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Brandenburg „Hälfte meines Heimatdorfes ist ausgelöscht“
Brandenburg „Hälfte meines Heimatdorfes ist ausgelöscht“
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00:39 01.05.2015
Bishnu Karki verteilt gespendete Pullover und Schuhe an Bedürftige in Lamosangu.
Bishnu Karki verteilt gespendete Pullover und Schuhe an Bedürftige in Lamosangu.  Quelle: privat
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Potsdam

 Schwerer als in den vergangenen vier Tagen war es für Bishnu Karki noch nie, knapp 8000 Kilometer fernab der Heimat zu leben. „Meine Freunde und Familie sind in großer Not und ich kann ihnen kaum helfen“, sagt der 44-jährige Yogalehrer und Reiseleiter, der sein Heimatland Nepal vor 15 Jahren verließ. Seit 2008 lebt Bishnu Karki in Potsdam, wo er das Himalaya Yoga und Ayurveda Zentrum leitet. Bei dem schweren Erdbeben am Samstag wurden auch große Teile seines Heimatortes Lamosangu in der Region Shindhupalchowk zerstört.

 „Die Hälfte meines Heimatdorfes ist ausgelöscht“, sagt Bishnu Karki. Das Dorf Lamosangu hat 500 Einwohner, mindestens 280 von ihnen sind bei dem Erdbebem umgekommen. „Ich habe meinen Schwager verloren“, fügt er mit leiser Stimme hinzu. Dass noch mehr Angehörige unter den Opfern sind, kann er nicht ausschließen: Lamosangu liegt an der Straße nach Tibet, die zurzeit nicht passierbar ist. In dem Dorf ist noch gar keine Hilfe von außerhalb angekommen – wie in vielen ländlichen Regionen des Landes.

Die Häuser in Lamosangu sind vor allem aus Lehm erbaut. „Das sind alles uralte Häuser, die sind doch sofort zusammengebrochen“, erzählt Bishnu Karki. Seine Angehörigen leben nun im Zelt und suchen selbst nach Opfern – täglich ziehen sie weitere Leichen unter den Trümmern hervor. „Es ist schrecklich“, sagt Karki, der am Sonntag das erste Mal mit seinem Bruder telefonieren konnte. Im Januar war er das letzte Mal in Nepal, in diesem Jahr wollte er wieder mit Reisegruppen aus Deutschland dorthin reisen – ob das noch klappt ist ungewiss.

Beim Telefonat hat Bishnu Karkis Bruder ihm auch die traurige Nachricht überbracht, dass das Erdbeben die Schule von Lamosangu komplett dem Erdboden gleichgemacht hat. Die kleine Schule lag Bishnu Karki immer ganz besonders am Herzen: Sein Vater hatte in den 1970er Jahren die Initiative ergriffen, die Schule zu errichten, und Bishnu Karki ließ sie vor wenigen Jahren mithilfe von Spendengeldern erweitern.

Zu seiner eigenen Schulzeit konnte Bishnu Karkis die Dorfschule nur bis zur siebten Klasse besuchen. „Danach mussten wir zwei Stunden bis zur nächsten Schule mit Oberstufe laufen“, erzählt der Nepalese. Um das Bildungsangebot in der Heimat zu verbessern, hatte er mit einem Freundeskreis Spenden gesammelt. 50 000 Euro waren zusammengekommen, um im Jahr 2010 drei weitere Schulgebäude für die Klassen acht bis zwölf zu eröffnen – einen Teil des Geldes hatten Potsdamer Yogaschüler gespendet. „Das ist nun alles hinüber“, sagt er. „Wenigstens ist das Unglück an einem Samstag passiert und es waren keine Schüler in der Schule.“

Bishnu Karkis Potsdamer Yogaschüler zeigten sich sehr betroffen, als sie von dem Unglück erfuhren. Unter ihnen ist auch Ingrid Püschel, Geschäftsführerin der Potsdamer Seniorenfreizeitstätte „Alfred und Toni Dahlweid“-Stiftung. In der Stiftung gibt Karki Yoga-Unterricht und hält regelmäßig Film- und Fotovorführungen über Nepal. „Viele unserer Senioren haben sich sofort spontan dazu bereiterklärt, für Bishnus Heimatdorf zu sammeln“, sagt Ingrid Püschel.

„Wir haben alle direkt an ihn gedacht, als wir in den Nachrichten von dem Erdbeben hörten.“ Ingrid Püschel war selbst noch nie in Nepal, ist aber viel durch Indien gereist und kennt die Himalaya-Region. „Die Menschen dort sind so ehrlich und lieb – daher macht mich diese Naturkatastrophe besonders betroffen“, sagt Püschel.

Bishnu Karki ist dankbar über die Anteilnahme der Potsdamer. „Die Yogateilnehmer sind tief betroffen“, erzählt Karki gerührt. Viele Potsdamer seien schon auf ihn zugekommen, weil sie Geld für die zerstörten Regionen spenden wollen. Bishnu Karki hat noch kein Spendenprojekt organisiert. Willige Spender verweist er an die Deutsch-Nepalische Gesellschaft (DNG) in Köln. Wie die die Spenden einsetzt, ist noch nicht entschieden, teilte DNG-Vorstand Anne Sengpiel auf MAZ-Anfrage mit. „Wir sind vor Ort gut vernetzt – was als erstes gebraucht wird, wird gekauft“, sagt Sengpiel.

Von Anja Meyer

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