die Offenherzigkeit beim Äußern von Fremdenfeindlichkeit um den Faktor 10.000 multipliziert hat“. Aus dem Interview mit Juli Zeh zitierte gestern die Deutsche Presseagentur (dpa)– und stellte dabei die vermeintlich landkritischen Passagen in den Vordergrund. Auch die MAZ hatte diese verkürzte Meldung zunächst verbreitet.

Eine Abrechnung mit dem Landleben in Brandenburg? Wohl kaum. Denn Juli Zeh betonte vor allem auch die positiven Seiten des Zusammenlebens in ländlichen Regionen. „Auf dem Dorf weiß man noch, was Hilfsbereitschaft und Loyalität bedeuten. Die Bindungen zwischen den Menschen sind stark.“

Markus Klein ist Wissenschaftler. Sein Brandenburgisches Institut für Gemeinwesen soll im Auftrag der Landesregierung in Potsdam die Zivilgesellschaft auf dem Land stärken. Er hat das gesamte Juli-Zeh-Interview gelesen und kritisiert: „Meines Erachtens ist diese Verkürzung doppelt gefährlich. Einerseits werden dadurch pauschal die Menschen im ländlichen Raum als fremdenfeindlich und autoritär denkend stigmatisiert. Andererseits wird der städtische Raum davon freigesprochen.“ Berlin –das sei auch Marzahn, Lichtenberg und der Wedding. Autoritäres Denken und Fremdenfeindlichkeit seien „keine trennenden Merkmale zwischen Stadt und Land, zumindest nicht, wenn man unter Stadt mehr als den Prenzlauer Berg versteht“, so Klein.

Liest man das ausführliche Interview mit Juli Zeh, möchte man die Aussagen der Erfolgsschriftstellerin nicht auf wenige Skandalsätze reduzieren. Sie erzählt aus ihrer Lebenswelt heraus, wie sich Stimmungen verschieben. Von Freunden wisse sie, wie intolerant einige Dörfler reagieren, wenn sie eine Frau mit Kopftuch sehen. „Das ist schwer“, sagt sie, eigentlich wäre man „von seinem Moralempfinden verpflichtet, einen krassen Streit vom Zaun zu brechen. Aber das geht im Dorfalltag ja nicht immer, man muss zusammenleben“, so Juli Zeh. Das klingt wirklich nicht nach Abrechnung.

Jutta Quoos, die Vorsitzende des Brandenburger Landfrauenverbandes, ist dennoch entsetzt. „Dass die Kinder auf dem Dorf geschlagen werden, ist mir nicht bekannt. Der Erziehungsstil sollte den Menschen selber überlassen sein“, meint sie und fährt fort: „Ich finde es traurig, dass jemand, der hier lebt, so pauschalisierend redet und dass solche pauschalisierenden Behauptungen immer wieder den Weg in die Medien finden.“ Ein Problem mit Fremdenfeindlichkeit gebe es, räumt sie ein, aber nicht nur in Brandenburg. „Die Skepsis gegenüber Fremden ist auf dem Land größer, weil es auf den Dörfern zu wenig Ausländer gibt“, mutmaßt Jutta Quoos und erzählt, dass bei ihr im 3000-Einwohner-Ort Schönewalde (Elbe-Elster) keiner der sechs zugeteilten Flüchtlinge bleiben wollte. „Sie wollten alle in die Stadt. Aber wir haben ein indisches Restaurant, unsere letzte gastronomische Einrichtung. Dort gibt es auch Pizza und deutsche Küche“, sagt sie.

Auch der Schriftsteller und Journalist Christhard Läpple , dessen lesenswerter Report „So viel Anfang war nie“, im März als Taschenbuch herauskommt, attestiert den Brandenburgern keine übermäßige Xenophobie. „Das Fremde wird auf dem Land immer misstrauisch beäugt, das war so nach 1945 als die Vertriebenen kamen, und das war so nach 1990, als die Wessis kamen“, sagt er. Er selbst stammt aus Baden-Württemberg, wohnt in Berlin und zahlt in Netzeband (Ostprignitz-Ruppin) Zweitwohnungssteuer. Nach dem vierten Bier werde gerne mal übertrieben mit Sprüchen wie „Das Boot ist voll“ und so. Dabei sei das Theaterdorf Netzeband ein „Vorzeigedorf“, zwei, drei Dörfer weiter beginne der Sumpf, scherzt er. Doch selbst in Netzeband seien die dörflichen Versorgungsstrukturen, Arzt, Kindertagesstätte usw. in den letzten Jahren weggebrochen. „Die Discounter in der Kreisstadt haben gewonnen.“ Als Pendler zwischen Stadt und Land muss es Läpple eigentlich wissen: Pflegen die Dörfler in der Kindererziehung robustere Umgangsformen? „Ich sage es freundlich: Auf dem Land herrscht mehr Klarheit. Es gibt klare Ansagen. Ein Wort zählt mehr als tausend Erklärungen. Und wo die Not groß ist, etwa in kinderreichen Familien, gibt es auch mal ne Schelle.“ Zur Zeit beobachte er einen starken Wandel. „Die Alten sterben weg, die mittlere Generation ist längst abgewandert, Zugewanderte prägen mehr und mehr das Landleben.“

Erik Stohn, der Generalsekretär der Brandenburger SPD, spricht ebenfalls von einer verkürzenden Darstellung und empfiehlt, Juli Zehs Roman „Unterleuten“ noch einmal zu lesen. „Dort ist das Leben in einem Brandenburgischen Dorf gut und differenziert eingefangen“, so Stohn. „Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung.“

Von Karim Saab