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Brandenburg „Nicht mal ’ne Bockwurst auf IHK-Kosten“
Brandenburg „Nicht mal ’ne Bockwurst auf IHK-Kosten“
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02:16 05.05.2018
Victor Stimming (r.) mit seinem Anwalt Robert Unger vor Verhandlungsbeginn. Quelle: Foto: dpa-Zentralbild
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Potsdam

Victor Stimming sieht blendend aus, als er auf der Anklagebank im Potsdamer Amtsgericht Platz nimmt: dunkelblauer Sportsakko, hellblaues Hemd, braune Slippers, vor allem aber ein tiefbrauner Teint – als wäre der 67-Jährige gerade Regatta gesegelt. Doch schräg hinter ihm hat eine junge Ärztin Platz genommen – sie wacht über die Gesundheit des ehemaligen Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK).

Immer wieder legte Stimming Atteste vor

Mehrfach musste der Untreue-Prozess verschoben werden, weil Stimming Atteste vorlegte – die Anklage stammt von 2016. Nun stellt sich der Manager mit den durchdringenden blauen Augen dem Verfahren und ist im Angriffsmodus. „Ich habe mir nicht einmal erlaubt, eine Bockwurst auf Kosten der Kammer zu essen!“, sagt er. Alle Vorwürfe gegen ihn seien haltlos, nie habe er sich bereichert. „Wenn Sie als Unternehmer zehn Millionen Euro Jahresumsatz, haben, brauchen Sie das nicht.“

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Bestens vernetzt: Jahresempfang der Industrie und Handelskammer (IHK) Potsdam in Luckenwalde. IHK-Präsident Victor Stimming (l.) begrüßt den damaligen Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) im Mai 2011. Quelle: Margrit Hahn

Durch barocke Amtsführung soll Stimming der Kammer mehr als 200 000 Euro Schaden verursacht haben, sagen die Staatsanwälte. Der Bauunternehmer, der von 1995 bis 2013 ehrenamtlicher Chef der Potsdamer IHK war, wird beschuldigt, eine Sekretärin, die Aufgaben der IHK übernehmen sollte, für seine eigene private Baufirma eingesetzt zu haben (91 000 Euro Schaden). Außerdem soll der promovierte Bauingenieur eine luxuriöse Präsidiumsreise nach Malta veranlasst haben, die eher Freizeitcharakter gehabt haben soll als tatsächlich IHK-Interessen zu dienen (6000 Euro Schaden).

Vom Erfolg verwöhnt schon zu DDR-Zeiten

Victor Stimming konnte zu DDR-Zeiten an der TU Dresden seinen Doktor als Bauingenieur machen.

Vor der Wende war er schon technischer Direktor eines Kombinats.

Als Standortleiter des Baukonzerns Philipp Holzmann arbeitete der gebürtige Brandenburger nach der Wende und gründete 1993 eine Baufirma, an der er immer noch beteiligt ist.

Dritter Punkt der Anklage ist der erfolgreiche Versuch Stimmings, sich – am entscheidenden Gremium vorbei – Aufwandsentschädigungen für Aufsichtsratsitzungen genehmigen zu lassen. Dabei geht es um Posten, die der IHK-Präsident bei der brandenburgischen Bürgschaftsbank und der Zukunftsagentur Brandenburg bekleidete. Höhe der gezahlten Entschädigungen: 120 000 Euro.

Peter Maffay (l.) und IHK Präsident Victor Stimming 2011 beim Ball der Wirtschaft in Potsdam. Quelle: Christel Köster

Stimming redet auch vor Gericht wie ein Firmenlenker, breitet sein Lebenswerk aus. „Wir haben viel erreicht“, sagt er. Ausbildung, politische Kontakte, Ausfuhrerfolge: „Wir haben mehr exportiert als das größere Berlin“, sagt der Ex-Kammerchef. Die IHK habe in den 18 Jahren seiner Führung glänzend dagestanden. Die Mitgliedsunternehmen hätten von niedrigen Beiträgen profitiert, der Haushalt sei kerngesund gewesen. Niemand bestreitet das, auch kein Staatsanwalt.

Stimming hält die Vorwürfe für kleines Karo

Man merkt: Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft hält Stimming für kleines Karo. Warum eine Präsidiumssitzung in Malta, wo es doch in Treuenbrietzen und Pritzwalk genug zu besichtigen gibt? Auf dem Höhepunkt der Eurokrise 2012 habe die Brandenburger Delegation in dem Inselstaat im Mittelmeer her­ausfinden wollen: „Verbraten die da unser Steuergeld?“ Auf einer Hafenrundfahrt hätten sich die märkischen Manager davon überzeugen können, dass es gar nicht so schlimm stehe um die Wirtschaft der Insel. Im Übrigen hätten die Präsidiums-Mitglieder „nur in Einzelzimmern zu 100 Euro“ übernachtet.

Amtsgericht in Potsdam zu Verhandlungsbeginn. Quelle: dpa-Zentralbild

Die Verteidigungsstrategie des einstigen Senkrechtstarters, der schon als 30-Jähriger in der DDR Technischer Direktor eines Baukombinats war, ist klar: Für den bürokratischen Kram wie Arbeitsverträge und Reiseplanung sei er gar nicht zuständig gewesen – sein Job sei die Außendarstellung gewesen.

Dass eine IHK-Sekretärin in Stimmings Firma in Brandenburg/Havel ihren Arbeitsplatz hatte, habe rein praktische Gründe gehabt: „Ich hätte in Potsdam auf dem Gang bei Kunstlicht Akten durchsehen müssen“ – so wenig Platz sei im alten IHK-Bau gewesen, sagt Stimming. Also habe er die Kammer von seiner Firmenzentrale aus gelenkt. Als Gegenleistung für die Arbeitskraft habe Stimming nie Bürokosten in Rechnung gestellt.

Jahresempfang der IHK Potsdam mit Günter Baaske, Matthias Platzeck (beide SPD), Victor Stimming und Rene Kohl (v.l.) im September 2012. Kohl war Hauptamtlicher IHK-Geschäftsführer, Stimming ehrenamtlicher IHK-Präsident. In dem Prozess stehen sie gegeneinander. Quelle: Christel Köster

Was strafrechtlich klebrig sein könnte, geht in Stimmings Version auf das Konto der hauptamtlichen IHK-Geschäftsführer. Einer davon – Peter Egenter – ist tot, der andere – René Kohl – gilt als Hauptbelastungszeuge und wird noch seinen Auftritt haben vor Gericht. Dass Stimming, der Ehrenamtler, gerade gegen Ende seiner 18 Amtsjahre wie ein Sonnenkönig waltete und seine Hauptgeschäftsführer zum Beispiel über Absegnung einer Erfolgsprämie unter Druck setzen konnte, dürfte in den kommenden acht Prozesstagen eine Rolle spielen – Staatsanwalt Ralf Roggenbuck hat es angedeutet.

Nach gut zwei Stunden ist Schluss, Stimming hat zwei ärztlich verordnete Pausen gemacht.

Von Ulrich Wangemann