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Brandenburg Klinik für psychisch kranke Frauen geplant
Brandenburg Klinik für psychisch kranke Frauen geplant
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00:17 01.12.2013
Wenn mit dem Baby die Trauer kommt: eine neue Klinik soll Müttern Hilfe bieten. Quelle: dpa
Potsdam

Sie liebte Märchen. Klara konnte gar nicht genug kriegen von den Geschichten. Prinzessinnen, Feen, Zwerge und meist ein glückliches Ende. Sie sang gern und tanzte. Ein Mädchen mit blonden Haaren und großen Kulleraugen. Fünf Jahre wäre Klara heute, aber die Kleine lebt nicht mehr. Ihre eigene Mutter hat das Mädchen im April 2012 mit einem Kissen erstickt, beim Mittagsschlaf in ihrem Kinderzimmer in Erkner (Oder-Spree).

Die 20-jährige Mutter litt an einer krankhaften seelischen Störung. In ihrem wahnhaft-depressiven Zustand sah die junge Frau keine Perspektive mehr. Sie habe Klara nicht alleine zurücklassen wollen. Ihr Plan sei ein erweiterter Suizid gewesen, hieß es Anfang des Jahres beim Prozess im Landgericht Frankfurt (Oder). Die Richter erklärten Anne-Marie S. im Januar für schuldunfähig. Sie kam in die Psychiatrie.

Die Standardfragen, sie kommen immer erst hinterher. Könnte Klara noch leben? Hätte die psychische Not der Mutter früher erkannt werden können? Nachdem in Brandenburg vor wenigen Wochen zwei Mütter in Geltow (Potsdam-Mittelmark) und Golzow (Märkisch-Oderland) kurz hintereinander ihre Babys getötet hatten, sind die Fragen virulent.

Renate Schröder ist sich sicher: Zumindest einige Fälle von Kindstötungen ließen sich verhindern – wenn Fachkräfte wie Frauenärzte genauer hinschauen würden und es entsprechende Hilfsangebote gebe. Schröders Ziel: Eine Klinik für psychisch kranke Mütter und ihre Kinder. „So etwas brauchen wir dringend in Brandenburg“, ist die Diplom-Psychologin und Säuglingstherapeutin überzeugt.

Renate Schröder sitzt in einer Gaststätte in Falkensee (Havelland), ein Montagabend, Feierabend, aber für die Psychotherapeutin hört die Arbeit nicht auf, wenn sie ihre Praxis geschlossen hat. Insgesamt sechs Frauen sitzen am Tisch und beraten. Der jüngste Fall aus Golzow – eine 21-Jährige hatte ihrem Neugeborenen mit einem Messer ins Herz gestochen – wühlt sie auf. Der einzige Mann in der Havelländer Gruppe „Frühe Hilfen“, ein Kinderarzt, ist heute verhindert. Insgesamt sieben Experten um die 50 sind sie. Ärzte, Psychologen, Pädagogen, Lehrer und Hebammen. Und sie haben ein gemeinsames Ziel: Kinder wie Klara oder den Jungen aus Golzow zu retten.
Zehn bis 15 Prozent aller Frauen landen nach der Entbindung in einer psychischen Krise. Die Rede ist nicht vom Babyblues der ersten Tage, in denen viele frisch gebackene Mütter durch die Hormonumstellung nahe am Wasser gebaut haben, sondern von einer ernsten postnatalen Depression oder psychischen Leiden, die durch die Geburt ans Licht gebracht werden.

„Diese Frauen brauchen besondere Hilfe“, sagt Renate Schröder – doch in Brandenburg bekommen sie diese nur begrenzt. Es gibt Tagestherapien, ein paar Pillen vom Arzt, Beratungsstellen, aber das, glaubt die Falkenseer Expertengruppe, reicht nicht. Schröder schickt viele ihrer Patientinnen in die Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im hessischen Heppenheim. Dort existiert seit zehn Jahren eine spezielle Mutter-Kind-Station, eine der wenigen in ganz Deutschland. Aufgebaut hat sie der Arzt und Psychologe Hans-Peter Hartmann, Honorarprofessor im Bereich Sozialwesen der Fachhochschule Potsdam. Gemeinsam mit dem Team aus dem Havelland möchte er in Brandenburg eine Station nach Heppenheimer Vorbild gründen. „Der Bedarf ist riesig“, sagt Hartmann. Die Wartelisten auf einen Platz sind lang, doch in Fällen, bei denen es um Leben und Tod gehen kann, darf es eigentlich keine Wartezeiten geben. „Wir brauchen dringend so eine Klinik“, bestätigt auch Bärbel Derksen von der Beratungsstelle „Vom Säugling zum Kleinkind“ im Familienzentrum der FH Potsdam, die Eltern und Fachkräfte aus ganz Brandenburg schult.

Einige Mitglieder der Havelländer Gruppe "Frühe Hilfen", v. l.: Petra Budke, Michael Lange, Ursula Lindner, Renate Schröder. Quelle: Konrad Radon

Das besondere am Heppenheimer Modell: Mutter und Kind werden gemeinsam aufgenommen. Die Frauen, die meist einige Wochen in Behandlung bleiben, lernen so, eine Beziehung zu ihrem Nachwuchs aufzubauen, stellen etwa mithilfe von Videoaufnahmen fest, dass das Kind nur die Gefühle der Mutter widerspiegelt: Ist die Mutter traurig, weint das Kind. Ist die Mutter nervös, wird auch das Kind unruhig.

Auch Franziska Reininghaus hat einige solcher Depri-Mamas erlebt. Frauen, die apathisch auf dem Sofa sitzen, nicht reagieren, wenn das Baby brüllt. Sich nicht freuen können, wenn das Kind zum ersten Mal „Mama“ sagt. „Die Frauen gehen mit dem Kind um wie mit einer Puppe“, beschreibt die Hebamme aus Falkensee. Mechanisches Wickeln, Füttern, Streicheln – wenn überhaupt. Und dann die Reaktionen der Umwelt. „Sei doch glücklich. Stell dich doch nicht so an.“ Denn eine Mutter, die ihr eigenes Kind nicht lieben kann – so etwas gibt es in den Augen vieler nicht.

Unverständnis, Überforderung, Antriebslosigkeit, Stress. „Dann noch ein paar Tage keinen Schlaf und schon ist es passiert“, sagt Reininghaus. Dabei muss es nicht immer gleich zum Äußersten, zu Gewalt und Misshandlung, kommen. „Die Babys leiden auch so“, bestätigt Säuglingstherapeutin Schröder. „Bud- dha-Babys“ nennt sie die Kinder, die eingewickelt wie Statuen scheinbar reglos im Kinderwagen liegen. Kinder depressiver Mütter schreien viel – oder sie schalten irgendwann ab, verhalten sich still. Dass sich die labile Psyche von Müttern auf die Entwicklung der Kinder auswirken kann, ist wissenschaftlich erwiesen. Viele leiden später an Schulproblemen, werden selbst depressiv.

Das Potsdamer Gesundheitsministerium weiß um das Problem, hält sich mit Zusagen aber noch zurück. Ein spezielles Angebot für Mütter mit Depressionen sei im Rahmen der Landtagsanhörung zur Fortschreibung des dritten Krankenhausplans thematisiert worden. „Sobald eine Konzeption vorliegt, wird es im Ministerium auch Gespräche über Möglichkeiten der Realisierung geben“, sagt der stellvertretende Ministeriumssprecher Hans-Joachim Wersin-Sielaff. Höchste Hürde: die Finanzierung. „Bezahlt wird nur der Pflegesatz für die Mutter, für Kinder zahlen die Krankenkassen nicht“, erläutert Professor Hartmann. In Heppenheim kann die Station, für die auch Erzieher gebraucht werden, nur überleben, weil sich eine Stiftung gefunden hat.

„Es geht nicht nur um Angebote, sondern darum, dass die Frauen sie auch nutzen“, sagt Hans Leitner, Leiter der vom Land beauftragten Fachstelle Kinderschutz in Hennigsdorf (Oberhavel). Anhand von Staatsanwaltsakten hat Leitner Fälle von Kindstötungen und -misshandlungen in Brandenburg untersucht. Sein Eindruck: Nur wenige der betroffenen Mütter gestehen sich ein, in einer psychischen Notlage zu sein.

Hans-Peter Hartmann kennt so einen Fall. Eine Frau aus Mainz, Buchhalterin, gut situiert. Nach der Geburt ihres ersten Kindes kommt sie nicht klar. Die Frau knallt das schreiende Baby auf den Boden. Das Mädchen stirbt. Jahre später wird die Frau wieder schwanger – und meldet sich selbst in Heppenheim zur Therapie an, zieht mit ihrer neugeborenen Tochter auf die Station, weil sie weiß, dass sie ohne Unterstützung wieder in eine Krise stürzen würde. Nach der Entlassung bekommt Hartmann eine Karte von der Frau, mit Bild der glücklichen Zweitgeborenen: „Julia, in Gedenken an Anna. Danke.“

Von Marion Kaufmann

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