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Brandenburg Kneipensterben: „Wenn kein Bus mehr fährt, stirbt auch die Gaststätte im Dorf“
Brandenburg Kneipensterben: „Wenn kein Bus mehr fährt, stirbt auch die Gaststätte im Dorf“
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07:18 27.12.2019
Eine ehemalige mexikanische Gaststätte in Luckenwalde. Quelle: Elinor Wenke
Potsdam

Dehoga-Chef Olaf Lücke hält nichts von Schwarzmalerei: Die Gastrobranche wächst in Brandenburg. Aber auf dem Land haben es Restaurants zunehmend schwerer.

Herr Lücke, unsere Zeitung berichtet fast im Wochentakt davon, dass Traditionsgaststätten, Cafés oder Dorfkneipen schließen müssen. Wie geht es Ihrer Branche?

Unsere Branche hat sicher Probleme, aber ich wehre mich gegen Pessimismus. Das trägt nämlich zur Verstärkung der Probleme bei, wenn in der Presse immer wieder steht, dass Gaststätten schließen müssen. Eltern möchten dann nicht, dass ihre Kinder in eine Branche gehen, der keine Zukunft bescheinigt ist. Das Gegenteil ist aber der Fall.

Ist also alles nur eine Frage des Images?

Zumindest spielt das Image bei der Berufswahl heute eine übergeordnete Rolle. Wenn einen die Kumpels fragen, ob man verrückt ist, weil man Koch werden will, dann überlegt man sich das nochmal – selbst wenn man den Beruf eigentlich toll findet.

Aber hat der Koch wirklich ein Imageproblem? Im Fernsehen wird doch ständig gekocht, das scheint doch recht populär zu sein.

Was man im Fernsehen sieht, hat mit der Realität wenig zu tun. Es ist ein schwerer, körperlich harter Beruf. Köche müssen abends arbeiten, an Wochenenden, Feiertagen, also immer dann, wenn die Freunde frei haben. Aber es ist trotz allem ein schöner Beruf, und wir sind die Branche, die mit am meisten ausbildet.

Gastwirte mit steigenden Umsätzen

Das gute Sommerwetter hat Brandenburgs Gastwirten und Hoteliers ein Umsatzplus beschert. In den ersten drei Quartalen des Jahres stiegen die Umsätze der Gastro- und Übernachtungsbetriebe um 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Märkische Restaurants und Gaststätten erwirtschafteten mit 7,8 Prozent ein großes Umsatzplus. Das geht aus Zahlen des Statistikamts Berlin-Brandenburg hervor.

In den ersten neun Monaten besuchten 4,2 Millionen Gäste Brandenburg (plus 3,7 Prozent), die für 11,2 Millionen Übernachtungen (plus 3,2 Prozent) sorgten. Damit besuchten in den ersten neun Monaten so viele Gäste das Land wie im gesamten Jahr 2012.

Warum fehlen dann so oft die Nachfolger, wenn ein Wirts-Ehepaar in Rente geht?

Es ist einmal ein demografisches Problem. Es gibt zu wenige junge Menschen, die sich für eine Ausbildung interessieren. Studieren ist ja auch angeblich viel interessanter. Außerdem findet ein Koch überall eine Anstellung, vor allem in Berlin. Da fragt er sich doch, ob er wirklich erst 100.000 Euro in eine Betriebsübernahme investieren soll. Es wird schwieriger, Fachkräfte auf dem Land zu finden. Wenn kein Bus mehr fährt, keine Schule oder Kita in der Nähe ist, dann stirbt auch die Gaststätte im Dorf. Und die Essgewohnheiten haben sich auch geändert. Es gehen weniger Menschen in die Kneipe oder ins Restaurant.

Haben die Dorfkneipen ihre soziale Funktion verloren?

Sie haben zumindest nicht mehr den Stellenwert wie früher. Für jüngere Gäste ist es eben auch nicht interessant, in eine Kneipe zu gehen. Da muss man schon mehr bieten. Für Familienfeiern ist die Dorfgaststätte in vielen Regionen noch der zentrale Treffpunkt. Hier gibt es aber einen Konzentrationsprozess. Trotzdem will ich weg von der Schwarzmalerei. Wenn man die Branche insgesamt ansieht, verzeichnen wir seit Jahren ein permanentes Wachstum. Was wir erleben, ist eher eine Verschiebung innerhalb der Branche.

Lesen Sie auch: Warum immer mehr Kneipen sterben

Was verschiebt sich da?

Wir haben Rückgänge in der traditionellen Gastronomie, aber legen im Beherbergungsgewerbe, bei Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen kräftig zu. Das hat unter anderem mit der damals so umstrittenen Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent zu tun. Die Steuersenkung hat einen ordentlichen Schub gebracht, von dem wir noch heute profitieren. Ich frage mich, warum man diesen Schritt nicht auch für die Gastronomie vollzieht.

In anderen Ländern geben die Menschen viel mehr Geld für Lebensmittel aus. Sind die Deutschen in diesem Punkt einfach zu geizig?

Geizig ist zu einfach. Wir haben es seit Jahren versäumt den Wert gesunder regionaler Lebensmittel zu vermitteln. Im Kindergarten, in der Schule, im Elternhaus. Und auch unsere Branche hat es versäumt, den Wert unserer Dienstleistung heraus zu stellen. Es fehlt das Bewusstsein, dass ein Essen mit Produkten aus der Region, zubereitet von einem Koch, der von seinem Gehalt eine Familie ernähren möchte, mehr kosten muss, als ein Gericht aus der Tiefkühltruhe.

Der Fernsehkoch Christian Rach prophezeit eine Katastrophe, weil die Köche fehlen. Hat er Recht?

Ich würde nicht so weit gehen, eine Katastrophe herbei zu reden, aber es ist schon ein ernstes Problem, auf das prominente Gastronomen aufmerksam machen wollen. Die Politik wird sich Frage gefallen lassen, ob sie in Zukunft noch den Mittelstand, den wir stellen, haben will. Es ist ja nicht nur so, dass die Politik uns im Stich lässt. Sie verhält sich auch noch schädlich.

Inwiefern?

Neben der steuerlichen Ungleichbehandlung klagen die Gastronomen über eine überbordende Bürokratie und immer neue Auflagen. Die einzige Entlastung, die jetzt für die Branche gekommen ist, ist dass der Meldeschein im Hotel digital ausgefüllt werden kann. Dafür haben wir zehn Jahre gebraucht! Jetzt gibt es Signale, dass der Vergabemindestlohn für Unternehmen mit öffentlichen Aufträgen in Brandenburg auf 13 Euro steigen soll. Wir sind auch dafür, dass jeder von seiner Hände Arbeit leben soll. Aber bei den tariflichen Einstiegslöhnen zahlt nur Hessen seinen gelernten Fachkräften aktuell 13 Euro. Da fehlt unseren Kollegen und mir das Verständnis, wie die Unternehmen in Brandenburg das realisieren sollen.

Wie bewerten Sie den Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung sonst?

Dass weiter in den Ausbau des Radwegenetzes investiert werden soll, muss ausdrücklich gelobt werden. Davon haben viele Betriebe entlang der touristischen Routen extrem profitiert. Wir freuen uns auch, dass das Thema Flexibilisierung der Arbeitszeiten angegangen werden soll. Hier werden wir das Gespräch suchen und die Umsetzung einfordern.

Wenn Sie Bürokratie kritisieren: Die ist ja kein Selbstzweck, sondern dient dem Verbraucherschutz. Wollen Sie weniger Verbraucherschutz?

Ich habe überhaupt nichts gegen Verbraucherschutz. Aber die Bürokratie hat dazu beigetragen, dass man mittlerweile ein Drittel der Arbeitszeit am Schreibtisch sitzt. Das ist ein Aufwand, der viele abschreckt. Und über den Sinn kann man bei einigen Maßnahmen streiten. Nehmen sie die Kennzeichnung von Allergenen, die ich sehr sinnvoll finde. Nur fragt kaum ein Gast nach einer extra Speisekarte, sondern die Servicekraft oder den Koch. Das war schon immer so und hat funktioniert. Wenn ein Koch mit täglich wechselnden Produkten aus der Region arbeiten will, muss er jedes Mal schauen, ob seine Kennzeichnung in der Speisekarte noch korrekt ist. Manche Ordnungsbehörden arbeiten dazu auch noch überkorrekt. Muss man denn einem Gastwirt ein Ordnungsgeld aufbrummen, weil er in seiner Karte nicht gekennzeichnet hat, dass Cappuccino Milch enthält? Dazu fällt mir ehrlich gesagt auch nichts mehr ein.

Von Torsten Gellner

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