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Brandenburg Kohle-Kompromiss: Das sagen die Anwohner in der Lausitz
Brandenburg Kohle-Kompromiss: Das sagen die Anwohner in der Lausitz
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00:18 29.01.2019
Mit Raureif überzogen: Aus dem Tagebau Welzow-Süd werden jährlich etwa 20 Millionen Tonnen Rohbraunkohle gefördert. Quelle: Patrick Pleul/dpa
Welzow/Potsdam

Es ist ein ganz normaler Samstagmittag im Januar in Welzow. Auch in der Lausitz ist Schnee gefallen und fällt noch. Die Welzower greifen zur Schneeschaufel und beseitigen den schweren Matsch von den Bürgersteigen. Und sie kaufen ein. Nichts deutet daraufhin, dass nur Stunden zuvor eine Entscheidung in Berlin gefallen ist, die große Veränderungen für die 3000-Seelen-Gemeinde Welzow bedeuten wird. Die Kohlekommission hat sich darauf geeinigt, der Bundesregierung zu empfehlen, bis 2038 aus der Kohleverstromung auszusteigen. Welzow liegt in direkter Nachbarschaft zum Tagebau Welzow-Süd.

„Ich bin im Kohledreck groß geworden. Und ich lebe noch.“

Katrin Zeidler ist von der Entscheidung der Kohlekommission enttäuscht – wegen der wegfallenden Arbeitsplätze in der Region. Die 43-Jährige steht vor einem Supermarkt in Welzow, sie erledigt die Einkäufe für das Wochenende und hat eine klare Meinung. Sie sieht zwischen der Kohleverstromung und dem Wohlergehen der Umwelt keinen Konflikt. „Wie lange leben wir mit der Kohle?“ fragt sie. „Wir kennen es nicht anders. Ich bin im Kohledreck groß geworden. Und ich lebe noch.“

Ein 65-jähriger Anwohner sagt: „Natürlich muss man was für die Umwelt tun, ob es nun der richtige Weg ist, so knallhart auszusteigen, weiß ich nicht.“ Er zweifelt daran, dass die erneuerbaren Energien zu 100 Prozent den Strombedarf decken können. Der Mann hat vor allem Bedenken, was der Kohleausstieg für die Arbeitnehmer in der Region bedeutet. „Es arbeiten noch sehr viele Menschen in der Kohle. Ich habe viele Bekannte.“

„Stoppt die sinnlose Vernichtung von Ansiedlungen!“

Ganz anders sehen es die Menschen in Proschim. Der Ortsteil von Welzow wäre das nächste Dorf, das weichen müsste, wenn die Lausitz Energie Bergbau AG (Leag) ihre Förderung ausbauen dürfte.

„Ich gehe nicht davon aus, dass es wegkommt“, sagt Torsten Lück. Der 55-Jährige beseitigt den Schnee vor seinem Haus. Um die Ecke steht ein großes, grünes Holzschild an der Straße: „Stoppt die sinnlose Vernichtung von Ansiedlungen!“

Schild in Proschim "Stoppt die sinnlose Vernichtung von Ansiedlungen!" Quelle: Annika Jensen

Proschimer wünschen sich früheren Ausstieg

„Was lohnt sich das noch? 2038 sollen sie Schluss machen.“ Lück freut sich über die Entscheidung. „Eigentlich ist es aber zu spät. Der Ausstieg müsste noch viele eher kommen. Nicht nur, um das Klima zu retten“, sagt er weiter. „Sondern auch um die Zerstörung der Gegend durch die Leag zu verhindern. In diesen 20 Jahren kann man noch viel Schaden machen.“ Er sagt auch: „Die Leute sehen nur die Arbeitsplätze. Aber es gibt so viel mehr. Die Umwelt, das Klima. Die Leute kennen das hier gar nicht mehr, aber gab hier mal blühende Landschaften“, sagt er und blickt umher. „Es gab Teiche, hier waren Bäche.“

Lück freut sich, dass das einzige Mitglied, das gegen die Entscheidung der Kohlekommission war, aus Welzow kommt: Hannelore Wodtke. Ihr Ziel sei es, die Menschen vor der Heimatlosigkeit zu bewahren, sagte sie im MAZ-Interview. „Erstaunlicher Mut, dass sie dagegen gestimmt hat“, sagt er.

Lesen Sie auch: Warum diese Frau als Einzige gegen den Kompromiss stimmte

Hannelore Wodtke aus Welzow in der Lausitz stimmte als einziges Mitglied der Kohlekommission gegen den Abschlussbericht. Im Gespräch mit der MAZ erklärt sie, warum sie Nein sagte.

Spremberger Bürgermeisterin lobt Kompromiss

Auch sein Nachbar Martin Bossler ist mit dem Schnee vor seinem Haus beschäftigt. Der 70-Jährige stützt sich auf der Schneeschippe ab, blickt in die Ferne. „20 Jahre sind mir viel zu lang. Unser Dorf könnte immer noch bedroht sein.“ Er denkt an die Zukunft. „Was wollen die unseren Enkeln und Enkelkindern hinterlassen?“ fragt er und lässt offen, wen er mit „die“ meint. „Ich hätte mir ein Ausstiegsdatum um 2030 gewünscht. Ich befürchte, dass die Bundesregierung sich an der Entscheidung der Kommission orientieren wird, hoffe aber, dass das irgendwann doch revidieren wird.“

20 Kilometer entfernt, in Spremberg und in direkter Nachbarschaft zum Kraftwerk „Schwarze Pumpe“ der Leag betreibt Jörg Hubatsch, 52, gemeinsam mit seiner Frau eine Pension. An ihren Fenstern rauschen täglich tausende Tonnen Kohle vorbei. Ihre Gäste sind Arbeiter, die für die Verbundfirmen der Laeg kurzfristig im Kraftwerk zu tun haben. „Ich finde die Entscheidung der Kohlekommission gut“, sagt Hubatsch. „Die Kohle ist desaströs, wenn ich mir die Landschaft hier angucke.“ Sorgen um seine Pension macht er sich nicht. „Wir werden nicht leiden, weil dann der Rückbau passiert.“

Die Bürgermeisterin von Spremberg indes, Christine Herntier, sagt: „Wir aus der Region mussten uns einiges abringen lassen, haben dafür aber auch einiges bekommen“, sagt die parteilose Herntier, die Mitglied der Kommission ist. „Es ist ein Kompromiss, den ich mittragen kann.“ Sie nannte einen Betrag von 18 Milliarden Euro Hilfe für die Lausitz in Brandenburg und Sachsen für die nächsten 20 Jahre.

Von Annika Jensen

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