Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Junge Juden feiern in Kreuzberg: „Dem Terror Leben entgegensetzen“
Brandenburg Junge Juden feiern in Kreuzberg: „Dem Terror Leben entgegensetzen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:30 18.10.2019
Die Rabbinerin Rebecca Blady und ihr Mann Jeremy Borowitz überlebten das Attentat von Halle. Quelle: Jerome Lombard
Berlin

Jeremy Borowitz hat sich die weißen Arbeitshandschuhe angezogen. In geraden Linien schneidet er mit ruhiger Hand die übergroße grüne Plane in mehrere gleich große Teile zurecht. Aus diesen wird später die Rückwand für die mit Schilfrohr und Ästen bedeckte Hütte entstehen. „Es wird alles sehr schön werden“, sagt Borowitz mit einem Lächeln.

Sukkot, das jüdische Laubhüttenfest, das am vergangenen Sonntagabend begonnen hat, gehört zu den wichtigsten jüdischen Feiertagen überhaupt. Mit dem Bau der sogenannten Sukka, der Laubhütte, erinnern Juden eine Woche lang an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. „Ich fühle mich gut, dass ich heute dabei helfen kann, die Sukka zu bauen“, sagt der gebürtige US-Amerikaner Borowitz.

Plattform für junge Juden aus aller Welt

Gemeinsam mit seiner Frau, der Rabbinerin Rebecca Blady und weiteren Mitgliedern der jüdischen Initiative „Base Berlin“ hat Borowitz den Biergarten „Golgatha“ im Viktoriapark in Berlin-Kreuzberg gemietet. „Base Berlin“ versteht sich als Plattform für junge Juden aus aller Welt, die sich vernetzen wollen und jüdische Werte vermitteln möchten. „Sukkot ist ein Fest der Freude, an dem wir zusammenkommen, gemeinsam essen, lachen und beten“, sagt Rabbinerstudent Borowitz. „Wir wollen zusammen sein und feiern, auch, wenn es für uns alle noch etwas schwer ist.“

Gemeinsam basteln die jungen Juden die "Sukka" (Laubhütte) für das gleichnamige Fest. Quelle: Jerome Lombard

Er war in der vergangenen Woche zusammen mit seiner Frau zum Jom Kippur-Gottesdienst in der Synagoge in Halle, als ein Rechtsextremist damit begann, mit schweren Waffen auf die Eingangstür zu feuern. Wie durch ein Wunder hielt die Holztür des Gotteshauses der Attacke stand, der Täter konnte nicht eindringen. Auf seiner Flucht vor der Polizei erschoss er zwei Menschen und verletzte weitere schwer. „Das Trauma und die Trauer sitzen nach wie vor unglaublich tief“, sagt Borowitz. Die Sukkot-Feier in Kreuzberg widme man den beiden Todesopfern von Halle.

„Die Kugeln waren für uns bestimmt“

„Diese beiden Menschen wurden mit Kugeln getötet, die für uns bestimmt waren“, sagt seine Frau Rebecca Blady. „Es ist ein schreckliches Gefühl“, meint die 29-Jährige. „Ich danke Gott, dass wir überlebt haben, und ich bete für die Ermordeten und ihre Angehörigen.“ Der Bau der Sukka und die Feier im „Golgatha“ hat „Base Berlin“ schon seit vielen Wochen geplant.

Nach dem Attentat von Halle stand die Frage im Raum, ob man das Ganze nicht lieber absagen solle. „Wir haben uns dann ganz bewusst dagegen entschieden“, sagt Blady. „Wir müssen dem Terror und dem Hass Leben und Freude entgegensetzen.“ Allerdings wurden die Sicherheitsauflagen für die Feierlichkeit erhöht. Statt wie ursprünglich geplant ausschließlich privaten Wachleuten zeigt auch die Berliner Polizei Präsenz vor Ort.

Nicht hinter Mauern verbergen

Nur einer der beiden Eingänge zum Biergarten ist geöffnet. Damit man die Lage besser im Blick habe und kontrollieren könne, wer aus und eingeht, heißt es dazu von der Polizei. „Wir haben den Biergarten in Kreuzberg als Veranstaltungsort gewählt, um der Gesellschaft zu zeigen, dass jüdisches Leben offen, vielfältig und bunt ist“, sagt Blady. Man wolle sich als jüdische Community nicht hinter abgeschirmten Mauern verbergen.

Man merkt der jungen Frau im Gespräch an, dass sie der Terror von Halle tief erschüttert hat. Auch ihr Bild von der deutschen Gesellschaft hat sich verändert. Ihrem Mann geht es ähnlich. „Wenn ich auf der Straße unterwegs bin, schaue ich mich jetzt immer zwei Mal um, wer hinter mir geht“, sagt Borowitz. Durch seine Kippa, die er immer auf dem Kopf trägt, sei er als Jude leicht zu erkennen. „Ich möchte meine Religion leben können, ohne dabei um mein Leben fürchten zu müssen“, sagt er und greift zum Klebeband. An einer Seite der Sukka hat sich die grüne Plane und damit die Rückwand gelöst.

Brezeln mit Hummus

Mit Einbruch der Dunkelheit ist es voll geworden im „Golgatha“. Rund 80 Menschen sind zusammengekommen. Sie essen Brezeln und Hummus und trinken Bier und Wein. Ein DJ sorgt mit seinen Vibes für angenehme Stimmung. „Ich finde es fantastisch, dass so eine Sukkot-Feier wie heute nach Halle möglich ist“, sagt Shmul Slater.

Der gebürtig aus Melbourne in Australien stammende junge Mann lebt seit mehreren Jahren in Berlin und engagiert sich bei „Base Berlin“. „Ich bewundere Rebecca und Jeremy für ihre Kraft, nach dem Erlebten weiterzumachen“, sagt Slater und schiebt die weiße Kippa auf seinem Kopf zu Recht. Lange Zeit habe er sich nicht getraut, die jüdische Kopfbedeckung öffentlich zu tragen. Seit vergangener Woche setzt er sie nur noch zum Schlafen und Duschen ab.

Unterdessen kündigte das Land Brandenburg ein Gespräch mit jüdischen Gemeinden und Organisationen für kommenden Freitag an. Dabei soll es um die Sicherheitslage gehen.

Von Jérôme Lombard

Eine Frau in Frankfurt (Oder) wird misshandelt, beraubt und anschließend in die eiskalte Oder gestoßen. Nur mit Glück kann sie sich selbst retten. Ab Montag stehen zwei ihrer mutmaßlichen Peinigerinnen vor Gericht.

18.10.2019

Nach dem Anschlag von Halle will Brandenburg die Sicherheit von jüdischen Einrichtungen im Land überprüfen. Dazu wollen sich Vertreter der jüdischen Gemeinden und Organisationen mit der Polizei zusammensetzen.

18.10.2019
Brandenburg Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen Tempolimit in Brandenburg vom Tisch

Die Grünen konnten ihre Forderung in den Koalitionsverhandlungen nicht durchsetzen: In Brandenburg wird es vorerst keine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen geben. Auch im Bund wurde ein Tempolimit abgeschmettert.

17.10.2019