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Brandenburg Brandenburg-Krimi mit verdächtigem Besteck
Brandenburg Brandenburg-Krimi mit verdächtigem Besteck
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15:32 18.11.2014
Besteck spielt die Hauptrolle in Marion Kaufmanns Brandenburgkrimi. Quelle: Michael Hübner
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Potsdam

Es passieren mysteriöse Dinge im Land Brandenburg. Der ehemalige Kulturminister Ewald Lobethal liegt tot vorm Treppenaufgang im Haus der preußischen Geschichte. Der Cheforganisator des Werderaner Baumblütenfestes, Benedikt von Wahrendorf, wird leblos aus der Havel gefischt – nur wenige Tage bevor das größte Massenbesäufnis Ostdeutschlands losgehen soll. Zufall? Wohl kaum. Denn beide wurden durch einen Schlag auf den Hinterkopf ermordet. Und ganz seltsam: In der Nähe beider Tatorte wird ein billiges Essbesteck gefunden. Doch das ist noch nicht alles, was den ehemaligen Landespolitiker mit dem Kommunalpolitiker verbindet. Kriminalkommissarin Andrea Deininger nimmt die Spur auf. Und auch bei der Regionalzeitung ist jemand ganz heiß auf den Fall: Die junge Journalistin Katja Brenner sieht die Chance ihres Lebens, um endlich mal groß rauszukommen, und beginnt zu recherchieren.

Der Plot stammt von Marion Kaufmann, seit 2006 Redakteurin in der Brandenburg-Redaktion der „Märkischen Allgemeinen“, und Kennerin von Land und Leuten. Nun hat sie erstmals das Metier gewechselt und mit „Das Besteck“ einen spannenden Krimi vorgelegt. Mehr als einen Krimi, denn sie malt in der 215-Seiten-Story zugleich mal sarkastisch mal mit liebevollem Witz ein Sittengemälde des Brandenburger Medien- und Politikbetriebs.

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Lesetipp

Marion Kaufmann: Das Besteck. Eine Ost-West-Kriminette, 215 Seiten, Wagner Verlag, 11,80 Euro.

Tatort ist Potsdam und die nähere Umgebung. Zeitpunkt des Verbrechens: das Jahr 2009. Die Landesregierung bereitet sich auf die Feiern zum 20-jährigen Jahrestag des Mauerfalls vor. Sie will das Ereignis nutzen, um das durch gescheiterte Großprojekte und immer neue Stasi-Geschichten angekratzte Image des Landes mithilfe eines bombastisch inszenierten Events aufzupolieren. Das soll weit über die Landesgrenzen gehörig etwas hermachen. Und dann geschehen diese mysteriösen Morde. Die Pressesprecherin des Innenministers, die die Wende-Feier organisiert und damit selbst aus karrieretechnischen Gründen gehörig glänzen will, ist gar nicht erfreut, dass mit den Mordfällen ausgerechnet eine Stasi-Connection der beiden Toten wieder hochkommt.

Schuld daran sind zwei junge Frauen aus dem Westen. Die Journalistin Katja Brenner, die aus Schwaben stammt und bei der größten Regionalzeitung des Landes, dem „Brandenburger Wort“, angeheuert hat. Und Kommissarin Andrea Deininger, aufgewachsen in Bayern und nun mit der Aufklärung der Mordfälle betraut.

Marion Kaufmann, Jahrgang 1979 und selbst im bayrischen Günzburg geboren, schreibt fast durchgängig aus der Perspektive dieser beiden etwa 30-jährigen Westlerinnen und ihren Begegnungen mit ihren Berufskollegen, meist alteingesessenen Märkern. Genussvoll tischt sie sämtliche West-Vorurteile vom ständig übel gelaunten bis spießigen Brandenburger auf, der am liebsten in DDR-Nostalgie schwelgt. Doch Kaufmann suhlt sich nicht in diesen abgegriffenen Klischees. Meist werden sie schon im nächsten Satz wieder infrage gestellt. Denn beide Frauen sind einmal aus ebenso kleinbürgerlich-spießigen Verhältnissen im Westen geflohen, weil sie gehofft hatten, in der Nähe der Großstadt Berlin ein aufregenderes Leben führen zu können. Das lässt den Leser schmunzeln, etwa wenn die Journalistin Katja Brenner beim Gang in die Betriebskantine sich über das mürrische „Mahlzeit“ mokiert, das ihr alle Kollegen entgegenschleudern und dabei innerlich beschließt, den nächsten der zu ihr „Mahlzeit“ sagt, auf der Stelle umzubringen. Denn insgeheim muss sie sich eingestehen, dass sie das obligatorische „Mahlzeit“-Gegrunze schon an den Mittagstischen in ihrer schwäbischen Heimat auf die Palme gebracht hatte.

Zur Person

  • Marion Kaufmann ist 1979 in Günzburg (Bayern) geboren.
  • Die Diplom-Germanistin hat bei der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" in Potsdam volontiert.
  • Seit 2006 ist sie Redakteurin im Brandenburg-Ressort der MAZ.

Marion Kaufmann karikiert in zum Teil großartigen Episoden die gängigen Ossi-Wessi-Rituale, wie sie auch noch heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, ablaufen. Sie beschreibt sie zugleich aus der Distanz ihrer eigenen Generation, die 1989 noch im Kindesalter war und von der untergegangenen DDR genauso wenig mitbekommen hat wie von der alten BRD. Es ist der Blick einer Generation, die kaum etwas anderes kennt, als das vereinte Deutschland und für die die ollen Kamellen aus dem realsozialistischen Alltag Ost genauso schräg klingen wie die immer wieder zum Besten gegebene Mär vom glücklichen Wirtschaftswunderland West. Auch wenn die Dialoge hin und wieder etwas steif geraten sind, Marion Kaufmann ist eine amüsante „Ost-West-Kriminette“ gelungen und zudem ein bis zur letzten Seite spannender Krimi. Denn gerade als Kommissarin Deininger sich mit der Journalistin Brenner einig glaubt, die Morde müssten einen Stasi-Hintergrund haben, schlägt der Täter erneut zu. Wieder ein Schlag auf dem Hinterkopf. Wieder ein Essbesteck neben der Leiche. Nur das Opfer ist diesmal eine arbeitslose Kassiererin und hat so gar nichts mit Politik zu tun gehabt. Irgendwie passt das alles doch nicht zusammen. Na denn: Prost Mahlzeit!

Von Mathias Richter

Lesung: Am Donnerstag, 20. November, 18:00 Uhr, im MAZ Media Store in Potsdam, Friedrich-Ebert-Str. 8

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