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Brandenburg Können Passagiere nicht automatisch entschädigt werden?
Brandenburg Können Passagiere nicht automatisch entschädigt werden?
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00:19 29.12.2018
Flug gestrichen? Als Passagier hat man umfassende Rechte. Quelle: Stratenschulte/dpa
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Potsdam

Schluss mit komplizierten Antragsformularen: Bahnkunden und Flugreisende sollten nach Ansicht von Verbraucherschützern bei Verspätungen künftig automatisch entschädigt werden. Wenn ein Ticket online gebucht worden sei, lägen alle nötigen Informationen vor. „Da gibt es überhaupt keinen Grund, warum nicht die Fluglinie, die Bahn auch, Entschädigungen automatisch auf mein Konto zurückbucht“, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), Klaus Müller.

„Viele Tausend Reisende hatten dieses Jahr einen Sommer des Grauens“, sagte Müller. Passagiere seien wegen Streiks oder technischer Probleme gar nicht oder nur mit großen Verspätungen an ihr Ziel gekommen. Bei der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr schnellte die Zahl der Beschwerden nach oben – zu Jahresende könnten es doppelt so viele sein wie im Vorjahr. Viele Kunden beantragen Entschädigungen aber nicht – wohl auch, weil man dafür noch immer handschriftlich Formulare ausfüllen und einreichen muss.

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Entschädigungen seien nicht nur Kompensation für sie, sondern auch ein Zeichen an die Unternehmen, dass sie sich nicht alles erlauben könnten, so Müller. Zu oft rechne es sich für Airlines oder Bahn derzeit, knapp zu planen, beim Personal und der technischen Ausrüstung zu sparen und Angebote zu verkaufen, die sie nachher nicht einhalten könnten. Dabei steht Bahnkunden bereits ab einer Stunde Verspätung am Zielort ein Viertel des Ticketpreises zu, bei mehr als zwei Stunden ist es die Hälfte - unabhängig vom Grund für die Verspätung. Airlines dagegen können sich oft auf höhere Gewalt berufen. Bei kurzfristigen Annullierungen und großen Flugzeitänderungen können Passagiere aber je nach Flugdistanz auch Anspruch auf bis zu 600 Euro Schadenersatz haben.

Christian A. Rumpke, Chef der Verbraucherzentrale Brandenburg, beklagte, dass es in Deutschland oft an einer Durchsetzung von Rechten mangele. Die Entschädigungsregeln für Passagiere seien klar. „Aber es gibt Fluglinien, die diese Regelungen immer wieder umgehen wollen“, sagte er. „Zum Teil sind sie da sehr kreativ. Geschädigte Kunden erhalten zum Beispiel einen Scheck, der nur bei einer ausländischen Bank einlösbar ist“, sagte Rumpke. Wenn sich dieses Muster wiederhole, müsse der Staat eingreifen. Als Druckmittel könnten beispielsweise Flugzeuge festgesetzt werden, wenn eine Fluggesellschaft massenhaft gegen Fluggastrechte verstoße. Die Brandenburger Verbraucherzentrale hatte unter anderem gegen die Airline Easyjet einen juristischen Sieg errungen. Die Fluggesellschaft hatte die Gebühren für eine Gepäckzubuchung erhöht, ohne die Kunden zu informieren. Easyjet muss die Kunden nun über mögliche Preisschwankungen informieren.

Seine Rechte durchzusetzen, dürfe für den Verbraucher nicht zum Spießrutenlauf werden, betonte Klaus Müller vom Bundesverband. Das Verfahren müsse vereinfacht werden. Ein erster Schritt könne sein, dass man Entschädigungen auch online beantragen könne – genau so, wie man auch das Ticket kaufe. Dafür machte sich Mitte Dezember auch der Bundesrat stark. Die Mehrheit der Länder stimmte dafür, dass die Bundesregierung die Voraussetzungen für ein automatisiertes Entschädigungsverfahren prüfen soll.

Von Torsten Gellner und Alexandra Stahl

26.12.2018
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