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Brandenburg Landeshauptarchiv digitalisiert 12000 Akten
Brandenburg Landeshauptarchiv digitalisiert 12000 Akten
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02:16 06.05.2018
Eine Besucherin blättert in Akten über Siedlungs- und Wohnungswesen bis 1945.
Eine Besucherin blättert in Akten über Siedlungs- und Wohnungswesen bis 1945. Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv
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Potsdam

Gute Nachrichten für Historiker: 11757 historische Akten der Länder Preußen und Brandenburg sollen ab Juli 2020 auf dem Portal des Landeshauptarchivs Brandenburg online verfügbar sein. Das Material gehörte der früheren Regierung Potsdam, einem der vielen Regierungsbezirke Preußens. Es beginnt Ende des 18. Jahrhunderts und endet etwa im Jahr 1945. Insgesamt können nach Abschluss der Arbeit rund 5,6 Millionen einzelne Aktenseiten von der Geschichtsforschung online ausgewertet werden.

Das Gedächtnis des Landes

Das Brandenburgische Landeshauptarchiv ist das zentrale staatliche Archiv und damit so etwas wie das Gedächtnis des Landes Brandenburg.

Das neue Haus in der Straße Am Mühlenberg  3 in Golm wurde im April 2016 eröffnet. Es hat vier Geschosse mit 14 000 Quadratmetern Nutzfläche.

Der Bestand beläuft sich auf etwa 53 000 laufende Meter, 45 500 davon sind Akten. Dieses Archivgut aller Stellen des Landes Brandenburg, ihrer Rechts- und Funktionsvorgänger sowie der früheren Reichs- und Bundesbehörden reicht zurück bis ins 10. Jahrhundert und erstreckt sich bis in die Gegenwart.

Die Akten sind Teil einer großen Digitalisierungskampagne des Landeshauptarchivs. Das hat unter einigen Bewerbern eine Firma für das neue Teilprojekt ausgewählt. „Wir organisieren gerade den Testlauf“, sagt Julia Moldenhawer, Referatsleiterin Digitalisierung. Ein Betrieb im niedersächsischen Peine werde voraussichtlich ab Mitte Mai pro Monat etwa 100 Filme des Landeshauptarchivs scannen und bearbeiten. Die Anforderungen sind hoch. Die Auflösung muss groß genug sein, um Vergrößerungen auf dem Bildschirm zu ermöglichen. Außerdem müssen die Quellenangaben eingeblendet werden. Das Archiv muss jedes Mal sorgfältig die Qualität der Arbeit prüfen. Das dauert pro Bildsatz zwei Wochen. In Peine wird etwa drei Viertel des Materials digitalisieren, ein letztes Viertel übernimmt das Landeshauptarchiv auf dem Campus Golm selbst. Die Einrichtung rechnet in den kommenden 30 Monaten mit Kosten von 330 348 Euro für das groß angelegte Projekt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) übernimmt aber 235315 Euro.

Akten von zu Hause aus anschauen

„Digitalisierung ist die zeitgemäße Form der Nutzung und Bereitstellung von Archivgut“, begründet Moldenhawer den Aufwand. „Man kann die Akten dann auch von zu Hause ausschauen.“ Außerdem hätten beliebig viele Leute zugleich Zugriff auf ein Dokument. Das ist derzeit nicht möglich.

Bei dem für die Digitalisierung genutzten Material handelt es sich nämlich um insgesamt 1200 Mikrofilme, die das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zur Datensicherung in Auftrag gegeben hatte. Die Filme erstellte das Landeshauptarchiv 2011 bis 2017. Eine Strecke wurde mit anderen wertvollen Dokumenten im Barbarastollen in Oberried bei Freiburg im Breisgau zur Sicherheit eingelagert. Das Landeshauptarchiv besitzt eine eigene Version. Will jemand dieses Material studieren, muss er oder sie das Mikrofilm-Lesegerät im Archiv benutzen. Den Film kann immer nur eine Person auswerten.

„Es geht uns auch darum, den Zugang zu den Akten zu erleichtern“, sagt Hauptarchiv-Sprecherin Friederike Scharlau. Interessenten müssten dann für einen ersten Überblick nicht mehr eigens zum Archiv fahren. „Wir möchten auch, dass sie von mehr als nur einer Person gleichzeitig gelesen werden können.“ Schon jetzt hat das Online-Archiv eine sehr gute Verschlagwortung. Gibt man zum Beispiel das Wort „Garnisonkirche“ bei der Volltextsuche ein, erscheinen sofort 184 Titel zu diesem Thema.

Beschleunigung der Forschung

Das gegenwärtige Online-Archiv weist aber nur auf die Existenz der Dokumente hin. Einsicht gibt es nur im Hauptarchiv selbst. Sind aber erst einmal die jetzt ausgewählten Akten digitalisiert, gehen Dokumentensuche vom und Sichtung der vorhandenen Dokumente vom heimischen Schreibtisch aus Hand in Hand. Scharlau und Moldenhawer schließen nicht aus, dass die Digitalisierung den Forschungsprozess beschleunigt.

Die künftig übers Internet verfügbaren Akten handeln von Hochbauangelegenheiten, kommunalen Entscheidungen, vom Siedlungs- und Wohnungswesen und nicht zuletzt von polizeilichen und politischen Angelegenheiten Brandenburgs und Preußens. Das alles könne durchaus von großem Interesse sein, betont Moldenhawer. Unter die Hochbauangelegenheiten falle zum Beispiel auch der ganze Denkmalschutz und damit der Umgang mit dem Schlössererbe im 19. und im frühen 20. Jahrhundert.

Judenverfolgung und Zwangsarbeit

Es gebe aber auch Material zur Verfolgung von Juden oder zur Zwangsarbeit auf dem Territorium Brandenburgs, schließlich zu politischen Bewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts. Wie die KPD sich in der Region verhielt, sei ebenso zu rekonstruieren wie die Entwicklung der NSDAP vor Ort. Die Akten des sogenannten „Bestand Rep. 2A Regierung Potsdam“ bildeten unmittelbar die Politik der jeweiligen Regierungen ab. „Sie gehören schon jetzt zu den am meisten genutzten Beständen des Archivs“, sagt Moldenhawer. Dank der Digitalisierung würden sich künftig sicher noch ganz neue Forschungsfragen beantwortet lassen.

Der Zeitplan für die Digitalisierung sei genau kalkuliert. Moldenhawer ist sehr zuversichtlich, dass das neue digitale Geschichtsbuch über Brandenburg ab Juli 2020 prinzipiell in jedem Laptop aufgeschlagen werden kann.

Von Rüdiger Braun