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Brandenburg Suff und Besinnung in der Oranienburger Straße
Brandenburg Suff und Besinnung in der Oranienburger Straße
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00:19 16.01.2019
Wir haben die Oranienburger Straße bei Nacht fotografiert. Quelle: Julian Stähle
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Berlin

Der Abend geht mit Schnaps los. Eine Gruppe, die sich durch Kneipen und Clubs führen lässt, hat drei Kurze übergelassen, also runter damit. Der dunkle Genever schmeckt wie ein in Alkohol getränktes Gummibärchen.

Eine junge Amerikanerin mit Lippen-Piercing und Pudelmütze kippt lieber Jägermeister, 19-jährige Iren blicken abwechselnd aufs Handy und ihr Weizenbier. Als sei der Krug eine Sanduhr, die zu ihren Gunsten runterrieselt. Es läuft der 80er-Jahre-Hit „Eye of The Tiger“ von Survivor. Ein gewöhnlicher Abend in einer Kneipe namens Silberfisch.

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Schick und schäbig, versnobt und verrucht: Die Oranienburger Straße ist von allem ein bisschen. Sehen Sie hier die Bilder zu Teil sechs der MAZ-Serie über Berliner Straßen mit Brandenburger Namen.

In der Neuen Synagoge hat der Schabbat begonnen, die Arbeit soll ruhen, die Handys auch. Wer kann, verzichtet auf Elektrizität, lässt den Fahrstuhl stehen und steigt die Treppenstufen hinauf in den dritten Stock. Die Rabbinerin Gesa Ederberg füllt koscheren Rotwein in einen bunt verzierten Becher und spricht auf Hebräisch einen Segen. „Gelobt seist Du, Ewiger, der Du den Schabbat heiligst.“ Knapp 20 Menschen schweigen, singen, beten, manche beugen dabei ihren Kopf nach vorne und zurück.

Oranienburger Straße hat einen großen Teil ihrer Vielfalt verloren

In den vergangenen Jahren hat die Oranienburger Straße einen großen Teil ihrer Vielfalt verloren. Das wiedererweckte Gemeindeleben gehört zu den wenigen Gegenbeispielen. Das Tacheles dagegen, das staunenden Ottonormal-Touristen alternative Kunst- und Lebensformen wie im Schaufenster präsentierte, musste schließen. Das Ausstellungshaus C/O verwandelte das alte Postfuhramt zunächst in eine Pilgerstätte der Fotografie, wich aber einem Investor, der ein großes Hotel bauen wollte.

An beiden Orten geschah seitdem fast nichts. Auf dem Teil der Straße, der zurzeit nicht auf unbestimmte Zeit eingerüstet ist, haben sich Gastro-Ketten breitgemacht. Für 4,90 Euro trinken Oberstufenschüler ihre ersten Cocktails und versuchen bei Annäherungen in der Bar ihres Hostels bloß nicht unbeholfen zu wirken. Und doch betasten sich die neugefundenen Pärchen wie Entenküken, die das erste Mal in den Teich watscheln.

„Du triffst in der Oranienburger Straße kaum noch Berliner“, sagt Bernd Winterhalder, „aber wir sind ja alle irgendwo Touris und ein Touri ist kein schlechter Mensch.“ Der 47-jährige arbeitet im Silberfisch als Wirt, Putzkraft und Rausschmeißer zugleich. Die Kneipe existiert seit 21 Jahren und hat den Schwund vieler Läden überlebt.

Die Gäste dürfen rauchen, das Licht ist schummrig, hinten dreht sich die Diskokugel. Am Wochenende, wenn der Laden erst um 8 Uhr schließt, kommen Nachtbummler aus den Clubs auf einen Absacker vorbei und tanzen. „Aber eine Partymeile ist die Oranienburger Straße nicht mehr“, sagt der Mann mit dem breiten schwarzen Backenbart und listet Clubs auf, die den Wandel im Kiez nicht überlebt haben. Sophienclub, Mudd Club, Bang Bang Club und so weiter.

Die Oranienburger Straße

Die Oranienburger Straße in Berlin-Mitte trägt ihren Namen seit 1824. Sie gehört zu einem Viertel, in dem bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten vielfältiges jüdisches Leben herrschte, die Gemeinde der Neuen Synagoge umfasste zigtausende Mitglieder. Ein großer Teil des Gebäudes wurde von Bomben im Zweiten Weltkrieg getroffen, auch in der Reichspogromnacht verursachte der Mob der Nazis, die die Synagoge in Brand setzten, einige Schäden.

Auch die Stadt Oranienburg ist historisch mit dem NS eng verknüpft. Im KZ Oranienburg, das 1933 und 1934 existierte, wurde unter anderem der Schriftsteller Erich Mühsam ermordet. Anschließend entstand das KZ Sachsenhausen. Das Lager diente unter anderem als Ausbildungsort für KZ-Kommandanten. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen ums Leben oder wurden Opfer systematischer Vernichtungsaktionen.

Der Name der Stadt geht zurück auf die niederländische Prinzessin Louise Henriette von Nassau-Oranien (1627–1667), die die ursprünglich aus einer Slawensiedlung entstandene Stadt 1653 neu begründete. Oranienburg hat heute rund 45 000 Einwohner. Sehenswert sind unter anderem das Schloss Oranienburg mit Park, Museum und Orangerie und die 1893 gegründete „Vegetarische Obstbaukolonie Eden GmbH“, die erste vegetarische Siedlung in Deutschland.

Nach dem Gottesdienst hängt Rabbinerin Ederberg ihr Gebetstuch an die Garderobe und nimmt die regenbogenfarbene Kippa vom Kopf, die die Solidarität mit Schwulen, Lesben und Transgender symbolisiert. In der Synagoge in der Oranienburger Straße übernehmen viele Frauen geistliche Aufgaben – „und Kinder haben bei uns Vorfahrt“.

Als ein junges Mädchen beim Gebet durch die Sitzreihen tobt, lächelt Ederberg statt die Eltern zu ermahnen. Als einziger Schmuck an den weißen Wänden im Synagogenraum, der gerade mal 100 Leuten Platz bietet, hängen vier von Kindern gemalte Bilder, die Friedenstauben, Herzen und eine Gebetsrolle zeigen.

Ursprünglich stand hier eine im 19. Jahrhundert gebaute dreischiffige Basilika mit umlaufender Empore. In den Synagogenraum passten 3200 Menschen. Theodor Fontane schrieb von einem Gotteshaus, „das an Pracht und Großartigkeit der Verhältnisse alles weit in den Schatten stellt, was die christlichen Kirchen unserer Hauptstadt aufzuweisen haben“.

Gegensätze aus Besinnung und Trubel

Eine jüdische Frau, die sich ebenfalls in der Gemeinde engagiert, wechselt ihre Gottesdienst-Schuhe gegen bequeme Stiefel, um nach Hause zu laufen. Mit Bus und Bahn fahren ist am Schabbat nicht erlaubt. Sie wird wahrscheinlich umherziehenden Kneipentouristen und ein paar auf Freier wartenden Prostituierten begegnen.

Diese Gegensätze aus Besinnung und Trubel stören sie nicht. Nur wenn ein jüdischer Feiertag ist und gleichzeitig Touristen im Gebäude seien, die sie als Jüdin bestaunen, als sei sie ein Exponat – das sei unangenehm. Sie spült den Weinbecher ab und verabschiedet sich. Zu Hause wird ihr Mann schon gekocht und die Kerzen angezündet haben.

Lesen Sie hier die weiteren Teile der MAZ-Serie zu Brandenburger Straßennamen in Berlin:

>> Potsdamer Straße – wo schon Marlene Dietrich wohnte

>> Der Senftenberger Ring – ein Besuch in der Hochhaussiedlung Märkisches Viertel

>> Party-Meile der Neunziger – der raue Charme der Schwedter Straße

>> Heimathafen für Gestrandete –die Zossener Straße in Kreuzberg

Von Maurice Wojach