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Brandenburg Krenz-Buch: Onkel Egon erzählt vom Kalten Krieg
Brandenburg Krenz-Buch: Onkel Egon erzählt vom Kalten Krieg
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07:39 12.07.2019
Egon Krenz bei der Gedenkveranstaltung für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 2019 in Berlin. Quelle: imago
Berlin

Wir schreiben das Jahr 2019 nach Christus. Ganz Berlin-Mitte ist von glitzernden Außenposten des globalen Kapitalismus besetzt: Rolex, Gucci, Swarovski, Lagerfeld und so weiter. Aber im Gagarin-Saal im Russischen Haus gibt es einen Mann, der dem Eindringling unbeugsam Widerstand leistet. Sein Name ist Egon Krenz (82).

Der Staatsratsvorsitzende a.D. breitet im Buch „Wir und die Russen“ seine Sicht auf die dramatischen Monate im Herbst 1989 aus, und zwar so, wie er diese Zeit selbst erlebt hat. Das betont Krenz eingangs der Buchvorstellung – „nicht vom Hörensagen und nicht nachträglich angelesen“. In der ersten Reihe nicken zustimmend alte Männer, die vor 30 Jahren ebenfalls in führender Position die Geschicke der DDR lenkten, darunter Fritz Streletz (Chef des Nationalen Verteidigungsrat, der später wie Krenz wegen der Todesschüsse an der Grenze ins Gefängnis musste), des weiteren die Genossen Siegfried Lorenz und Bruno Mahlow.

Das Publikum ist hingerissen

Doch auch der Rest des Publikums, überwiegend im Krenz-Alter (plus/minus zehn Jahre) ist hingerissen von den Buchauszügen, in denen Egon Krenz nicht weniger versucht, als der Deutschen Demokratischen Republik einen würdigen Platz in den Geschichtsbüchern zu verschaffen. „Die Aufarbeitungs-Industrie“, so seine Klage, „schiebt der DDR alles Ungemach des Kalten Krieges in die Schuhe“.

Aus seiner Sicht war bereits die Staatsgründung im Oktober 1949 nur eine Reaktion auf die „spalterische Gründung“ der BRD fünf Monate früher. „Moskaus Ziel war nie ein deutscher Separatstaat“, führt Krenz aus, und hebt auf die „Stalin-Note“ aus dem Jahr 1952 ab. Doch damals hätten Adenauer und Eisenhower diese Chance für die Deutsche Einheit nicht ergriffen und das ehrliche Angebot des Genossen Stalin als Propaganda abgebügelt.

„An der Wiege der DDR stand die UdSSR“, stellt Krenz fest. 40 Jahre später dann die umgedrehte Situation: „Als die UdSSR auf dem Sterbebett lag, gab es für die DDR keine Chance mehr.“ Wen Krenz für den maßgeblichen Totengräber hält, ist wohlbekannt. Michail Gorbatschow.

Gorbatschow und das Butterbrot

Das ist keine ganz neue Darstellung, sondern eine Variation dessen, was Walentin Falin, langjähriger sowjetischer Botschafter in Bonn, in seinen Memoiren behauptet hat: Gorbatschow habe die DDR „für ein Butterbrot“ hergegeben. Damit, so Krenz’ Bewertung, habe er die schwierige, aber letztlich stabile Nachkriegs-Weltordnung preisgegeben und den Block sozialistischer Staaten gesprengt. „Eine Katastrophe“, findet Krenz.

Er ist dem damaligen Generalsekretär der KPdSU zwischen der Amtseinführung im März 1985 und November 1989 oft begegnet: „Ich kenne seine Vorzüge und charakterlichen Schwächen aus eigener Anschauung“, sagt er. Eine „Abrechnung“ mit Gorbatschow sei das Buch aber nicht. Über seine Ernennung mutmaßt Krenz, es sei damals „nicht der Beste, sondern der Jüngste“ gewählt worden, nachdem in Moskau seit 1982 drei altersschwache Staats- und Parteichefs gestorben waren.

Freundschaft als Staatsdoktrin

Überhaupt, die Sowjetunion: Die Freundschaft mit der Sowjetunion habe in DDR zur Staatsdoktrin gehört, „und das war auch gut so“. Die Sanktionspolitik der Bundesregierung und das derzeit so getrübte Verhältnis zwischen Deutschen und den Russen treibt Egon Krenz um. Langsam liest er sich in Rage und seine Stimme bebt, als er über die Ost-Erweiterung der Nato spricht. „Deutsche Panzer an der russischen Grenze sind eine Schande!“, ruft er, und an dieser Stelle gibt es im Gagarin-Saal den intensivsten Beifall.

Natürlich ist es Krenz, der seine Verurteilung in den 1990er-Jahren immer als Unrecht empfunden hat, auch ein Anliegen, seine Rolle in der „Gechichte“ (er spricht das wirklich genauso fehlerhaft aus wie einst Helmut Kohl) zurechtzurücken. Dass die großen Demonstrationen in Leipzig (9. Oktober) und Berlin (4. November) unblutig vonstatten gingen, sei vor allem der Besonnenheit von Volkspolizei, Nationaler Volksarmee und Staatssicherheit zu verdanken gewesen. Er zitiert aus seinem Befehl 11/89 vom 3. November jenen Jahres: „Die Anwendung der Schusswaffe ist grundsätzlich verboten.“

Über das Grenzregime in den 28 Jahren davor weiß Egon Krenz an diesem Abend nichts zu berichten. Es fragt ihn aber auch niemand.

„Wir und die Russen“ erscheint bei Eulenspiegel/Edition Ost, 304 Seiten, 16,99 Euro.

Von Thorsten Keller

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