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Brandenburg „Was in den Krankenhäusern läuft, ist nicht normal“
Brandenburg

Pflegenotstand spitzt sich zu. Eine Charite Pflegerin erklärt, warum sie streikt.

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09:46 09.09.2021
Eine Altenpflegerin in einem Heim.
Eine Altenpflegerin in einem Heim. Quelle: Juergen Blume
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Potsdam

Vor genau vier Jahren im September brachte ein junger Krankenpflegeschüler den Wahlkampf durcheinander. Das Thema Pflege hatte bis dato keine große Rolle vor der Bundestagswahl gespielt. Bis in der ARD-Wahlarena ein junger Mann in drastischen Worten die Folgen des Personalmangels in der Pflege schilderte – und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Erklärungsnöte brachte.

Die Würde der Menschen in Pflegeheimen und Krankenhäusern werde „tagtäglich tausendfach verletzt“, die Pflegekräfte seien überlastet, die Stationen unterbesetzt, sagte der angehende Pfleger. Immerhin: Versprechen wollte Merkel daraufhin nichts. Aber sie zeigte sich zuversichtlich, dass sich die Situation in zwei Jahren besser sein würde.

„Was in den Krankenhäusern läuft, ist nicht normal“

Vier Jahre später zieht Inga Schulze* eine ernüchternde Bilanz. Erst durch die Corona-Pandemie seien die Probleme in der Pflege endlich wahrgenommen worden, sagt die Gesundheits- und Krankenpflegerin aus Brandenburg, die in der Berliner Charité arbeitet. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, da sie derzeit zu den Pflegekräften gehört, die für bessere Arbeitsbedingungen streiken. „Tatsächlich ist die Situation extrem angespannt. Nicht erst seit der Pandemie kämpfen wir auf den Stationen mit extremen Personalmangel“, sagt sie.

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Als die Lage in den Krankenhäusern im Zuge der Corona-Krise stärker in den Fokus rückte, hätten die Pflegekräfte zwar endlich die gesellschaftliche Anerkennung bekommen, die ihnen zustehe, sagt Schulze. Mehr aber auch nicht. „Die Leute haben gesehen: Was in den Krankenhäusern läuft, ist nicht normal. Bestes Beispiel waren die Intensivbetten. Die gab es zwar, aber eben kein Personal.“

Betten wegen Personalmangels gesperrt

Auch derzeit seien Betten auf ihrer Station wegen Personalmangels gesperrt. „Normalerweise haben wir um die 40 Patienten. Jetzt haben wir gerade reduziert. Im besten Fall sind wir zwei examinierte Pflegekräfte, plus Pflegehelfer. Allerdings bin ich an manchen Tagen auch alleine mit der Versorgung, weil jemand ausfällt.“

Sowohl in der Alten- als auch in der Krankenpflege fällt es Einrichtungen schwer, offene Stellen zu besetzen. Bei der Awo Brandenburg Süd gehören dauerhaft ausgeschriebene Fachkraftstellen zum Alltag, erklärt die Fachbereichsleiterin Elfrun Makowski, die am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Landtags den Fachkräftemangel erläuterte. „Die Dauer der Vakanz nimmt zu. Seit einem halben Jahr können wir offene Stellen nicht besetzen, weil wir keine Bewerbungen bekommen.“

Hilft eine Reform der Ausbildung?

Die Einrichtungen für die Altenpflege müssten eigentlich expandieren, weil der Pflegebedarf steigt. Aber wie, wenn das Personal fehlt? „Der Fachkräftemangel ist ein großer Wachstumshemmer“, sagt Makowski. Die Folge: Die Arbeit wird oft auf zu wenigen, auf den immer gleichen Schultern verteilt.

Die Politik reagiert unter anderem mit einer veränderten Ausbildung auf den steigenden Bedarf. Zum Einen soll die generalistische Pflegeausbildung Abhilfe schaffen und den Einstieg in den Beruf attraktiver machen. Die Auszubildenden lernen zwei Jahre Kranken-, Alten- und Kinderkrankenpflege kennen und können sich nach zwei Jahren für eine Spezialisierung entscheiden. Ein anderer Weg ist die Akademisierung der Pflege, also ein Pflegestudium, das stärker auch Abiturienten ansprechen soll.

„Das ist ein Systemfehler“

Das hat aber seine Tücken. Wenn sich immer mehr für eine akademische Pflegeausbildung bewerben und in Leitungspositionen streben, steigt das Risiko, dass die Pflegekräfte für die alltäglichen, körpernahen Dienstleistungen fehlen.

Jens Reinwardt leitet die Akademie der Gesundheit Berlin-Brandenburg mit zwölf Ausbildungsgängen und sieht die Akademisierung des Berufszweigs mit gemischten Gefühlen. Wer sich für eine akademische Ausbildung entscheide, der verzichte auf eine Ausbildungsvergütung und müsse selbst für seinen Unterhalt sorgen oder Bafög beantragen, erklärt Reinwardt. „Das ist ein Systemfehler.“

Hohe Abbrecherquote in der Pflegeausbildung

Die Nachwuchsgewinnung wird immer schwieriger, betont auch Reinwardt. Von bundesweit 140.000 Pflegeschülern brechen 40.000 junge Menschen ihre Ausbildung wieder ab, viele davon im ersten Halbjahr. In seiner Akademie beträgt die Abbrecherquote 22 Prozent. Der Grund. „Die jungen Leute erleben einen Praxisschock“, sagt Reinwardt.

In Deutschland würden die angehenden Pflegekräfte nach zehn Wochen in die Praxis geschickt. „Das führt zu einer emotionalen Überlastung“, sagt Reinwardt. In anderen Ländern würden die Auszubildenden länger darauf vorbereitet, was sie in der praktischen Arbeit mit Patienten oder Pflegebedürftigen erleben.

Schon ans Aufhören gedacht

Auch bei den ausgebildeten Pflegekräften gibt es inzwischen nicht wenige, die hinschmeißen, berichtet Pflegerin Inga Schulze. Sie selbst habe schon über einen Jobwechsel nachgedacht. „Tatsächlich war ich schon an diesem Punkt und habe überlegt, ob ich eine Ausbildung zur Erzieherin anfange“, erzählt sie. „Aber ich liebe meinen Job und will den nicht aufgeben. Aber ich sehe zunehmend, dass ich nicht mehr kann.“

Inga Schulze geht an diesem Donnerstag in Berlin wieder auf die Straße. Die Gewerkschaft Verdi hat zu einem unbefristeten Streik an den landeseigenen Krankenhäusern Vivantes und Charité aufgerufen. Es gebe teilweise eine riesige Spannbreite bei den Löhnen. „Außerdem brauchen wir mehr Personal auf den Stationen. Wir wollen, dass sich endlich etwas ändert“, sagt Schulze. „Es reicht nicht, dass wir beklatscht wurden, politisch muss sich etwas bewegen.“

Von Torsten Gellner und Gesa Steeger