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Brandenburg Potsdamer Ausstellung feiert Luthers Verständnis von Freiheit
Brandenburg Potsdamer Ausstellung feiert Luthers Verständnis von Freiheit
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17:43 30.08.2017
Luther wie in Lucas Cranach d. Ältere sah.
Luther wie in Lucas Cranach d. Ältere sah. Quelle: Maz
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Potsdam

Fein ziseliert sind die Ränder des schimmernden Buches. Eingearbeitet in das vergoldete Silber des Bandes sind diverse Herrscherporträts und in der Mitte prangt als Relief die Kreuzigung. Die Werkstatt Paul Hoffmanns im einstigen Königsberg hielt schon 1555 die Schriften Martin Luthers für so bedeutsam, dass sie sie in Gold und Silber kleidete. Der Prachtband aus der sogenannten Silberbibliothek des Herzogs Albrecht von Brandenburg-Ansbach ist ab September einer der Attraktionen, die Brandenburg in der heißen Phase des Reformationsjubiläums zu bieten hat. Ministerpräsident Dietmar Woidke, Kulturministerin Martina Münch (beide SPD) und der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge haben in Potsdam jetzt kommende Veranstaltungen vorgestellt, die die Folgen der von Martin Luther am 31. Oktober 1517 an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, versendeten 95 Thesen für das Land reflektieren sollen.

Auch Gegner Luthers sind zu sehen

Die Ausstellung „Bürger, Pfarrer, Professoren“ in Frankfurt (Oder) ist nur noch bis zum 31. Oktober zu sehen. In den Kirchen St. Marien und St. Gertraud werden restaurierte Kunstschätze gezeigt. Das Museum Viadrina stellt anhand von Drucken, Gemälden und Urkunden das Wechselspiel von Reformation und Gegenreformation dar.

Im Mönchenkloster und in der Nikolaikirche von Jüterbog findet vom 9.  September bis zum 26.  November die Ausstellung „Tetzel, Ablass, Fegefeuer“ statt. Im ehemaligen Chor der Mönchenkirche wird zum Beispiel das Aufkommen des Ablasshandels verdeutlicht, der Luther zu seiner Kirchenkritik anspornte.

ZU den Highlights des Herbstes gehöreneine gemeinsame Festveranstaltung des Landes mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz in der evangelischen Nikolaikirche am 7. September, die Eröffnung der Ausstellung „Reformation und Freiheit“ über die Folgen der Reformation für Preußen und Brandenburg im Potsdamer Haus der Brandenburg-Preußischen Geschichte sowie die Eröffnung der Ausstellung „Tetzel - Ablass - Fegefeuer“ in Jüterbog (Teltow-Fläming).

Freiheit als Losung der großen Ausstellung

„Freiheit“ ist die Losung, die sich nicht nur das Museum im Kutschstall auf die Fahne geschrieben hat. Laut Woidke soll der Begriff der Freiheit „religiös, bürgerlich und gesellschaftlich“ diskutiert werden. In der Potsdamer Ausstellung würden viele geschichtliche Aspekte enthüllt, die bislang nicht so bekannt gewesen seien. Es werde deutlich, „dass hier vieles an Schätzen verborgen ist“. Aus dieser reichen Geschichte könne man Halt schöpfen, „dass sich unser Land weiter gut entwickelt“.

„Luther hat das Thema Freiheit genial angesprochen“, findet Bischof Dröge. „Glaubens- und Gewissenfreiheit macht den Menschen frei.“ Derzeit sehe man, wie sehr weltweit ebendiese Freiheit bedrängt werde. Zugleich könne man an vielen Orten der Welt keinen Einsatz für das Gemeinwohl mehr erkennen. Deshalb passe Luthers Denken so gut in unsere Zeit.

Brandenburg hat laut Dröge Luthers Ideen vor 500 Jahren „pragmatisch und weise“ umgesetzt. So habe Kurfürst Joachim II. seit der Einführung der Reformation ab 1539 darauf geachtet, „dass die Brücke zu den sogenannten Altgläubigen gehalten wurde“. In Brandenburg habe es auch praktisch keinen Bildersturm gegeben. Das sehe man zum Beispiel an der immer reich ausgestatteten Marienkirche in Bernau. Den maßvollen Umsetzung der Religion zeige auch später der erste gemeinsame Gottesdienst von Reformierten und Lutheranern in der Potsdamer Garnisonkirche am 31. Oktober 1817. An dieses Ereignis soll eine Veranstaltung am 29. September in der Nagelkreuzkapelle in der Breiten Straße erinnern.

Zusammenarbeit mit Experten aus Polen

Wie der Freiheitsbegriff Luthers in der mit polnischen Partnern entwickelten Potsdamer Ausstellung präsentiert wird, erläutert Kuratorin Ruth Slenczka. „Die Ausstellung erzählt, was Freiheit für die Menschen in Brandenburg und Preußen im 16. Jahrhundert bedeutete.“ Zusammen mit Experten aus dem polnischen Küstrin habe das Haus zum Beispiel eine Medienstation über Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin gestaltet. Der hatte auf dem Reichstag zu Augsburg im Jahr 1548 Kaiser Karl V. die Gefolgschaft verweigert und damit die von Luther 1520 formulierte „Freiheit eines Christenmenschen“ als Freiheit von Bevormundung gedeutet. Hedwig von Polen wiederum, die Frau des Kurfürsten Joachim II., habe im Gegensatz zu ihrem Mann an ihrem katholischen Glauben festgehalten. Sie habe Freiheit als „Recht auf die eigene Religion“ verstanden. Über ihre Grundsätze werde in einem Brief über sie berichtet, der ebenfalls in Potsdam zu sehen sein wird.

Der Kutschstall stellt außerdem noch nie gezeigte Exponate aus der sogenannten Silberbibliothek vor. Herzog Albrecht von Brandenburg-Ansbach hatte sie sich im Rahmen seiner Reformationsbestrebungen zugelegt. Auch das in vergoldetes Silber eingebundenes Buch mit Schriften Martin Luthers gehört dazu. Wie viele andere Stücke der Silberbibliothek kommt das Buch aus der Universitätsbibliothek der Nikolaus-Kopernikus-Universität im polnischen Torun (Thorn). Dorthin sind viele der einst in Königsberg gesammelten Schätze nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs gelangt. Der Zusammenarbeit mit der Bibliothek und anderen polnischen Einrichtungen ist die Besonderheit der Ausstellung mit ihrem Schwerpunkt im Osten zu verdanken.

Slenczka nannte die Zusammenarbeit mit den polnischen Museen und Hochschulen „überwältigend“. Das Interesse sei „riesengroß“ gewesen. „Auf politischer Ebene war die Zusammenarbeit nicht ganz so einfach“, betont Slenczka. Das Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte habe auf die Anfrage nach der Schirmherrschaft für die Ausstellung vom polnischen Außenminister Witold Jan Waszczykowski eine „schnöde Absage“ erhalten, Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) jedoch sei Schirmherr geblieben. Die deutsch-polnischen Beziehungen sind seit dem Antritt der nationalistisch orientierten PiS-Regierung 2015 angespannt.

Zufrieden mit dem Verlauf des Reformationsjubiläums

Die katholische Kulturministerin Münch betont auf Nachfrage: „Das Reformationsjubiläum ist natürlich auch ein Jahr der Ökumene. Die Reformation ist auch ein Thema, das Katholiken berührt.“ Das habe schon die Überreichung der Luther-Medaille an Kardinal Karl Kardinal Lehmann durch Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm am 31. Oktober 2016 in der Berliner Marienkirche deutlich gemacht.

Münch freut sich über die Resonanz der 300 bisherigen Veranstaltungen rund um Luther. Die Ausstellung des 2015 wiedereröffneten Museums „Mühlberg 1547“ in Mühlberg/Elbe (Elbe-Elster) über das dortige Scheitern der Reformation hat in den vergangenen beiden Jahren schon über 10700 Besucher angezogen.. Die Ausstellung „Bürger, Pfarrer, Professoren“ in der Marienkirche in Frankfurt (Oder), über Reformation und Gegenreformation habe seit Mai 27000 Besucher gezählt.

Auch Woidke äußert sich zufrieden über den bisherigen Verlauf des Reformationsjubiläums. Sowohl was die Erinnerung an geschichtlich bedeutsame Orte wie die Stadt Mühlberg als auch die Touristenströme anbelange hätten sich die Erwartungen erfüllt. „Ich habe insgesamt einen sehr guten Eindruck.“ Dass das Land Brandenburg die Kirchen seit 2011 für das Reformationsjahr mit rund 1,8 Millionen Euro ausgestattet habe widerspreche nicht der Trennung von Kirche und Staat. „Es ist im Interesse des Landes, die Kirchen bei ihren Aufgaben zu unterstützen.“ Diese nähmen auch soziale Aufgaben wahr. Gerade das Reformationsjubiläum habe dazu beigetragen, den Tourismus zu fördern und das Bewusstsein für Geschichte zu beleben. Die Kirche gehöre „in die Mitte der Gesellschaft“.

Von Rüdiger Braun