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Brandenburg So steht es um die Pflege in Brandenburg
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00:24 07.07.2019
Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Pflegesystem kollabiert, warnen die Heimbetreiber. Quelle: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbi
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Potsdam

Brandenburg altert. Einer wachsenden Zahl von Pflegebedürftigen steht einer schwindenden Zahl von Schulabgängern gegenüber. Wie aus der Brandenburger Fachkräftestudie Pflege des Gesundheitsministeriums hervorgeht, müsste im Jahr 2030 jeder zweite Schulabgänger einen Pflegeberuf ergreifen, um den heutigen Pflegestandard aufrecht zu erhalten.

Aber das ist illusorisch, meint Werner Futterlieb, Geschäftsführer des Gemeinschaftswerks Wohnen und Pflege in Nauen (Havelland). „Wir werden schon in fünf Jahren nicht mehr das leisten können, was wir heute leisten. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, sagt er. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege, also die Träger der ambulanten und stationären Pflege in Brandenburg, sind deswegen alarmiert. Mit Blick auf die Landtagswahl haben sie eine Pflegestrategie 2030 vorgelegt.

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So ernst ist die Lage

„Der Kollaps der Pflege steht vor der Tür, in einigen Regionen erleben wir ihn schon“, sagt Andreas Kaczynski, Vorsitzender der Liga und Chef des Paritätischen Landesverbands Brandenburg. „Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Pflegestrukturen zusammenbrechen.“ Es kommt bereits vor, dass Heime Patienten abweisen müssen, weil Personal fehlt. Michaela Lorenz, ASB-Geschäftsführerin aus Cottbus, kennt das. „Ich stehe fast jede Woche vor der Schließung meines ambulanten Pflegedienstes“, sagt sie. Fachkräfte und Helfer fehlen. Knapp zehn Prozent der Betten im Seniorenheim könnten deswegen derzeit nicht belegt werden.

Steigende Platzkosten

Auf mittlere Sicht müssen die Löhne in der Pflege in Brandenburg auf Westniveau steigen, und das werden sie auch, meint Kaczynski. „Sonst finden wir gar keine Mitarbeiter mehr.“ Doch im System der Pflegeversicherung liegt ein Fehler: Je besser die Pflegekräfte bezahlt werden, desto teurer die Pflegekosten für Heimbewohner oder Angehörige. Lohnsteigerungen gleicht die Pflegeversicherung nicht aus, sie werden auf die Bewohner umgelegt. Preissprünge von 20 bis 30 Prozent sind die Folge. Deswegen muss die Finanzierung der Pflege geändert werden, fordert die Liga. Das ist Aufgabe des Bundes. Nötig sei etwa, einen Teil der Pflegekosten durch Steuereinnahmen abzudecken.

Land soll Pflegepakt schmieden

Aber auch das Land kann etwas tun: Die neue Landesregierung soll einen Pflegepakt schmieden, bei dem alle Akteure an einen Tisch kommen – und zwar dauerhaft, nicht nur bei ein, zwei Fachkonferenzen, fordert die Liga. Dazu gehören: Wohlfahrtsverbände, Kranken- und Pflegekassen, Krankenhäuser, Mediziner, Sozialarbeiter, aber auch Wohnungsunternehmen und Verkehrsverbände. „Wir brauchen vernünftige Strukturen in der Pflegeplanung. Wir haben in vielen Bereichen Kompetenzen, aber die schöpfen wir nicht aus“, sagt Liga-Chef Kaczynski. In den Landkreisen und kreisfreien Städten müsse es Planungszentren für die Pflege geben, die im Blick haben, woran es mangelt.

Ziel: Pflegebedürftigkeit aufschieben

Um das System zu entlasten, soll Pflegebedürftigkeit am besten vermieden werden. Fit und selbstständig bis ins hohe Alter: Das sei bis zu einem gewissen Grad beeinflussbar, hätten Studien gezeigt. „Wir denken zu wenig darüber nach, wie sich Pflegebedürftigkeit verhindern oder verschieben lässt“, meint Kaczynski. Durch Prävention, Nachbarschaftsprojekte, Mehrgenerationenhäuser, Haushaltsassistenten, medizinische Versorgung und technische Hilfen lasse sich der Umzug in ein Heim oft vermeiden, so die Idee.

„Menschen brauchen Ansprache, sonst verkümmern sie“, meint Michaela Lorenz. Schon einfache Dinge wie ein gemeinsames Mittagessen einmal pro Woche in der Dorfkneipe könne viel bewirken. Ideen für derartige Projekte gibt es genügend. Auch in Brandenburg gibt es Projekte wie „Altern und Pflege im Quartier“. Das Problem: Es sind Modellprojekte, es fehlt die langfristige Finanzierung.

Aufwertung des Pflegeberufs

Um den Pflegeberuf aufzuwerten, sind nicht nur höhere Löhne, sondern auch eine Aufwertung der Ausbildung nötig, meint Sonja Zander vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz. In Teilen ist das schon vorbereitet. Die Ausbildung für Alten- und Gesundheitspflege werden zusammengelegt, es wird ein Pflegestudium geben. Auch die Anwerbung ausländischer Fachkräfte sei nötig. Das scheitert aber oft an der Bürokratie.

Eine weitere Forderung: Pflegefachkräfte sollen Ärzte entlasten. „Ein Rezept ausstellen, Blutdruck messen, das kann auch Pflegepersonal. Es soll ja nicht operieren“, meint Cornelia Albrecht, Pflegereferentin bei der Awo Brandenburg.

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Von Torsten Gellner

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