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Brandenburg Kein Job, kein Geld, aber glücklich
Brandenburg Kein Job, kein Geld, aber glücklich
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07:52 27.01.2014
Raphael Fellmer mit seiner Familie.
Raphael Fellmer mit seiner Familie. Quelle: privat
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Berlin

Wenn sich Raphael Fellmer, seine spanische Frau Nieves und die zweieinhalbjährige Tochter Alma zum Abendbrot die Hände reichen und ihren Essensspruch sagen, dann ist der Tisch reich gedeckt. Alles ganz normal, mit Brot, Brötchen, Gemüse, Obst und Saft. Das Besondere: Für dieses Abendbrot hat der Familienvater mit dem Flauschebart und den lustigen Augen nicht einen Cent ausgegeben. Was die Familie isst, wäre eigentlich in den Müllcontainern der Supermärkte gelandet. Es sind Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist oder die kleine Mängel haben. Für Raphael reine Verschwendung: „Eine Milliarde Menschen leiden täglich an Hunger. Wir produzieren aber Lebensmittel, die für 14 Milliarden statt sieben Milliarden Menschen auf der Erde reichen würden.“ Dieses kranke System wollte der damalige Student nicht mehr mitmachen und sagte vor vier Jahren der Welt des Geldes Lebewohl.

Umsonst über den Atlantik

Am Anfang stand eine fixe Idee: Kann man es schaffen, ohne einen Cent nach Mexiko zu reisen? „Ich hatte zwei Einladungen von zwei Pärchen zu zwei Hochzeiten und wir wollten eigentlich so ökologisch wie möglich reisen.“ Raphael schafft es 2010 nach elf Monaten Tramperzeit, 500 Fahrzeugen, die ihn mitnahmen und einem Segeltörn: Zwei Italiener schipperten den jungen Deutschen über den Atlantik, im Gegenzug machte er sich täglich an Bord nützlich. Noch vor seiner Rückkehr nach Deutschland beschließt er: Das Experiment hört nicht auf, so will er weiterleben.

Der Einstieg in den Alltag ohne Geld gelingt nicht ohne Probleme. Zunächst drängt die Frage nach einer kostenlosen Bleibe für sich und seine Frau Nieves, die inzwischen schwanger ist. Zunächst wohnen sie für zehn Monate bei Bekannten in Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark), bevor sie Mitte 2011 eine Herberge im Martin-Niemöller-Friedenszentrum in Berlin-Dahlem finden. Dort kümmert sich Raphael um die Hausmeisterei, außerdem erledigt das Paar Büroarbeiten, putzt, organisiert Veranstaltungen und arbeitet im Garten.

Das Haus mit dem Namen des berühmten evangelischen Theologen, der als prominenter Kopf der Bekennenden Kirche 1937 von den Nazis verhaftet wurde, passt gut zu Raphael Fellmers Lebensentwurf. „Von Niemöller stammt der Satz, man soll immer wach sein in seiner Zeit. Das ist doch ein guter Anspruch für uns heute, wo viele lieber wegschauen.“

Zum Beispiel, wie viele Lebensmittel täglich weggeschmissen werden. Allein in Privathaushalten wirft jeder Deutsche im Jahr knapp 82 Kilogramm Lebensmittel in den Müll. Der junge Berliner begegnete dem „Wegschmeißwahn“ zunächst mit Stirnlampe und Fahrradanhänger. Immer wieder klapperte er zusammen mit Freunden nachts die Mülltonnen der Berliner Supermärkte ab. Mal fischte er mehrere Packungen Kirschtomaten aus der Tonne, mal war es original verpacktes Bauernbrot, nur einen Tag überlagert. Dazu Kartoffeln, Nudelpackungen, Säfte... Am Ende war sein Fahrradanhänger meist voll.

Doch mit dem nicht ganz legalen „Containern“ hielt sich der damals 27-Jährige nicht lange auf. Er suchte nach einem direkten Weg, um die Reste der Reste, die selbst die Tafeln nicht mehr wollen, von den Supermärkten abzuholen. Bei Georg Kaiser, Chef der Biomarktkette Bio Company, stieß er auf offene Ohren. Die Idee des „Netzwerkes Lebensmittelretter“ war geboren. Inzwischen kann jeder mitmachen, allein auf dem Portal lebensmittelretten.de sind es schon über 2500 Menschen, die in über 300 Betrieben die Waren abholen.

Leicht verderbliche Lebensmittel landen im Umsonstladen, länger haltbare Produkte werden auf der inzwischen bundesweit agierenden Internet-Plattform foodsharing.de angeboten. „Die Läden geben uns, was übrig ist und wir helfen ihnen bei der Müllvermeidung“, sagt Raphael. Für die Unternehmen bedeutet das auch eine Kostenersparnis: Seit er und seine Mitstreiter in Berlin-Steglitz die Reste abholen, konnte der Supermarkt rund die Hälfte der Restmüll- und Biotonnen abschaffen.

Bundesweit gibt es auch schon über 20 sogenannte Essens-Fair-Teiler – das sind Kühlschränke, in denen Lebensmittel abgegeben werden, beispielsweise von Menschen, die in den Urlaub fahren und den Kühlschrank noch leeren möchten.

Ganz ohne Geld geht es aber auch im Haushalt der Konsumverweigerer nicht. Vom Kindergeld wird die Krankenversicherung für Tochter Alma bezahlt, Ehefrau Nieves kauft Medikamente oder mal eine U-Bahn-Fahrkarte. Trotzdem ist auch Nieves konsequent: Für Alma gab es gebrauchte Stoffwindeln, Sachen werden vom Kleiderbasar besorgt. Und auch ihre neue Unterkunft ist mietfrei: Nach anderthalb Jahren im Niemöller- Haus zog Raphael, Nieves und Alma zu einer ihnen bis dahin unbekannten Familie mit drei Kindern nach Berlin-Zehlendorf.

Traum vom veganen Öko-Dorf

Raphael ist zwar krankenversichert, nimmt aber keine Leistungen in Anspruch. Sein Zahnarzt beispielsweise behandelt ihn umsonst. „Mein Standpunkt ist: Jeder bringt sich ein, wo er oder sie kann und wir können uns so auf ganz vielen Ebenen helfen.“ Über sein Leben im monetären Streik hat er ein Buch geschrieben: „Glücklich ohne Geld“ heißt es, erschienen im Münchner Redline-Verlag. Einen Großteil der Bücher hat er bereits verschenkt, einen möglichen Gewinn soll der Verlag ökologisch sinnvoll nutzen, sagt der Autor. „Geld ist nur ein Klotz am Bein, welches verhindert, dass man sich Träume erfüllen kann und zu seiner Berufung findet“, sagt der 30-Jährige und lacht. Sein großer Traum soll noch in diesem Jahr Wirklichkeit werden: Zusammen mit Nieves und Alma will Raphael mit Gleichgesinnten ein veganes Öko-Dorf irgendwo im Süden Europas gründen. Eotopia heißt der Traum.

Von Olaf Majer

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