Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg „Schon Erstklässler mobben sich untereinander“
Brandenburg „Schon Erstklässler mobben sich untereinander“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:23 07.02.2019
Stofftiere, Blumen und Kerzen haben Menschen vor dem Eingang zur Hausotter Grundschule in Reinickendorf abgelegt.
Stofftiere, Blumen und Kerzen haben Menschen vor dem Eingang zur Hausotter Grundschule in Reinickendorf abgelegt. Quelle: Foto: Paul Zinken/dpa
Anzeige
Potsdam

Der Tod einer elfjährigen Grundschülerin in Berlin bewegt auch in Brandenburg. Das Thema Mobbing an Schulen werde von der Politik und an vielen Schulen nicht ernst genug genommen, sagt Christina Adler, Vizechefin des Brandenburger Pädagogenverbands. „Wir brauchen mehr Schulsozialarbeiter und zwar nicht nur an den Brennpunktschulen.“

Zwar liege in Lehrerzimmern ein „Krisenmanagement“-Ordner aus, der Pädagogen nahelegt, wie sie mit Mobbing-Situationen in Klassenzimmern umzugehen haben. „Doch nicht jeder Lehrer hat Zeit, sich im überfrachteten Schulalltag damit vertraut zu machen.“ Auch während des Studiums würden angehende Lehrer nicht ausreichend auf Mobbing-Situationen vorbereitet. „Gerade junge Kollegen und Quereinsteiger müssen für das Thema sensibilisiert werden.“

Über das Thema „Mobbing an Schulen“ wird wieder diskutiert, nachdem am Samstag der Tod einer elfjährigen Berliner Grundschülerin bekannt geworden war. Das Mädchen soll gemobbt und körperlich angegriffen worden sein. Der Berliner Senat will in dem Fall Mobbing-Vorwürfen nachgehen.

Leitfaden für Lehrer

In Brandenburg werden Mobbingfälle an Schulen nicht statistisch erfasst, teilt das Brandenburger Bildungsministerium auf MAZ-Anfrage mit. Da es sich beim Mobbing um „keine direkte und sichtbare Gewalttat“ handele, sei eine Erfassung kaum möglich , sagt Ministeriumssprecher Ralph Kotsch. Schulen seien jedoch dazu angehalten, gewalttätige Verhaltensweisen, worunter auch das Mobbing zählt, „weder zu bagatellisieren, noch zu verschweigen“. Im Dezember 2017 habe das Ministerium mit einem Rundschreiben darüber informiert, wie Schulleitungen und Lehrer reagieren sollen, wenn ein Schüler von seinen Mitschülern schikaniert oder mit Psychoterror gequält wurde.

Dass körperliche und verbale Anfeindungen bereits unter Grundschülern geschehen, erfahren Pädagogen mitunter täglich in ihrem Berufsalltag. „Schon Erstklässler mobben sich untereinander“, sagt Christina Adler, die an einer Potsdamer Grundschule arbeitet. Bei den älteren Mädchen und Jungen spielten das Internet und die sozialen Netzwerke eine große Rolle. Die Kinder seien in Chatgruppen unterwegs, die niemand kontrolliere.

„Bei WhatsApp geht es zur Sache“

„Da geht es dann zur Sache: Kinder bezeichnen andere Kinder als zu dick oder machen sich über die Kleidung anderer Kinder lustig“, berichtet die Lehrerin. Obwohl soziale Netzwerke wie WhatsApp erst ab 13 Jahren erlaubt sind, hätten viele Kinder diese App auf ihrem Handy installiert. „Für uns Pädagogen ist da schwer, einzugreifen.“ Hier sehe sie die Eltern in der Pflicht.

Anders sehe es aus, wenn ein Kind im Klassenzimmer oder auf dem Pausenhof gemobbt werde. „Wir schreiten sofort ein, wenn es Probleme gibt.“ Einmal in der Woche gebe es zudem eine Klassenkonferenz, in der der Klassenlehrer mit den Schülern darüber redet, was möglicherweise schief gelaufen ist. Zudem gebe es an der Schule ausgebildete Sozialarbeiter, bei den Schüler Probleme ansprechen können.

Brandenburgs Schüler fordern mehr Präventionsarbeit

Die Brandenburger Schülerschaft ist der Meinung, dass das Thema „Mobbing an Schulen“ nicht ausreichend thematisiert wird. „Wir erkennen da einen Zwiespalt: Lehrer erkennen oftmals nicht die Situation und sehen ihren Bildungs- vor dem Erziehungsauftrag“, sagt Landesschülersprecher Lambert Wolff.

Noch immer würden viele Schüler Mobbing-Fälle nicht den Lehrern und Sozialarbeitern gemeldet. „Die Betroffenen schweigen, weil sie nicht wissen, an wen sie sich wenden können.“ Wolff fordert, dass an den Schulen offener über das Thema gesprochen wird. „Manche Schüler wissen überhaupt nicht, wann Mobbing anfängt und was schon dazu zählt.“

Trauer in Berlin

In Berlin wirft der Tod der elfjährigen Schülerin aus dem Berliner Bezirk Reinickendorf weiter Fragen auf. Das Mädchen war auf die Hausotter-Grundschule gegangen. Laut „Tagesspiegel“ soll sie vor einigen Tagen einen Suizidversuch unternommen haben und später an den Folgen im Krankenhaus gestorben sein.

Als möglicher Hintergrund steht der Verdacht von Mobbing an ihrer Schule im Raum. Doch bislang gibt es weder eine offizielle Bestätigung für den Suizid, noch ist der genaue Hintergrund geklärt. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) kündigte eine umfassende Aufklärung des Falles an.

Mobbing womöglich nicht die einzige Ursache

Am Samstagabend versammelten sich rund 150 Menschen zu einer Mahnwache vor der Schule. Elternvertreter werfen ihrer Leitung vor, Mobbing und Gewalt nicht ernst genug genommen zu haben, die Schulleiterin Daniela Walter bestreitet dies. Natürlich gebe es Vorfälle - beispielsweise auf dem Pausenhof. Aber: „Wir haben Konfliktlotsen an Bord“, sagte Walter der RBB-„Abendschau“. Darüber hinaus existiere eine „sehr gut ausgestattete Schulsozialarbeit“. Nichts werde vertuscht oder unter den Teppich gekehrt.

Der Potsdamer Forscher Sebastian Wachs warnte unterdessen davor, den mutmaßlichen Suizid allein auf mögliches Mobbing zurückzuführen. „Ein Selbstmord ist eine extreme Handlung - bei Erwachsenen und auch bei Kindern. Menschen begehen ihn nicht einfach so. Oft kommen verschiedene Faktoren zusammen, monokausale Erklärungen greifen zu kurz“, sagte der Erziehungswissenschaftler der Potsdamer Universität. Nach seiner Einschätzung kommt Mobbing an jeder Schule vor. „Schätzungen zufolge sind etwa zehn Prozent der Schüler betroffen - als Opfer, Täter oder beides“, so Mobbing-Forscher.

Hilfe für Mobbing-Opfer

Kommt das Kind nicht mehr mit dem Taschengeld aus? Fehlt Schulmaterial? Oder kommt das Kind mehrfach mit zerrissenen Klamotten heim? All das können neben blauen Flecken, häufigem Bauch- und Kopfweh und fehlender Motivation Warnsignale dafür sein, dass ein Kind in der Schule gemobbt wird. Darauf weist die Sicher-Stark-Initiative hin, die sich für den Schutz von Kindern einsetzt.

Hilfe für Mobbing-Opfer gibt es beim Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer“ unter der kostenlosen Telefonnummer 0800 111 0 333 oder im Netz unter www.nummergegenkummer.de

Von Diana Bade