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Brandenburg Straftäter wollen Schöneburg "wegputzen"
Brandenburg Straftäter wollen Schöneburg "wegputzen"
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00:15 17.12.2013
Volkmar Schöneburg. Quelle: dpa
Potsdam

Nach dem wenig überzeugenden Erklärungsversuch Schöneburgs in Potsdam überschlagen sich in der JVA Brandenburg/Havel am Donnerstag die Ereignisse. Vor Journalisten hatte der Justizminister am Nachmittag versichert, seine früheren Mandanten Detlef W. und René N. nicht bevorzugt behandelt zu haben. „Es gibt keine Privilegien“, hatte Schöneburg erklärt. Das scheint den beiden Sextätern, wegen denen er derzeit um Amt und Ruf ringt, gar nicht zu gefallen. „Ich putze ihn jetzt weg“, soll W. vor mehreren Zeugen getönt haben. Das ominöse „schwarze Buch“ werde nun geöffnet.

Seit Langem prahlen die beiden Schwerverbrecher vor JVA-Mitarbeitern und Mithäftlingen damit, in einer Kladde notiert zu haben, was sie gegen ihren früheren Anwalt und heutigen Minister Volkmar Schöneburg (Linke) in der Hand hätten. Gegen diesen steht der schwere Vorwurf im Raum, er könne sein früheres Mandat nicht von seinem Ministeramt trennen.

Am Mittwoch stoppte er die von der Anstaltsleitung wegen vermuteter Drogengeschäfte für notwendig erachtete Zwangsverlegung W.s nach Cottbus und damit eine größere räumliche Trennung von dessen Partner N. – weil er sie für „unverhältnismäßig“ hielt. Freitag gegen 18 Uhr dann plötzlich die überraschende Kehrtwende: W. wurde doch in die JVA Cottbus gebracht. Davor saß er noch in einer verschlossenen Einzelzelle und hatte seinen Hungerstreik wieder aufgenommen. Mit Essensverweigerung hatte er in der Woche zuvor schon gegen die Trennung von seinem Partner N., der in die Sicherungsvewahrung verlegt wurde, opponiert. Nach MAZ-Informationen wurden bei einer Durchsuchung von W.s Zelle Gegenstände gefunden, die den Verdacht einer subkulturellen Tätigkeit und der Erpressung anderer Häftlinge erhärten. Eine Begründung für den Verlegungsstopp war am Freitag also nicht mehr länger zu finden.

Die Verlegung teilte am Freitag nicht etwas das Ministerium mit, sondern die stellvertretende Regierungssprecherin Gerlinde Krahnert. Ein versuchter Befreiungsschlag, um dem Verdacht entgegenzutreten, Schöneburg schütze seinen früheren Mandanten. Auch die Handynummer Schöneburgs, die die Ex-Mandanten über Jahre hinweg immer wieder angerufen hatten, wurde nach MAZ-Informationen vorgestern für die Häftlinge gesperrt. Davor soll es aber noch einmal beim Minister geklingelt haben.

Den Eindruck, dass Schöneburg und seine Ex-Mandanten etwas verbindet, gibt es in der JVA schon lange. Aber ob sich der Minister tatsächlich erpressbar gemacht hat? Die „Störche“, wie die beiden Gangster im Knastjargon genannt werden, machen nun jedenfalls ihre Drohung wahr und gehen mit ihren Behauptungen gegen Schöneburg in die Öffentlichkeit. Es soll um Zuwendungen an den Anwalt gehen, von wertvollen Uhren, die in der Kanzlei gelandet sein sollen, ist angeblich die Rede. Nach MAZ-Informationen hat Detlef W. am Donnerstagabend einen Brief an den rechtspolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Danny Eichelbaum, geschrieben und zur Post bringen lassen.

Eichelbaum hat den Brief, der an sein Wahlkreisbüro geschickt wurde, bislang nicht bekommen, erklärte er Freitagnachmittag auf Anfrage. Er vermute, dass damit die von der CDU für Donnerstag beantragte Sondersitzung des Rechtsausschusses, in der Schöneburg Rede und Antwort zu dem Fall stehen soll, beeinflusst werden soll. Eichelbaum ist der Vorsitzende des Landtagsgremiums.

Zwei Schwerverbrecher als Kronzeugen? Nicht auszudenken, wenn an den Räuberpistolen der „Störche“ tatsächlich etwas dran sein sollte, aber allein schon, dass sich ein Minister von zwei Ganoven quasi am Ring durch die Manege ziehen lassen kann, macht den Fall so ungeheuerlich. Viele fragen sich, wie es den beiden Sexgangstern überhaupt gelungen ist, sich in der Häftlingshierarchie ganz nach oben zu arbeiten. Kinderschänder gehören im Knast an sich zur untersten Charge. Aber die „Störche“ sind laut Insidern ein besonderer Fall: Die beiden sind keine Männer mit geringem Selbstbewusstsein, die sich heimlich an Minderjährigen vergehen. Solche sind im Gefängnis tatsächlich Fußvolk. W. und N. hingegen sind zwei Schwerverbrecher, die vor Gewalt nicht zurückschrecken. Detlef W. war in der DDR nach der Vergewaltigung und Erdrosselung einer 16-Jährigen zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch vorzeitig entlassen worden. René N. saß bereits neun Jahre wegen Vergewaltigung und versuchten Mordes. Als „äußerst kaltblütig“ hatte das Leipziger Landgericht die gemeinsame Entführung der 13-jährigen Cathleen 1999 beschrieben. 16 Stunden lang folterten die beiden ihr Opfer, das knapp überlebte.

Diese gemeinsame Tat ist für Experten wie den bekannten Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber auch ein Grund, warum eine gemeinsame Unterbringung abzulehnen ist. Der Leiter des Berliner Instituts für Forensische Psychiatrie kommt wie berichtet in einem Gutachten zu der Einschätzung, dass die beiden getrennt werden müssen, wenn es eine Chance auf Resozialisierung geben soll. Dem Justizministerium lag die Expertise Kröbers, der Brandenburg bei der Reform der Sicherungsverwahrung beraten hat, bereits vor, als die Verlegung W.s durch Schöneburg gestoppt wurde.

Kröber gibt zu bedenken, dass es sich bei den „Störchen“ ja nicht einfach nur um ein Liebespaar handelt, das sich im Knast kennengelernt hat, sondern auch um eine Tätergemeinschaft. W. und N. haben zusammen eine brutale Straftat begangen und sollen hinter Gittern mit Gelderpressungen ein florierendes Knastgewerbe aufgezogen haben. Heißt: Sie sind Komplizen. Und solche sitzen an sich nicht zusammen in einer Zelle.

„Einen ähnlichen Fall hat es in Deutschland noch nie gegeben“, meint auch Frank Neubacher, Direktor des Instituts für Kriminologie an der Universität Köln. Homosexuelle Verbindungen im Gefängnis seien nicht so selten. Von einer dauerhaften Partnerzelle habe er aber noch nie gehört. Die beiden Gangster W. und N. teilten sich zwölf Jahre lang eine Zelle. Schöneburg hatte als Anwalt seinerzeit verhindert, dass das Paar sein Liebesnest auf Antrag der JVA-Leitung wieder aufgeben musste.Vor zwei Wochen wurde N. in die Sicherungsverwahrung verlegt. Das Paar hatte sich gegen die damit verbundene Trennung gewehrt. Nun, nachdem Schöneburg immer mehr in Bedrängnis gerät, können den beiden sogar 170 Kilometer Entfernung zugemutet werden.

Von Marion Kaufmann

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