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Brandenburg Gute Auftragslage der Handwerker – lange Wartezeiten für Kunden
Brandenburg Gute Auftragslage der Handwerker – lange Wartezeiten für Kunden
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19:12 03.02.2019
Tobias Radtke von der Oranienburger Zimmerei Spindler sägt einen Balken zurecht.
Tobias Radtke von der Oranienburger Zimmerei Spindler sägt einen Balken zurecht. Quelle: Foto: Robert Roeske
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Oranienburg

„Da oben sieht es total gesund aus. Das ist aber ein Trugschluss.“ Tobias Radtke streift mit seiner Schuhspitze über einen Balken. Holzfasern bröseln herunter wie Mehl. „Die sind alle hinüber.“ Das Pultdach der Pension „Oranjehus“ in Oranienburg (Oberhavel) muss saniert werden. Radtke, 30, ist Vorarbeiter bei der Oranienburger Zimmerer-Firma Spindler. Er ist die rechte Hand seines Chefs Daniel Spindler.

Es ist bitterkalt. Feine Schneeflocken rieseln auf die fast 100 Jahre alten Balken und den fachkundig gezimmerten Ersatz aus hellem Holz mit abgerundeten Endstücken. Die neuen Balken können Radtkes Kollegen bald einbauen. Die Vorbereitungsarbeiten sind beinahe abgeschlossen. „Wir sind hier etwa eine Woche beschäftigt“, sagt der 30-Jährige.

Das morsche Dach ist einbruchsgefährdet

So schnell wie die Pension kommt derzeit kaum ein Bauherr an Handwerker. Der Sanierungsauftrag kam vor gut einem Monat von Susann Lucas (34), Geschäftsführerin der Pension mit 23 Zimmern. Vier Wochen Wartezeit – so etwas gibt es bei Spindler normalerweise nicht. „Im Moment müssen die Kunden mindestens ein halbes Jahr warten“, sagt Vorarbeiter Radtke. „Außer es handelt sich um einen Notfall, dann kommen wir innerhalb von 24 Stunden.“ Sturmschäden etwa sind Notfälle. „Dann heben wir den Baum vom Dach und decken es mit einer Plane ab, damit keine Havarien entstehen“, so Radtke. Susann Lucas’ Auftrag war ein Dringlichkeitsfall. Der war zwar nicht notwendigerweise innerhalb von einem Tag zu erledigen. „Aber bei den morschen Balken konnten wir nicht mehr lange warten. Das Dach war einsturzgefährdet“, sagt der Zimmermann.

Tobias Radtke aus Oranienburg (Oberhavel) von der Zimmerei Spindler Quelle: Robert Roeske

Was Tobias Radtke und alle anderen Handwerker im Land freut, frustriert die Kunden: Die Auftragslage ist so gut wie selten. Mehr als 90 Prozent der Brandenburger Betriebe äußern sich zufrieden. Die eine Firma muss ihre Kunden dadurch länger warten lassen. 2018 betrug die durchschnittliche Wartezeit elf Wochen – 2017 waren es noch neun.

Gehaltsaufschläge fürs Personal

„Wir merken schon, dass die Leute heute bereit sind, mehr Geld für Sanierungen und Bauen auszugeben“, sagt Tobias Radtke. „Einige Kunden beschweren sich, dass die Preise für Handwerksleistungen steigen.“ Diese Aufschläge seien aber dringend notwendig, um das Personal zu halten, so Radtke. „Sonst geht doch niemand mehr sein ganzes Leben lang dieser schweren Arbeit nach.“ Von Januar bis September 2018 stiegen die Löhne auf dem Bau laut Industrie- und Handelskammer (IHK) Potsdam um 5,5 Prozent. Um mehr als sechs Prozent verteuerten sich deshalb Neubauten im selben Jahr.

Susann Lucas, 34, Geschäftsführerin der Pension Oranjehus in Oranienburg, lässt ihr Dach sanieren Quelle: Annika Jensen

Dem Handwerk fehlen dennoch Fachkräfte. Ein Drittel des IHK-Mitgliedsunternehmen will Leute einstellen. Die Betriebe tun sich aber schwer bei der Suche nach geeigneten Bewerbern. Daniel Spindler beschäftigt derzeit sieben Gesellen – und ist immer noch auf der Suche. Langfristig möchte er auf zehn Gesellen aufstocken.

Zimmerleute verzweifelt gesucht

Nachwuchs-Zimmerleute sind hart umkämpft. Firmenchef Spindler schaut diesem Problem nicht untätig zu. Der 43-Jährige engagiert sich in der Nachwuchsförderung in Oranienburg. In der Jean-Clermont-Oberschule in Oranienburg gibt er eine AG zum Reinschnuppern in den Zimmererberuf. Mit drei Jungen baut er einmal in der Woche an einer Grillplatzüberdachung. „Ich bin sehr froh, dass die drei so interessiert dabei sind“, sagt Daniel Spindler.

Die Mühe lohnt sich. Einen seiner derzeit zwei Auszubildenden hat er über die Jean-Clermont-Schulte gefunden. Der zweite kam über den Lehrbauhof in Oranienburg, das überbetriebliche Ausbildungszentrum in der Stadt. Ohne Kontakte und aktive Werbung für den Beruf wären diese Arbeitsverhältnisse nicht zustande gekommen. Anders geht es nicht: Spindler hatte im vergangenen Sommer keine einzige Bewerbung auf dem Tisch liegen. Nur ein Bewusstseinswandel in der Bevölkerung könne den Fachkräftemangel in der Bevölkerung langfristig lösen, sagt Spindler: „Die Menschen müssen akzeptieren, dass eben nicht jedes Kind für das Gymnasium geschaffen ist.“ Nicht jeder müsse studieren. Sollte das Handwerk wieder mehr Anerkennung finde, stiegen wahrscheinlich die Bewerberzahlen.

Nur Notfälle kommen schnell dran

Susann Lucas indes ist froh, dass ihr Dach bald wie neu ist. Bei anderen Handwerksleistungen, die in ihrer Pension erledigt werden müssen, sieht das anders aus. Was nicht in die Kategorien Not- oder Dringlichkeitsfälle falle, dauere mehrere Monate.

„Wir sanieren gerade unsere Zimmer“, sagt Susann Lucas. „Seit letztem Jahr im August verschieben sich immer wieder die Termine für die Handwerker.“ Das betreffe die Malerarbeiten, den Austausch der Fußböden und die Sanitärdienstleistungen. „Die Firmen bekommen Notfälle rein, die Materialien werden später geliefert – oder die Unternehmen können ihre Aufträge personell nicht abdecken.“

Die Hälfte der Zimmer ist fertig. Für Lucas drängt die Zeit aber. Sie möchte mit den Sanierungsarbeiten bis zum Start der Radfahrsaison durch sein. „Jetzt frage ich schon wieder nach neuen Terminen. Wir kommen einfach nicht voran.“

Von Annika Jensen