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Brandenburg Moped mit 15: Ja, aber sicher
Brandenburg Moped mit 15: Ja, aber sicher
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00:27 25.05.2018
Der Mopedführerschein mit 15 wird für viele Brandenburger immer attraktiver. Quelle: Victoria Barnack
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Potsdam

Wenn es darum geht, von den Eltern unabhängig zu sein, kann es vielen Jugendlichen gar nicht schnell genug gehen. Ständig auf das Elterntaxi angewiesen zu sein, ist vor allem im ländlichen Raum ein Problem, wo Busse abends oder am Wochenende nicht mehr fahren. Um mobil zu sein, haben seit Mai 2017 insgesamt 466 Jugendliche in Brandenburg am Modellversuch „Moped mit 15“ teilgenommen.

Einer von ihnen ist Julian Maschke. Seit Oktober ist er mit seiner Simson S51 ganz unabhängig unterwegs. Die Führerscheinklasse AM erlaubte es ihm bereits als 15-Jährigen, mit Rollern bis zu 45 km/h und mit DDR-Mopeds sogar bis zu 60 km/h schnell zu fahren. „Mit 16 hätte ich den Führerschein sowieso gemacht“, sagt der Schüler aus Neuheim, einem Dorf nahe Jüterbog (Teltow-Fläming) mit nicht einmal 200 Einwohnern.

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Julian Maschke wollte frei sein vom Elterntaxi, von den Busfahrzeiten und dem langen Fahrradweg in die Stadt. „Ich würde es jedem empfehlen“, sagt er, „mit 15 Jahren schon selbst unterwegs zu sein, ist toll.“ Immer wenn das Wetter es zulässt, fährt mit er mit seinem Moped zur Schule. „Manche Kumpels sind neidisch, dass ich einfach losfahren kann“, erzählt er. Julian Maschke fährt auch allein zum Einkaufen in die Stadt und zu seiner Freundin nach Blönsdorf, ein weiteres kleines Dorf ganz in der Nähe. Für die 20 Kilometer bräuchte er mit dem Bus mindestens 90 Minuten – abgesehen vom Wochenende, da fährt gar kein Bus.

Julian Maschke aus Neuheim bei Jüterbog ist einer von rund 450 Jugendlichen in Brandenburg, die ihren Moped-Führerschein mit 15 Jahren im Modellversuch gemacht haben. Quelle: Victoria Barnack

„Auch deshalb wollte ich unbedingt Moped fahren können“, sagt Julian Maschke. Irgendwann sei auch das Fahrrad einfach nur noch nervig. Die Entscheidung für den Führerschein mit 15 war schnell gefallen. Seine Eltern unterstützen ihn dabei. Gemeinsam mit zwei Freunden meldete er sich in einer Fahrschule an. „Beide Prüfungen habe ich auf Anhieb bestanden“, erzählt er. Die Aussicht, bald unabhängig zu sein, habe ihn unheimlich motiviert.

Was Julian Maschkes Euphorie vermuten lässt, belegen erste Zahlen vom Brandenburgischen Verkehrsministerium. Die Durchfallquote in der praktischen Prüfung liegt bei den 15-Jährigen durchschnittlich zwölf Prozent unter dem Landesschnitt aller Prüflinge.

81 Prozent bestehen die praktische Prüfung

„Die 15-Jährigen sind engagierter“, sagt Fahrlehrer Marco Tabbert. In seinen Fahrschulen in Bad Belzig, Golzow und Kloster Lehnin (Potsdam-Mittelmark) melden sich vor allem Jugendliche aus dem ländlichen Raum. Dass 81 Prozent der 15-Jährigen die praktische Prüfung bestehen, ist für ihn eine besonders positive Bilanz aus den ersten zwölf Monaten „Moped mit 15“ in Brandenburg, „vor allem wenn man sie mit der höheren Durchfallquote im Durchschnitt vergleicht“, sagt er.

Für junge Menschen bedeutet der Führerschein vor allem eines: Freiheit Quelle: Ansgar Nehls

Für den Leiter der Unfallforscher der Versicherer (UdV), Siegfried Brockmann, verzerrt die hohe Motivation der Jugendlichen den Gesamteindruck. Die 15-Jährigen seien weniger vom Lernen abgelenkt, weil sie beispielsweise gerade nicht in der Abiturphase steckten. „Das sorgt aber nicht automatisch dafür, dass sie am Ende auch bessere Fahrer sind“, sagt Brockmann.

Es fehlen noch eindeutige Ergebnisse zu Unfällen mit dem Moped

Entscheidend sind sowohl für Befürworter als auch für Gegner des Modellversuchs die Unfallzahlen. Deswegen hat das Bundesverkehrsministerium das Modellprojekt um zwei Jahre verlängert. Begleitend werden Studien zur Verkehrssicherheit und zum Mobilitätsverhalten erstellt. Obwohl es „Moped mit 15“ in einigen Bundesländern bereits seit 2013 gibt, seien bislang „keine eindeutigen Ergebnisse“ erbracht worden, heißt es. Bis zum vorläufigen Ende im April 2020 hat das Bundesministerium die Länder aufgefordert, weitere Daten zu sammeln.

Die Führerscheinklasse AM

Die Fahrerlaubnisklasse AM umfasst zweirädrige Kleinkrafträder, also Mopeds, Mofas und Roller mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 45 km/h oder einem Hubraum von maximal 50 Kubikzentimeter. Zahlreiche alte DDR-Mopeds, die schneller fahren, fallen mit ihrer niedrigen Motorisierung in diese Regelung. Außerdem dürfen dreirädrige Kleintransporter und vierrädrige Leichtfahrzeuge unter denselben Voraussetzungen gefahren werden.

Seit 1. Mai 2013 dürfen Jugendliche in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt den Führerschein der Klasse AM bereits mit 15 Jahren absolvieren. Seit Mai 2017 ist das auch in Brandenburg möglich. Im Oktober erklärte zudem Mecklenburg-Vorpommern seine Teilnahme.

Durch den Modellversuch soll ermittelt werden, ob positive Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit, zum Beispiel in Form eines gesteigerten Gefahrenbewusstseins bei jungen Fahrern, erreicht werden können.

Ist der Modellversuch erfolgreich, könnte bundesweit über ein Herabsetzen des Mindestalters für die Führerscheinklasse AM auf 15 Jahre entschieden werden. Die Mehrheit der am Projekt teilnehmenden Bundesländer spricht sich bereits heute dafür aus.

In Brandenburg lag die Unfallquote unter den Projektteilnehmern bis Jahresende im niedrigen einstelligen Bereich. Von den 344 neuen Mopedfahrern im Jahr 2017 waren sieben in einen Unfall verwickelt – zwei Prozent. „Drei von ihnen mussten als Unfallverursacher vermerkt werden“, berichtet eine Sprecherin des Ministeriums. Das entspricht weniger als einem Prozent.

„Im Umkehrschluss heißt das, dass 98 Prozent unfallfrei unterwegs sind“, sagt Fahrlehrer Marco Tabbert. Aus seiner Sicht überwiegen die Vorteile. „Die Jugendlichen bekommen eine vollwertige Ausbildung, sind aber noch relativ langsam unterwegs“, erklärt er.

Die Führerscheinklasse AM15 hat nicht nur Freunde. Quelle: dpa

Brockmann, Gegner der Führerscheinklasse AM15, geht aufgrund des späten Projetstarts davon aus, dass sich die Unfallquote auf ein ganzes Jahr gerechnet verdoppelt. Der Unfallforscher zieht einen Vergleich mit dem letzten bundesweit AM15-freien Jahr heran: „2012 gab es 2,37 Millionen Fahrzeuge dieser Klasse“, sagt er, „und 1206 Verunglückte in Deutschland. Das entspricht 0,06 Prozent.“ Eine Quote, die weit unter dem liegt, was das Land Brandenburg nun über die 15-Jährigen bekannt gegeben hat.

Unfallforscher: Jugendliche sind besonders risikofreudig

Die Unfallforscher der Versicherer kritisieren daneben auch die zahlenmäßige Erweiterung der Hauptrisikogruppe im Verkehr, die obendrein noch auf den besonders gefährlichen Landstraßen unterwegs sei. „Wir sprechen hier vom Jugendlichkeitsrisiko“, erklärt Brockmann. Aus der Verkehrssicherheitsforschung sei bekannt, dass Jugendliche, insbesondere heranwachsende Männer, besonders risikofreudig sind. Hinzu kommt laut UdV ein wenig ausgeprägtes Sicherheitsbewusstsein und eine bessere Selbstbewertung. Auch Julian Maschke sagt nach einem halben Jahr über sich selbst: „Auf der Straße habe ich keine Angst.“

Den Modellversuch bewertet der UdV als „unverantwortlich“. Sinnvoll sei hingegen das Begleitete Fahren mit 17. Das Problem für die Unfallforscher: Wenn die Jugendlichen bereits mit 15 Jahren Moped fahren, könnten sie auf ein Auto länger verzichten und würden nicht mehr am Begleiteten Fahren teilnehmen. „Für die jungen Menschen ist es immerhin auch eine finanzielle Frage“, sagt Brockmann.

Julian Maschke sieht das anders. Er will auf jeden Fall am Begleiteten Fahren mit 17 Jahren teilnehmen. Auch wenn er dafür seine Eltern um finanzielle Unterstützung bitten muss. „Für weitere Strecken brauche ich einen Pkw-Führerschein einfach“, sagt er. Autobahnen sind für die Mopedfahrer beispielsweise Tabu ebenso wie einige Bundesstraßen. „Außerdem habe ich dann schon Fahrpraxis und fühle mich im Straßenverkehr sicherer“, sagt er.

Von Victoria Barnack