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Brandenburg Martin Patzelt (CDU) und seine Flüchtlings-WG
Brandenburg Martin Patzelt (CDU) und seine Flüchtlings-WG
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08:23 27.12.2016
Haben aus Eritrea und Martin Patzelt.
Haben aus Eritrea und Martin Patzelt. Quelle: dpa
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Briesen

Die Zimmertür geht auf: «Guten Morgen». Haben aus Eritrea lächelt, dann umarmt er den Bundestagabgeordneten Martin Patzelt (CDU) und dessen Frau. Es wird ein bisschen gewitzelt und geplaudert. Später will der 20-Jährige zum Deutschkurs fahren. Alltag im Wohnhaus der Patzelts auf dem Land bei Frankfurt (Oder). Im Sommer 2015 erregte der Ort Briesen bundesweit Aufmerksamkeit, als zwei Flüchtlinge aus Eritrea ins Dachgeschoss der Patzelts zogen. Es gab sehr viel Zuspruch, aber der Politiker bekam auch Hass-E-Mails. Rückblickend bereut er seinen Schritt nicht, wie Patzelt sagt. Im Gegenteil. Was ist seither geschehen?

Noch ein junger Mann in der WG: Haben aus Eritrea

Mittlerweile lebt nur noch einer der beiden jungen Männer in der WG im obersten Stockwerk mit dem Sohn der Patzelts zusammen. «Wir sind eine Art große Wohngemeinschaft», sagt der 69 Jahre alte Politiker. Oft kämen alle an einen Tisch zum Essen. «Wenn Haben kocht, dann wird es richtig scharf, daran mussten wir uns erstmal gewöhnen». Haben lacht und klopft sich auf die Schenkel. Sein Landsmann schlug dagegen keine Wurzeln hier auf dem beschaulichen Land. Ihn habe es nach Nordrhein-Westfalen zu Bekannten gezogen, sagt Patzelt.

Hühner schlachten und Tischler werden

Haben fühlt sich in Briesen wohl, wie er in fließendem Deutsch berichtet. An dem Briefkasten des gepflegten Wohnhauses mitten im Dorf kleben alle Namen der Bewohner - auch der von Haben. Er machte nach seinem Einzug eine Art Praktikum in einem Supermarkt um die Ecke - unentgeltlich. Jetzt konzentriert er sich auf den Deutschkurs und die Prüfung. Danach könnte er sich zum Beispiel eine Lehre als Tischler vorstellen, sagt der junge Mann. Im Alltag hier auf dem Land packt er mit an. «Er hat vor kurzem einige unserer Hühner im Garten geschlachtet. Mir liegt das nicht so», sagt Patzelt und wirkt erleichtert, dass er um diese Arbeit herumkam. Haben schmunzelt und zuckt die Schultern. «Ich kann das.»

Im Ort hätten viele die beiden Flüchtlinge im Sommer 2015 sofort gut aufgenommen, sagt Patzelt. Anfangs habe es zugleich bei einigen noch Berührungsängste gegeben, das sei aber nach und nach verflogen.

Mehrere Willkommensinitiativen im Land

Im Amt Odervorland, in dem auch Briesen liegt, haben sich nach Angaben von Amtsdirektorin Marlen Rost (parteilos) mittlerweile einige Willkommensinitiativen gegründet. Viele Ehrenamtler hätten angeboten, Deutschunterricht zu geben. Die Zahl der Flüchtlinge, die das Amt bislang aufnahm, sei zugleich überschaubar. Zu Spitzenzeiten seien es 20 gewesen, sagt Rost. Sie geht davon aus, dass die Patzelts durch das Zusammenleben mit den beiden Flüchtlingen dazu beigetragen hätten, dass Hemmschwellen und Vorurteile abgebaut werden konnten. Viele hätten die jungen Männer bei ihren Hilfsarbeiten im Ort direkt kennenlernen können.

Fremdenfeindliche Attacken auf Flüchtlinge im Amt sind den Angaben zufolge nicht bekannt. Trotz aller Bereitschaft zu helfen habe es aber auch Enttäuschungen gegeben. Rost berichtet, dass einige Flüchtlinge nach einer gewissen Zeit aus dem Ländlichen in Großstädte wegziehen wollten und sich dann bei Helfern Enttäuschung breitmachte. Viele hätten sich gefragt: «Trägt meine Arbeit Früchte?»

In Gemeinschaftsunterkunft kennengelernt

Aus Eritrea ging Haben nach Patzelts Angaben weg, weil er dort zur Armee sollte. Aus dem armen und diktatorisch regierten afrikanischen Staat flüchten jährlich Zehntausende. Die beiden Landsmänner lernten die Patzelts in einer Gemeinschaftsunterkunft kennen und fragten das Ehepaar, ob sie sich vorstellen könnten, sie aufzunehmen. Patzelt, der studierter Sozialarbeiter ist und jahrelang Frankfurter Oberbürgermeister war, machte mit, weil er eine Alternative zu den Massenunterkünften schaffen und einfach praktische Hilfe anbieten wollte, wie er damals vor rund eineinhalb Jahren berichtet hatte. 2015 kamen viele Flüchtlinge nach Deutschland, in diesem Jahr gingen die Zahlen zurück.

Der Politiker hält sich damit zurück, sein Modell des Zusammenlebens mit Flüchtlingen anderen zu empfehlen. «Das muss jeder für sich selbst entscheiden», sagt er. Für ihn und seine Familie hätten die Rahmenbedingungen gepasst. Das sei aber eine persönliche Entscheidung. Die Zahl der Hass-E-Mails, die er bekam, als bekannt wurde, dass er die beiden Flüchtlinge aufgenommen hatte, sei mit der Zeit zurückgegangen.

Bis heute ist es vergleichsweise selten, dass Flüchtlinge bei Privatpersonen leben, wie die Organisation Pro Asyl in Frankfurt am Main mitteilt. Bundesweite Zahlen oder Statistiken gebe es dazu aber nicht.

Patzelt: «Geben wir den Flüchtlingen Arbeit»

Was sind die Lehren, die Patzelt aus dem Zusammenleben zog? «Geben wir den Flüchtlingen Arbeit», fordert er. Arbeit sei ein hervorragendes Mittel, um Bedürfnisse wie Selbstwertbestätigung und Kommunikation mit anderen Menschen zu stillen. Das werde noch zu sehr vernachlässigt in der deutschen Flüchtlingspolitik, betont Patzelt. Das Aushelfen im Supermarkt habe Haben gut getan, er habe viel Wertschätzung erfahren.

Die Flüchtlingspolitik fokussiere sich stark darauf, dass physische Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen gestillt würden. «Wir ignorieren aber oftmals die psychischen Grundbedürfnisse», betont Patzelt.

Durch die Nähe zu den beiden Eritreern habe er auch als Politiker viel gelernt. «Ich habe immer als politischer Mensch Rückkopplung gehabt in der Praxis.» Er habe auch nachvollziehen können, wie sehr Menschen unter der Entfernung zu ihrem Heimatland leiden. «Mehr als sie selbst vermutet haben», sagt Patzelt.

Von Anna Ringle

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