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Brandenburg “Kein Mensch soll das noch mal erleben“
Brandenburg “Kein Mensch soll das noch mal erleben“
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00:24 19.04.2015
Vor 70 Jahren vom Nazi-Terror befreit: Karol Gdanietz (91) überlebte die Haft im Konzentrationslager in Sachsenhausen. Quelle: Julian Stähle
Oranienburg

Heiligabend 1944, das letzte Weihnachtsfest in nationalsozialistischer Gefangenschaft, kann er nicht vergessen, er will es auch nicht. Vor aller Augen soll ein Mithäftling erhängt werden, vorm Tannenbaum, wegen Fluchtverdachts. Der Strick reißt, ein Offizier greift zur Pistole und schießt – ein Todesopfer unter Millionen, die Nazi-Deutschland zu verantworten hat.

Karol Gdanietz ist Anfang 20, als sich diese Szene vor seinen Augen abspielt. Brutaler Alltag im Konzentrationslager Sachsenhausen. Morgen könnte es einen seiner Freunde treffen, vielleicht auch ihn selbst. „Man konnte sich früh nie sicher sein, ob man abends wieder schlafen geht.“ Gut 70 Jahre später muss er sich stützen, den Stock zur Rechten, linker Hand hat ihn seine Tochter eingehakt. Behutsam setzt er einen Schritt vor den anderen, läuft über die Flure jenes Gebäudes mit T-förmigem Grundriss, in dem die Peiniger von einst über die Schicksale von Millionen Häftlingen entschieden.

Sachsenhausen – die Terrorzentrale des KZ-Systems

In dem Verwaltungsbau unweit des KZ Sachsenhausen (heute Oberhavel) diktierte die SS mit peinlicher Genauigkeit den Alltag in 32 Haupt- und mehr als 1000 Außenlagern. In der sogenannten Inspektion der Konzentrationslager (IKL) organisierten SS-Bürokraten Zwangsarbeit und Massenmord, bis die Alliierten 1945 der Nazi-Herrschaft ein Ende bereiteten und abertausende Häftlinge befreien konnten. Etliche kamen danach zu Tode – entkräftet und ausgemergelt war, wer den Arbeits- und Vernichtungslagern lebend entkam.

48 Kilogramm wog Karol Gdanietz noch, als ihn Zwangsarbeit und Hunger ausgezehrt hatten. 70 Jahre nach der Befreiung ist er zurückgekehrt nach Sachsenhausen. 400 Kilometer mit dem Zug von Gdynia, einer polnischen Hafenstadt an der Danziger Bucht. Inzwischen ist er 91, nicht mehr viele sind verblieben, die aus eigener Anschauung vom Terror der Nazis berichten können. „Kein Mensch soll das, was ich erlebt habe, noch einmal erleben“, sagt er.

Als 15-Jähriger von den Nationalsozialisten verhaftet

Als der Krieg ausbrach, lernte er als junger Gymnasiast auf einer polnischen Schule. Der Vater arbeitete bei der Eisenbahn, die Mutter, „eine pechschwarze Frau“, kümmerte sich um den Haushalt und die sechs Kinder. Er war ein Jugendlicher wie viele andere, geboren und aufgewachsen in der Nähe von Danzig, mit festem Freundeskreis, der ihm zum Verhängnis werden sollte.

Am 4. Juni 1940 stehen zwei Männer vor der Tür, einer von der Schutzpolizei und einer von der Gestapo. „Es sah ganz harmlos aus“, erzählt der damals 15-Jährige. Er sollte sich anziehen und mitkommen, gab man ihm auf Polnisch zu verstehen. Warum? Die Frage der Mutter blieb unbeantwortet. Auch seine Freunde wurden verhaftet. Ein Gestapo-Spitzel muss sie als Widerständler denunziert haben. Karol Gdanietz kann sich das bis heute nicht erklären.

Zum Appell ließ die NS deutsche Volkslieder singen

Es war der Beginn seiner persönlichen Leidensgeschichte, die von dem im Aufbau befindlichen KZ Stutthof bei Danzig über Berlin bis in das KZ Sachsenhausen führte. „Arbeit macht frei“, las er am Eingang, als er am 13. Februar 1941 von dem Lastwagen stieg – vier lange Jahre blieb das Tor zur Freiheit für ihn verschlossen. Der rote Winkel an der Sträflingskleidung wies ihn, Häftling Nummer 35.986, als „Politischen“ aus.

Raffinierter seien die Schickanen gewesen, erzählt Karol Gdanietz, anders als in Stutthof, wo die SS-Bewacher nach schwerer Waldarbeit kontrollierten, ob die Hände sauber waren, dabei gab es nicht einmal Seife zum Waschen. In Sachsenhausen, im Block 34, unter 100 Minderjährigen, die vom Rest des Lagers isoliert waren, musste er zum Stehkommando – den ganzen Tag strammstehen. Später ging es auf die Schuhprüfstrecke: Um für Industrie und Wehrmacht Schuhe auf deren Tauglichkeit zu testen, hatte Karol Gdanietz von früh bis abends über Steine, Sand und Schotter zu marschieren. Dreimal täglich mussten die Häftlinge zum Appell, zu Tausenden standen sie da und mussten deutsche Volkslieder singen.

Todesmarsch nach Mecklenburg

Die Jahre vergingen, Karol Gdanietz vergaß die Zeit, er begann eine Maurerlehre, musste schließlich in die Tischlerei. Volljährig wechselte er auf Block 24. Immerzu quälte ihn der Hunger. Erhielten Häftlinge Päckchen mit Lebensmitteln, wurden die untereinander aufgeteilt. „Die Solidarität war ziemlich groß“, erinnert er sich. Anfangs zweimal, später nur noch einmal pro Monat schrieb er einen Brief nach Hause, öfter durfte er nicht.

Als die alliierten Bombardements zunahmen und die Front näher rückte, begann die SS am 21. April 1945 mit der Evakuierung von Sachsenhausen. Karol Gdanietz führte der Todesmarsch nach Norden, Richtung Mecklenburg. „Wir haben Baumrinde gekaut, damit wir etwas im Magen hatten“, sagt er. „Wer nicht mehr konnte, wurde erschossen. Auf Schritt und Tritt wurden Leute getötet.“ Die SS habe darauf gehofft, bei Schwerin in amerikanische Gefangenschaft zu kommen. Doch bei Crivitz rollte plötzlich ein sowjetischer Panzer vor die Kolonne.

Zurück in die polnische Heimat

Eine Woche nach Kriegsende kehrte Karol Gdanietz zu seiner Familie nach Polen zurück, aus der pechschwarzen Mutter war eine graue Frau geworden. Er beendete die Schule, studierte Forstwirtschaft und ging in die Verwaltung. Heute, mit 91, hat er elf Urenkel.

Wie widersprüchlich und fragil die neue Freiheit war, bekam er schon kurz nach der Befreiung zu spüren: Ein deutscher Bauer hatte ihm und einem Kompagnon Fahrräder geschenkt. Die beiden kamen nicht weit, in Neubrandenburg wurden ihnen die Fahrräder abgenommen – von Deutschen, die rote Binden an den Armen trugen.

Sachsenhausen und Ravensbrück – NS-Konzentrationslager in Brandenburg

200.000 Menschen waren im Konzentrationslager (KZ) Sachsenhausen in Oranienburg zu Zeiten der Herrschaft der Nationalsozialisten inhaftiert.

Die SS hatte Sachsenhausen 1936 als Modell- und Schulungslager in Betrieb genommen. Ab 1938 war es auch die Verwaltungszentrale aller NS-Arbeits- und Vernichtungslager, die sogenannte Inspektion der Konzentrationslager.

Zehntausende Menschen starben im KZ Sachsenhausen – infolge der Haftbedingungen, durch medizinische Experimente oder weil sie ermordet wurden.

Am 22. April 1945 erreichte die sowjetische Armee das KZ Sachsenhausen. Um die Befreiung zu verhindern, hatte die SS im April 1945 rund 33.000 Häftlinge auf Todesmärschen Richtung Nordwesten getrieben.

1939 war das Konzentrationslager Ravensbrück als größtes Frauen-KZ auf deutschem Gebiet errichtet worden. 1941 kam ein Männerlager, 1942 das sogenannte „Jugendschutzlager Uckermark“ für weibliche Jugendliche hinzu.

Bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 30. April 1945 waren in Ravensbrück mehr als 130.000 Frauen, 20.000 Männer und 1000 Mädchen inhaftiert. Zehntausende der Häftlinge wurden ermordet oder kamen auf andere Weise ums Leben.

Rund 20.000 der Inhaftierten in Ravensbrück waren zuvor von der SS auf Todesmärsche Richtung Nordwesten getrieben worden.

Von Bastian Pauly

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