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Brandenburg Ex-Bild-Chef Diekmann: „Potsdam darf sich nicht im Klein-Klein verlieren“
Brandenburg Ex-Bild-Chef Diekmann: „Potsdam darf sich nicht im Klein-Klein verlieren“
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07:44 31.07.2019
Ex-Chefredakteur der Bild Zeitung, Kai Diekmann. Seine Ziegen heißen „Mäh“ und „Bäh“. Quelle: Friedrich Bungert

Wissen Sie eigentlich, dass Sie mehr Twitter-Follower haben als Potsdam Einwohner hat? 181.710 gegen 175.702 Einwohner, um genau zu sein.

Ach, wie nett! Ich glaube allerdings, dass in Potsdam weniger Roboter leben als unter meinen Followern – mir folgen dort doch etliche Bots.

Sie sind wohl Potsdams größter „Influencer“: Gerne und häufig zeigen Sie in den sozialen Medien, wie schön Potsdam ist: Fotos vom Jungfernsee, von den Parks und Schlössern, dem Heiligen See und vor allem Ihrem privaten Idyll mit Ziegen und Katze in der Berliner Vorstadt. Erinnern Sie sich noch, wann Sie sich in Potsdam verliebt haben?

Das war im Frühjahr 2009 – ein besonders schönes Frühjahr. Da haben wir allerdings schon längst hier gewohnt. Es war ein Traum-Licht, stahlklarer Himmel, dieser brutal blaue See, ich dachte immer: Das kann doch gar nicht sein! Und dann machten wir im Laufe des Jahres die Erfahrung: Auch der Sommer, der Herbst und der Winter haben in dieser Stadt etwas Einmaliges. Diese Mischung aus Natur, unglaublich ästhetischer historischer Architektur und diesem einmaligen Licht. Man kann sich daran auch nicht sattsehen – egal bei welchem Wetter.

Wieso ist’s damals Potsdam geworden?

Hierher gebracht hat mich Mathias Döpfner, damals mein Chef als Vorstandsvorsitzender bei Axel Springer, der zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahre in Potsdam wohnte. Er sagte: „Kai, da ist möglicherweise ein Haus für Dich. Schau Dir das mal an!“. Damals lebten wir in Hamburg, ich habe es mir trotzdem angeschaut: ein Haus aus dem Jahre 1922, komplett renovierungsbedürftig, ein wahnsinnig verwilderter Garten. Aber: die Lage am See, unweit der Glienicker Brücke und des Parks – da konnte man nun wirklich nicht viel falsch machen. Es war einfach ein richtiges Bauchgefühl. Meiner Frau hatte es vor allem der uralte Blauregen am Remisengemäuer angetan....

Was sind Ihre Lieblingsorte in Potsdam?

Der Neue Garten – er ist von den drei Potsdamer Schlossgärten derjenige, der mir am besten gefällt. Er ist der kleinste und der intimste, aber durch die Lage rund um den See auch einfach der schönste. Das Marmorpalais ist was ganz besonderes, ebenso die Gotische Bibliothek, aber auch das Schloss Cecilienhof – das ist immer ein Spaziergang, den wir mit Gästen machen. Aber auch der Weinberg, der wunderbare Pfingstberg mit dem Belvedere, die Sacrower Heilandskirche oder der Blick auf Potsdam von der Berliner Seite der Glienicker Brücke. Ein echter Geheimtipp ist aber der Flatowturm im Babelsberger Park – das ist auch eine meiner liebsten Laufstrecken dort.

Weil Sie Sorge um das Welterbe hatten und auch um die Ruhe im Viertel fürchteten, sind Sie juristisch gegen den Plan des Umbaus der Matrosenstation Kongsnaes zum Gastronomie-Ausflugslokal vorgegangen – und haben verloren. Nun kommt das Restaurant. Sollten Sie sich nicht um jede Aufwertung der Stadt freuen anstatt zu sagen: „Nicht vor meiner Haustür“?

Es ging nie um diese Haltung „Nicht vor meiner Haustür“. Uns ging es darum, in welcher Dimension passiert hier etwas – im Kern also um die Frage: Was verträgt das Weltkulturerbe? Das, was dort jetzt als Kompromiss gefunden worden ist, finden wir als Anwohner vernünftig, wenn sich der Pächter daran hält – woran ich übrigens keinen Zweifel habe: also eingeschränkte Betriebszeiten beispielsweise sowie die Anzahl der Außen-Plätze. Ist eben – anders als ursprünglich geplant – kein Biergarten mit Tiefgarage geworden! Wir als Anwohner werden die ersten sein, die dort mit Freude sitzen werden. Ich bin es übrigens gewesen, der den Investor seinerzeit meinen Nachbarn vorgestellt hat, weil ich geglaubt habe, dass er der Stadt wirklich etwas zurückgeben wollte.

Doch das war dann nicht so?

Was er auf der einen Seite erzählt hat – und auf der anderen Seite gemacht hat, passte nicht zusammen. Es ist einfach nach vielen leeren Versprechungen zu einem Vertrauensbruch mit dem Investor gekommen – und ich fühlte mich da auch persönlich düpiert gegenüber den Nachbarn. Der Investor hat immer behauptet, eine Steganlage für die historische „Royal Louise“ bauen zu wollen – was er tatsächlich gebaut hat, gibt das gar nicht her! Wir vermuten, dass von Anfang an die große Dampfschifffahrt der eigentliche Plan war. Aus unserer Sicht war das ein Projekt in einer Dimension und einem Stil, die nicht zu diesem historischen Ort passen. Was ich im Übrigen großartig finde, ist die Absichtserklärung des Investors, die künftigen Pachteinnahmen einer eigens gegründeten gemeinnützigen Stiftung zuführen, die begabte Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen unterstützen soll. Das kann ja jetzt in die Tat umgesetzt werden.

Über Potsdams Architektur – und vor allem deren Nutzung – wird auch anderen Stellen wahrlich gern gestritten. Nun ist der Streit in der Alten Mitte vorerst beigelegt, die FH ist weg und das Museum Barberini eröffnet, das Mercure Hotel bleibt an seinem Platz. Wie gefällt Ihnen diese Mitte?

Einmal vorweg: Was wir bei diesen Debatten nicht vergessen dürfen ist, dass das keine demokratische Architektur war, sondern eine oktroyierte Architektur eines Unrechtsregimes. Trotzdem gibt es natürlich Gebäude aus der DDR-Zeit, mit denen die Potsdamer viele Erinnerungen verbinden. Dazu gehört das Mercure-Hotel. Um zu verstehen, um was es geht, habe ich damals mit meiner Familie im Mercure spontan ein Wochenende übernachtet – und das hat buchstäblich unsere Perspektive verändert. Das Mercure, ein Vorzeigebau der frühen DDR, ist für viele Potsdamer tatsächlich etwas Besonderes – sicher mehr als manch andere Bauten der Stadt. Auf der anderen Seite müssen wir uns auch immer wieder sagen: Was hat uns, was hat Hasso Plattner der Stadt Potsdam mit dem Barberini für ein Geschenk gemacht! Was ich mir wünschen würde: Die Mitte soll als Platz in der Mitte auch wieder lebendig sein. Warum ist da kein Weihnachtsmarkt im Winter? Ich hadere wirklich mit dem Weihnachtsmarkt auf der Brandenburger – der ist überwiegend einfach nur lieblos und furchtbar. Warum nicht ein wirklich historischer Weihnachtsmarkt á la Roncalli in der Alten Mitte?

Der nächste Plattner-Streich: Das Minsk wird ein Museum für DDR-Kunst. Und wieder einmal hat der spendable Potsdamer einen riesigen politischen und gesellschaftlichen Streitpunkt einfach abgeräumt. Braucht es da manchmal auch ein Unternehmer-Gen – neben den finanziellen Mitteln?

Auch hier hatte er einfach wieder die richtige Idee – ich finde das großartig. Als einer der erfolgreichsten deutschen Unternehmer ist er da natürlich anders aufgestellt als ein Politiker – Politik ist in diesen Prozessen immer langsamer, weil sie Mehrheiten organisieren und einzelne Interessen zusammenführen muss, Mittel auftreiben muss. Das ist auch in Ordnung. Geht ja auch im Übrigen nicht immer nur gut, wenn Unternehmer Politik machen, sehen wir ja gerade in den USA: Wenn nur noch das Prinzip „What’s in for me“ gilt – und das zu Lasten Dritter. Deswegen haben wir hier eine Traumsituation in Potsdam: Wenn Unternehmer und Politik untergehakt sind, kann viel gelingen.

Der ehemalige Bild-Chefredakteur hat mehr Instagram-Follower, als Potsdam Einwohner hat. Dass er seine Heimatstadt liebt, zeigt er gerne in der Öffentlichkeit. Seine Journalisten-Karriere in BILDern.

In Potsdam wohnen – neben Ihnen – zahlreiche Prominente. Die auch gerne bei der Gestaltung der Stadt mitmischen, mehr als in anderen Städten. Wie kommt das?

Hasso Plattner und Günther Jauch sind ein riesiger Glücksfall für die Stadt. Potsdam ist einfach ein einmaliges soziologisches Experiment: Weil ganz viele Menschen von irgendwoher gekommen sind nach der Wende und die Entscheidung getroffen haben, dass sie hier leben wollen. Es ist ein stückweit ein Neuanfang auch für die Stadt gewesen – das gibt es sonst nicht in Deutschland. Für die Entscheidung, nach Potsdam zu ziehen, spielt natürlich auch die Nähe zu Berlin eine Rolle. Ich finde, Potsdam hat alle Vorteile von Berlin – nur eben ohne die Nachteile. Ich hab mich damals schon gefragt: Schafft es Potsdam beispielsweise, eine gastronomische Infrastruktur gegen das übermächtige Berlin zu entwickeln? Und ja – und wie! Und nicht nur das, sondern vieles mehr. Alles in allem ist hier nun eine Klientel, die eine Leidenschaft hat für den Ort, die hier sehr bewusst hingezogen ist. Diese Stadt ist dabei voller Überraschungen. Und voller Diskussionen. Das ist doch toll! Ich würde mir für viele andere Städte wünschen, dass dort so intensiv und mit so vielen Teilen der Bevölkerung diskutiert und gestritten wird. Wie wollen wir leben? Wie wollen wir zusammenleben? Wie ist unser weiterer Weg?

Wenn Sie Chefredakteur einer Lokalzeitung in Potsdam wären – wofür oder wogegen würden Sie eine Kampagne machen und wie sähe die aus?

Kampagnen für etwas sind immer schöner als Kampagnen gegen etwas. Was ich wichtig fände wäre, dass wir gemeinsam ein Gefühl dafür bekommen, warum das Welterbe für uns so wichtig ist – und welchen Mehrwert es für uns Potsdamer hat. Wir können damit vorsichtig umgehen oder wir lassen es schleifen, aber dann verlieren wir sehr, sehr viel. Dieses Erbe ist so viel älter als die Betonbauten, um die wir uns so lange gestritten haben. Dieses Bewusstsein brauchen wir, zum Beispiel zu der Frage, was die Schutzbedürftigkeit unserer historischen Parks angeht, mit ihren botanisch einmaligen Wiesen – Magergras-Wiesen, wie ich gelernt habe. Es sollte doch eigentlich völlig in Ordnung sein, dass man dort nicht grillen darf – das verträgt das Welterbe eben nicht. Es ist kein Campingplatz. Im Hyde Park oder Central Park käme da doch auch keiner auf die Idee, dort grillen zu wollen. Es ist ein Stück Kulturgut, was wir gemeinsam nutzen, aber auch überfordern können. Wem „Fridays for Future“ ein Anliegen ist, dem kann es auch nicht egal sein, wenn am Wochenende der sensible Ufersaum am Heiliger See niedergetrampelt wird....

Die Schlagzeile wäre also für Potsdam: „Wir sind Welterbe“?

Ja, genau so.

Apropos Naturschutz und Nachhaltigkeit. Jerusalem, Stockholm, Hamburg, London – nur einige Städte in denen sie laut Social Media in den vergangenen Wochen waren. Meistens sind Sie dorthin geflogen. Haben Sie keine Flugscham?

Nein! Terminlich gibt es manchmal einfach gar keine Alternative zum Flugzeug. Ich würde auch eine Steuer auf Inlandsflüge bezahlen. Im Übrigen geben wir uns als Familie anderweitig auch Mühe, um für Ausgleich zu sorgen: Wir haben acht Bienenvölker im Garten, wir haben Ziegen, hatten Hühner (der Fuchs!), sind in Sachen Obst weitgehend Selbstversorger, haben unsere eigenen Kartoffeln. Ohne Dünger und Gifte natürlich!

Imkern Sie selbst?

Nein, traue ich mich nicht. Ich lag erst unlängst in der Notaufnahme des Ernst von Bergmann Klinikums – nach einem Wespenstich und anaphylaktischem Schock. Ich will den lieben Gott nicht am Bart zupfen.

Potsdam wächst so stark, dass Sie mit ihren Twitter-Followern bald nicht mehr mithalten können. Das birgt viele Probleme: Die Stadt ist heillos überfüllt, die Infrastruktur hält längst nicht mehr mit. Machen Sie sich Gedanken, ob die Stadt so heimelig gemütlich bleiben wird, wie sie es gerne darstellen und eben auch lieben?

Ich finde die Geschwindigkeit, mit der diese Stadt wächst wirklich bemerkenswert. Was ich nicht ganz verstehe: Obwohl die Steuern hier sprudeln wie in keiner anderen Stadt in den Neuen Bundesländern, steigt die Verschuldung weiter fröhlich an. Hmmm. Wichtig ist vor allem, dass wir das „Big Picture“ nicht aus dem Auge verlieren und uns stattdessen im „Klein-Klein“ der Partikularinteressen verlieren. Ein Beispiel: Das HPI will sich vergrößern – und wir sehen gar nicht die Chancen dieses Wachstums vor Ort, unser deutsches Stanford, sondern wir diskutieren über ein paar Kiefern. Meine Güte: Das HPI ist das Beste, was Potsdam in Sachen Digitalisierung je passieren konnte: Und, ganz ehrlich, was wir hier wirklich nicht zu wenig haben, in und um Potsdam, sind Bäume...

Mit Ihrer Agentur Storymachine greifen Sie Prominenten und Unternehmern unter die Arme, wie Sie das mit Social Media anpacken sollten. Wer so etwas gebrauchen könnte: Die CDU – da misslang in diesem Sommer ein Tweet nach dem anderen. Was würden Sie raten?

Eines vorweg: Wir greifen Prominenten nicht unter die Arme, wie sie „das mit Social Media anpacken“ sollten – wir beraten Unternehmen und Marken, auch CEOs und Einzelpersönlichkeiten, strategisch im Hinblick auf digitale Kommunikation. Zu Ihrer Frage: Es liegt mir auf der Seele, wie die klassischen Volksparteien dramatisch an Bedeutung verlieren, auch, weil es die Populisten auf Social Media besser machen. Die SPD hat sicher mehr Leute, die das Magazin „Vorwärts“ redigieren als sich um Social Media zu kümmern. Die AfD hat einen großen Newsroom für soziale Medien eingerichtet – und kein gedrucktes Magazin. Das Ergebnis ist bekannt – die AfD hat mehr Follower auf Facebook als SPD und CDU zusammen Das macht mich wahnsinnig. Die klassischen Parteien haben aus dem Paradigmenwechsel in der Kommunikation noch nicht ausreichend Konsequenzen gezogen.

Und daraus haben Sie nun ein Geschäft gemacht. Wie ist es, als Journalist plötzlich Kundenwünsche zu erfüllen?

Als Journalist erkennt man Geschichten und weiß, wie ich Geschichten erzählen muss – das hilft wiederum bei der Beratung von Unternehmen oder CEOs, wie sie sich digital darstellen können. Klar ist das Auftragskommunikation, aber es ist eine journalistische Herangehensweise, der Mechanismus ist derselbe. Menschen interessieren sich für Menschen, das ist auch das Prinzip von erfolgreichem Journalismus. Übertragen auf Unternehmenskommunikation heißt: Der CEO eines Unternehmens sollte sichtbar sein, für seine eigenen Mitarbeiter vor allem! Nehmen Sie Joe Kaeser von Siemens. In seiner Twitter-Beschreibung steht: „Ich bin einer von 387.000 engagierten Siemens-Mitarbeitern weltweit“. Da geht doch jedem das Herz auf und die Firma wirkt gleich cooler. Es muss aber authentisch sein.

Sie waren 16 Jahre an der Spitze der BILD. Jetzt in der Retrospektive: Gibt es Entscheidungen, wo sie im Nachhinein finden, dass Sie aus moralischer Sicht zu weit gegangen sind?

In so einem langen Zeitraum bleibt es gar nicht aus, dass sie falsche Entscheidungen treffen: falsche Personalentscheidungen, falsche Schlagzeilenentscheidungen. Unsere Beurteilung beispielsweise der Agenda 2010 damals war falsch. Wir haben nicht gesehen, welchen Wert diese Reform für Deutschland hat. Da haben wir draufgehauen. Eine Schlagzeile war: „Jetzt gehen Sie auch noch an die Sparbücher unserer Kinder“. Und das war unterste Schublade, eine brutale Kampagne, die in der Sache falsch war. Die Agenda 2010 hat uns am Ende durch die Wirtschaftskrise geführt und bis heute zum wirtschaftlichen Erfolg dieses Landes beigetragen, weil wir rechtzeitig die Weichen gestellt haben. Das habe ich Gerhard Schröder übrigens auch gesagt. Mit Sicherheit gibt es auch Schlagzeilen, die ich heute anders einschätze.

Gilt das auch für die Wulff-Affäre?

Nein, das war alles richtig. Es ging um politische Maßstäbe: Sein Wort und seine Glaubwürdigkeit sind die wichtigsten Instrumente eines Bundespräsidenten. Und Christian Wulff hat sich um diese Instrumente gebracht, weil er dem Parlament und der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit gesagt hat. Was daraus in vielen Medien geworden ist, das hat ja nicht BILD zu verantworten.

Spricht man mit Leuten außerhalb der Medienblase, bekommt man oftmals zu hören, dass dem Journalismus nicht mehr zu trauen ist. Jetzt, wo Sie aus dem Journalismus raus sind, mit Abstand betrachtet: Was läuft da schief – und was war Ihr Beitrag dazu?

Man muss ehrlich sagen: Wir haben insgesamt in vielen Redaktionen in einer Wahrnehmungs-Blase gelebt. Es gibt manchmal einen Meinungseinheitsbrei in den deutschen Medien, der ist nur schwer zu ertragen. Und immer, wenn wir uns dessen überführt fühlen, geißeln wir uns – um danach genauso weiterzumachen. Ein Beispiel: Ich bin kein Trump-Fan, aber dass es den deutschen Medien so schwer fällt, ihn einfach nüchtern zu betrachten, verstehe ich nicht: Erst haben wir nicht geglaubt, dass er Kandidat wird. Dann nicht, dass er Präsident wird. Und dann dachten wir, dass er ganz schnell scheitert. Weil sich die meisten Journalisten von Anfang an ihre ganz klare Meinung zu Trump gebildet haben, Trump-Bashing ja auch so wundervoll gut ankommt und einfach ist, kommen die meisten gar nicht mehr dazu, den Grund seines Wahlerfolges zu verstehen. Und das ist gefährlich. Das Schlimme an den Populisten ist ja: Sie stellen die richtigen Fragen, mit denen wir uns nicht mehr beschäftigen, weil sie in unserem Alltag nicht vorkommen. Und da haben wir uns von unseren Usern und Lesern zu weit entfernt. Es gibt einfach eine mediale Arroganz. Nehmen Sie den Fall Relotius.

Ein Spiegel-Reporter, der im großen Stil gefälscht hat.

Wenn BILD das gemacht hätte – was wäre da los gewesen! Ich war fassungslos, als ich den Abschlussbericht über die Affäre gelesen habe: Bevor ein Reporter beim SPIEGEL zu einer Geschichte losgeschickt wird, gibt es ein richtiges Drehbuch, wie die Geschichte auszusehen hat. Übrigens etwas, was uns immer bei BILD unterstellt wurde. Gemacht hat es aber der „Spiegel“ – systematisch und mit Ansage.

Sie haben aber doch auch erst die Schlagzeile im Kopf gehabt und dann versucht, die Geschichte darauf zu drehen.

Nein. So natürlich nicht. Etwas anderes sind Interviews: Da mache ich mir natürlich vorher Gedanken, was der Interviewpartner öffentlich sagen muss, um einen Nachrichtenwert zu schaffen. Selbstverständlich war es zum Beispiel naheliegend, im Zusammenhang mit der Entscheidung der SPD, Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin nicht zu wählen, wichtige SPD-Stimmen zu finden, die sich gegen die Parteimeinung stellen. Ist dann der WELT am SONNTAG mit ihrem Interview mit Otto Schily gelungen. Natürlich ist es auch manchmal so, dass ein Politiker dazu überredet werden muss, eine privat geteilte Meinung als Interview auch öffentlich zu machen.

„Überreden“ ist dann aber eben auch gelenkt.

Überzeugen – die wenigsten Politiker lassen sich überreden. Eine Wahrheit ist am Ende immer nur so gut, wie sie jemand ausspricht. Und als Journalist bin ich derjenige, der diesem Jemand eine Bühne gibt. Und wenn dann, mitten im Sommerloch, ein bis dahin nicht so ganz bekannter Bundestagsabgeordneter fordert: „Mallorca sollte 17. Bundesland werden“, dann ist das wahrscheinlich nicht so ganz ernst gemeint. Aber das ist etwas anderes, als wenn ich als SPIEGEL-Reporter Relotius nach Amerika fliege und schon genau im Kopf habe, wie diese Kleinstadt, die ich beschreiben will, zu sein hat – und es mir zurechtlüge.

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