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Brandenburg Landesbischof Dröge im Interview: Warum Seenotrettung eine Christenpflicht ist
Brandenburg Landesbischof Dröge im Interview: Warum Seenotrettung eine Christenpflicht ist
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09:34 31.10.2019
Markus Dröge steht seit 2009 an der Spitze der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Mitte November geht er in den Ruhestand. Quelle: epd
Potsdam

Mitte November endet die zehnjährige Amtszeit des Berlin-Brandenburger Landesbischofs Markus Dröge.

Bischof Dröge, Sie werden am Reformationstag in der Berliner Zionskirche predigen. 30 Jahre nach dem Mauerfall an diesem politisch bewegten Ort, zugleich wird es ihre letzte Reformationspredigt als Landesbischof sein. Ein bewegender Moment?

Es geht mir gerade bei vielen Veranstaltungen so, dass ich denke, das machst du ein letztes Mal im Bischofsamt. Da schwingt eine Mischung aus Dankbarkeit und Wehmut mit, weil es ein wunderbar spannendes Amt ist. Und der Ort, die Zionskirche, erinnert uns daran, dass die evangelische Kirche ein wesentlicher Motor der friedlichen Revolution war. Insofern ist das natürlich ein besonderer Reformationstag für mich.

In Ihre zehnjährige Amtszeit als Landesbischof fiel das Reformationsjubiläum vor zwei Jahren. War das ein Höhepunkt für Sie?

Das war für meine Amtszeit etwas ganz Besonderes. Ich habe gemerkt, wie viel Interesse an der Reformationsgeschichte besteht. Und zwar durchaus auch bei Leuten, die gar nicht Mitglied der Kirche sind. Sie haben gemerkt, dass sie in der DDR relativ wenig von den reformatorischen Traditionen gehört haben, und dass das aber etwas mit der Geschichte ihres Landes zu tun hat. Auch die Botschaft der Reformation traf auf eine große Offenheit: Es geht um die Freiheit des Gewissens und darum, Verantwortung für den Nächsten zu übernehmen. Heute würde man vom Gemeinwohl sprechen. Das hat viele Menschen bewegt, auch solche, die sich selbst als Atheisten bezeichnen.

Wie sehr sind Sie enttäuscht, dass Berlin seinen zusätzlichen Feiertag nicht auf den Reformationstag gelegt hat?

Klar bin ich enttäuscht. Denn es hätte so gut gepasst nach der enorm positiven Resonanz auf das Reformationsjubiläum. Die Botschaft der Reformation ist universell, es hätte jeder mitfeiern können. Aber Berlin hat eine Inselexistenz gewählt und ist jetzt das einzige Bundesland im Osten, das den Reformationstag nicht als Feiertag begeht.

Worüber werden Sie am Reformationstag predigen?

Es geht um die zentrale Botschaft der Rechtfertigung, darum, dass wir als Menschen anerkannt und von Gott geliebt sind, unabhängig davon, wie viel wir im Leben leisten können. Als befreite Menschen können wir Verantwortung übernehmen.

Markus Dröge

Bischof Markus Dröge (65) kam im Oktober 1954 in Washington D.C. als Sohn eines Diplomaten zur Welt. Er wuchs in den USA, in Bonn, Paris und Brüssel auf.

Nach seiner Promotion übernahm Dröge ab dem Jahr 2000 verschiedene Lehraufträge für Systematische Theologie an der Universität Koblenz. Von 2004 bis 2009 leitete er in Koblenz den zweitgrößten Kirchenkreis der rheinischen Landeskirche.

Im November wurde er Nachfolger von Wolfgang Huber als Bischof der Evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). Turnusgemäß endet sein Amt Mitte November. Sein Nachfolger wird der bisherige Probst Christian Stäblein. Dröge ist verheiratet und hat drei Kinder.

Sie haben immer wieder darauf verwiesen, dass Christsein ein „Christsein der Tat“ sein müsse. Der gelebte Glaube darf sich also nicht im Ritus erschöpfen, er muss auch im Alltag gelebt werden. Kommt Ihnen das zu kurz?

Das habe ich ja nicht erfunden, es stammt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus, der geschrieben hat vom Gottesdienst im Alltag der Welt. Das hat auch die Reformation betont: Jeder lebt sein Christsein auch im Alltag und im Beruf. Christsein bedeutet also nicht: Da treffen sich die Frommen in der Kirche. Wir müssen uns immer fragen, was unser Glaube für unser gesellschaftliches Engagement bedeutet. Das tun wir als Kirche, in dem wir die Menschen in der Lausitz beim Strukturwandel begleiten, uns in der Diakonie um Notleidende kümmern oder in der Flüchtlingshilfe engagieren.

Der Berliner Rabbiner Yehuda Teichtal (l) und Markus Dröge im Gespräch. Quelle: dpa

Dieses Engagement ist durchaus umstritten. Die Synode der Landeskirche hat gerade beschlossen, dass das bundesweite Seenotrettungsbündnis der Evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt werden soll. Was halten Sie Kritikern dieser Initiative entgegen?

Das Schiff erinnert an die humanitäre Katastrophe, die sich vor den Toren Europas abspielt. Das Rettungsschiff kann und soll die politisch Verantwortlichen mahnen, Fluchtursachen zu bekämpfen und eine konsistente europäische Flüchtlingspolitik zu entwickeln. Für die Seenotrettung werden keine Kirchensteuermittel eingesetzt, sie basiert allein auf Spenden. Die Evangelische Kirche wird auch nicht zur Reederei. Wir werden mit unseren Spenden dafür sorgen, dass Sea-Watch ein zusätzliches Schiff einsetzen kann. Wir glauben nicht, dass wir mit diesem Schiff die Fluchtursachen lösen können. Dafür arbeiten wir in einem großen Verbund mit Brot für die Welt, der Diakonie Katastrophenhilfe und dem evangelischen Entwicklungsdienst daran, dass weniger Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Aber diejenigen, die fliehen, weil sie überhaupt keine Zukunft mehr sehen, die darf man doch nicht im Mittelmeer ertrinken lassen! Seenotrettung ist eine Christenpflicht. Diese Moral wird leider von einigen mit Füßen getreten.

Haben die Kritiker der Seenotrettungsinitiativen die christliche Botschaft nicht verstanden?

Sie sind sehr stark von Ängsten getrieben. Deswegen stellen wir uns als evangelische Kirche den abstrusen Verschwörungstheorien entgegen, wonach die Afrikaner den europäischen Kontinent überfluten, um unser Land zu destabilisieren. Das hat mit der Realität überhaupt nichts zu tun.

Die AfD hat in Brandenburg und Sachsen rund ein Viertel der Wählerstimmen erhalten. Ist der Konflikt –die viel zitierte Spaltung – auch innerhalb der Gemeinden spürbar?

Wir spüren es nicht so direkt, aber wir wissen, dass sich Menschen beeindrucken lassen von diesen Thesen. Die Diskussionskultur ändert sich, sie wird härter und unsachlicher. Wir alle müssen aufpassen, dass unsere offene Diskussionskultur erhalten bleibt.

Die Thüringer AfD hat eine regelrechte Kampfschrift veröffentlicht. Sie trägt den Titel: „Unheilige Allianz. Der Pakt der Evangelischen Kirche mit dem Zeitgeist und den Mächtigen“. Sind AfD und christlicher Glaube miteinander nicht kompatibel?

Die AfD hat mit dieser Schrift eine offene Kampfansage an unsere Kirche gerichtet, mit einer Schrift, die geschichtliche Zusammenhänge völlig ins Gegenteil verdreht. Sie instrumentalisiert darin den Kampf der Bekennenden Kirche gegen Nazi-Deutschland auf infame Weise für sich. Sie behauptet im Grunde das Gegenteil dessen, was historisch passiert ist. Die Bekennende Kirche hat sich damals gegen das NS-Regime gewandt. In dieser Tradition sehen wir uns. Die AfD vertritt im Gegenteil ganz ähnliche Thesen wie die damaligen „Deutschen Christen“, die sich den Nazis angedient haben.

Die neue Kenia-Koalition in Brandenburg will verstärkt verfolgte Christen aufnehmen. Wie groß ist das Problem?

Die Verfolgung von Christen ist eine ganz schlimme Entwicklung. Ich war in Ägypten und habe dort die Zerstörung christlicher Kirchen erlebt. In Syrien ist das einst gute Zusammenleben der verschiedenen Religionen fast vollständig zerstört. Deswegen habe ich 2010 eingeführt, dass wir insbesondere in der Passionszeit in Gottesdiensten an die bedrängten Christen in der Welt denken - als Zeichen der Solidarität.

In ihrer Amtszeit ist die Zahl der Kirchenmitglieder weiter gesunken. Sie liegt bei knapp unter einer Million. Die Kirchensteuereinnahmen werden weiter sinken. Welche Folgen hat das? Wird Kirche weniger sichtbar sein in Zukunft?

Das muss man einordnen: Viele andere gesellschaftliche Institutionen haben auch Schwierigkeiten: Parteien, Verbände, Gewerkschaften – die Bindungskraft nimmt überall ab. Bei uns nicht ganz so stark, aber eben auch. Deshalb sollten wir auch nicht allzu sehr klagen. Selbst wenn die Prognose der Freiburger Studie zur Situation der Kirche im Jahr 2060 eintrifft und wir nur noch etwa die Hälfte der heutigen Kirchenmitglieder hätten, wären wir noch immer eine der stärksten gesellschaftlichen Institutionen. Wir werden weiter sichtbar bleiben und unsere Stimme erheben und uns gesellschaftlich engagieren für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Umwelt.

Wird die Kirche weitere Gebäude abstoßen müssen?

Auch das wird immer dramatisiert. In der Region haben wir 1600 Dorfkirchen, und wir mussten in den vergangenen 20 Jahren maximal 15 bis 20 Kirchen aufgeben. Die Dorfkirchen werden bleiben und weiter ihre wichtige Rolle spielen. Sie sind schon jetzt Zentren der Kultur und des dörflichen Lebens. Sie sollen in Zukunft noch stärker für die Gemeinwesenarbeit eingesetzt werden. Wir bieten in den Kirchen zum Beispiel Raum für Gruppenarbeit, Seniorentreffs, Beratungen, auch hat jetzt schon ein Ortsbürgermeister in einer Kirche sein Büro. Da ist noch viel möglich.

Die Kirche leidet, wie viele andere Bereiche auch, unter dem Fachkräftemangel. Wie schwierig ist es, Pfarrer für die Seelsorge in Brandenburg zu finden? Schwerer als für den Dienst in Berlin?

Ja, das ist schon schwerer, denn viele Theologen, die in Berlin studieren, möchten in der Stadt bleiben. Wir haben aber eine strenge Regel: Die Hälfte der Absolventen muss nach Brandenburg und dort die erste Stelle antreten. Das ist nicht einfach, aber wir haben Programme, um es den Absolventen näher zu bringen. Es gibt zum Beispiel ein Landpraktikum, wo man zwei Wochen einen Landpfarrer begleitet. Viele merken dann, dass sie auf dem Land gebraucht werden und können sich auch vorstellen zu bleiben.

Von Torsten Gellner

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