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Brandenburg Mehr Rechte für die Ureinwohner
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22:28 20.01.2014
Käthe Wunder aus Groß Döbbern bei Cottbus zweigt zwei alte Fotos von sich in sorbischer Tracht.
Käthe Wunder aus Groß Döbbern bei Cottbus zweigt zwei alte Fotos von sich in sorbischer Tracht. Quelle: Patrick Pleul
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Groß Döbberin

Viel erinnert nicht mehr daran, dass Groß Döbbern (Spree-Neiße) einst ein Dorf der Sorben und Wenden war. Die Einwohner trugen Trachten und pflegten Bräuche wie Hahnrupfen, Kranzstechen und Stoppelreiten. „Die Stoppelwiese gibt es noch“, sagt Käthe Wunder und zeigt auf ein tristes Feld im Januar-Nebel. Doch wenn die 77-Jährige mehr von ihrer untergegangenen Heimatkultur zeigen will, muss sie Schwarz-Weiß-Fotos hervorholen. „Es ist traurig“, sagt Wunder und blättert in einer alten Chronik.

Am Mittwoch will der Landtag ein Gesetz beschließen, das der Volksgruppe ein größeres Mitspracherecht zugestehen soll. Sorben und Wenden – das slawische Volk ist praktisch die Urbevölkerung einer Region, die früher bis ins niedersächsische Wendland reichte. Heute leben laut der Sorben-Organisation Domowina noch 20.000 Sorben beziehungsweise Wenden in Brandenburg und 40.000 in Sachsen. Dies sei nur eine „grobe Schätzung“, räumt Harald Konzack ein, Vize-Geschäftsführer der Domowina. Denn nur wer sich als Sorbe/Wende zu erkennen gebe, könne mitgezählt werden. Das aber tun immer weniger Angehörige der Minderheit.

Sicherlich, es gibt die Vorzeigedörfer wie Dissen oder Drachhausen. Dort wird Sorbisch noch in der Schule und in Kitas gelehrt. Cottbus hat ein niedersorbisches Gymnasium. Doch in vielen anderen Orten des Siedlungsgebiets beschränkt sich die Traditionspflege auf wenige Höhepunkte. Auf Zapust zum Beispiel, die sorbische Fastnacht. Und auf die Dorffeste im Sommer. Dann werden die Trachten für die Touristen hervorgeholt. „Folklore“ nennt Käthe Wunder das. Oft könnten die Trägerinnen der Trachten kein Wort Sorbisch. Wunder wuchs in Fehrow am Spreewald auf. „Sorbisch ist meine Muttersprache“, sagt die 77-Jährige stolz. Später arbeitete sie als Lehrerin und brachte anderen die Sprache bei. Bis heute engagiert sich Wunder für ihre Heimatkultur. Neulich schrieb sie einen Artikel über die sorbischen Spuren in Groß Döbbern. Von „Keta Wunderowa“ steht da.

Das neue Gesetz sollte ein überparteiliches Signal der Toleranz werden. Doch seit Monaten streiten die Parteien über die Ausdehnung des Siedlungsgebiets. Nach dem Willen der Sorben soll die Zahl der Orte mit sorbischen Wurzeln per Gesetz auf rund 50 wachsen, um Sprache und Kultur besser pflegen zu können. Das lehnen Städte wie Forst, Senftenberg und Lübben ab. Sie sehen ihr Recht auf kommunale Selbstverwaltung beschnitten und haben dabei insbesondere die CDU auf ihrer Seite. „Wir können dem Gesetz so nicht zustimmen“, sagte deren Fraktions chef Dieter Dombrowski. Nach dem Entwurf hätten die Kommunen kein Mitspracherecht bei der Festsetzung neuer sorbisch/wendischer Siedlungsgebiete. Die CDU sei gegen ein „modernes Minderheitenrecht“, kritisieren Vertreter der rot-roten Regierungskoalition.

„Mehr als überfällig“ sei die Reform, sagt Domowina-Vertreter Konzack. Über 15 Jahre habe man daran gearbeitet. Doch ob sich eine Kultur im Niedergang per Gesetz aufrichten lässt – da sind viele skeptisch. Das nationale Bewusstsein der Sorben sei mittlerweile sehr schwach, stellt Konzack fest. In Dörfern wie Döbbern schlummerten Traditionen, aber niemand traue sich, diese zu verteidigen.

Dem muss Käthe Wunder zustimmen. Sie sei eine „olle Wendsche“ (alte Wendin), sagt die Sorbin lächelnd. Ihre Tracht habe sie aber schon vor Jahren weggegeben.

Von Haiko Prengel

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