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Brandenburg Mühevolle Suche nach den Namen
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00:19 18.11.2013
Umbetter Joachim Kozlowski bei der Arbeit: Jedes Fundstück kann ein Hinweis auf die Identität des Toten sein. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert
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Märkisch Buchholz

In einem Meter Tiefe stößt Joachim Kozlowski auf das erste Indiz. Eine Pfeife. Sie ist zum Teil vermodert. Nur das Mundstück aus Kunststoff hat fast 70 Jahre im märkischen Sandboden überdauert. „Ich habe auch mal eine Zeit lang Pfeife geraucht“, erzählt der 41-Jährige. „Aber davon stank das Auto dann noch mehr.“

Wenn Kozlowski in den Wald fährt, nimmt er immer gleich zwei Schachteln Zigaretten mit. „Ich weiß ja nie, wie lange es dauert“, sagt er. Seit vier Jahren bettet der Friedersdorfer hauptberuflich Weltkriegstote um. Sein Arbeitgeber ist der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Allein im laufenden Jahr hat Kozlowski nach eigenen Angaben etwa 300 Tote aus dem Boden geholt. Deutschlandweit.

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Sein Arbeitsplatz sind die Schlachtfelder von einst – darunter ein Waldstück bei Märkisch Buchholz (Dahme-Spreewald). Gerufen hat ihn der Kampfmittelräumdienst – die „Feuerwerker“, wie Kozlowski sie nennt. Immer wieder stoßen sie bei ihren Sucharbeiten auf Tote, die im Kriegsgewirr nur notdürftig begraben wurden. Allein im Gebiet um Halbe, dem Schauplatz einer vernichtenden Kesselschlacht mit mehr als 40.000 Toten, müssen es noch Tausende sein, die im Waldboden liegen. „Wir werden aber nicht alle finden“, erklärt Kozlowski.

Ohnehin kann der Umbetter schon froh sein, wenn er der Erste an der Grabstelle ist. Immer wieder kommen ihm Leichenfledderer und Grabräuber zuvor. Mit Metalldetektoren suchen sie systematisch ehemalige Schlachtfelder ab, rauben den Toten ihre Erkennungsmarken, Kriegsgerät und Wertgegenstände. Alles, was sich zu Geld machen lässt.

Die „Gewissenhaften“ unter ihnen legen die Gebeine der Soldaten später vor dem Pfarrhaus von Jürgen Behnken in Märkisch Buchholz ab. „Dazu rufen wir aber auch auf“, sagt der Pfarrer. „Das ist uns lieber, als wenn sie die Knochen mitnehmen oder einfach wegwerfen.“ Ihm ist wichtig, dass jedes Kriegsopfer ein würdevolles Begräbnis erhält – auch fast 70 Jahre nach dessen Tod. Noch heute gebe es viele Menschen, die nichts über das Schicksal ihrer verschollenen Angehörigen wissen. Ihnen soll endlich Klarheit gegeben werden.

Joachim Kozlowski sucht deshalb vor allem nach Erkennungsmarken. „Mir geht es nur um die Identität der Toten“, sagt er. Alle persönlichen Gegenstände, die er findet, dokumentiert er. Eine Brille mit Rundgläsern, ein Schreibheft, die Pfeife und zwei dänische Kronen. Das ist alles, was der Tote dieses Mal bei sich hat. Zu wenig, um ihn eindeutig identifizieren zu können. „In 40 Prozent der Fälle finde ich eine Erkennungsmarke“, sagt Kozlowski. Wo er keine findet, bleiben Vermutungen.

Vorsichtig legt der ausgebildete Rettungssanitäter den Schädel des Toten frei. Er ist mehrfach gebrochen. Vom Helm fehlt jede Spur. Auch einer der Füße ist verschwunden. „Das kann eine Splitterbombe oder eine Granate gewesen sein“, erklärt Kozlowski. Selbst kleinste Fußknochen sammelt er in einer Plastikschale. Nach der Bergung bringt er die Gebeine zum Trocknen in ein Depot. Dort befreit er sie von Wurzeln und Erde, bestimmt die Todesursache, das Alter des Toten und seine Größe. Im kommenden Jahr wird er als „Unbekannter Soldat“ auf dem Waldfriedhof in Halbe begraben werden. Seit der Wende erhielten dort 2200 Weltkriegsopfer eine nachträgliche Ruhestätte – und damit einen Ort, an dem sie wiedergefunden werden können.

„Es gibt immer noch erstaunlich viele solcher Fälle“, sagt Pfarrer Jürgen Behnken. Er selbst könne sich gut an eine Frau aus seinem ehemaligen Sprengel in Wittstock (Ostprignitz-Ruppin) erinnern, die auf dem Friedhof in Halbe ihren Vater wiedergefunden hat. „Es ist kaum zu ermessen, was das für die Menschen bedeutet“, erklärt Behnken. „Nach Jahren können sie endlich mit dem Verlust abschließen.“

Von Judith Görs

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