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Brandenburg „Lehrstück für das Versagen von Politik und Wirtschaft“
Brandenburg

Pressestimmen zum BER: Das schreiben Zeitungen zur Flughafeneröffnung

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10:59 31.10.2020
Hinweisschilder auf der A113 zeigen den Weg zum BER. Quelle: Kay Nietfeld/dpa
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Potsdam

In unserer Presseschau lesen Sie, wie andere Zeitungen die BER-Eröffnung kommentieren. Hier finden Sie den Kommentar von MAZ-Chefredakteur Henry Lohmar.

FAZ

Der BER ist fertig. Schnell werden sich Selbstzweifel und Scham, die mit dem Vorhaben untrennbar verbunden sind, mischen mit Genugtuung – oder auf Berlinerisch: Geht doch. Das größte Infrastrukturprojekt auf (ost-)deutschem Boden wird, wenn alles glatt läuft, bald nicht mehr Gegenstand der Häme aus allen Himmelsrichtungen sein, sondern Basis für die Mobilität von Millionen, Arbeitgeber für Tausende, Antrieb für Wirtschaftsansiedlungen in der ganzen Region.

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Partystimmung kommt dennoch nicht auf, und das liegt nicht nur an den verschärften Corona-Beschränkungen. Denn in der Gegenwart des BER dominiert die Vergangenheit noch die Zukunft. Hohn und Spott über Pannen und Pech mussten die Mitarbeiter und die häufig wechselnden Geschäftsführer der Flughafengesellschaft zur Genüge ertragen. Erst der vierte Flughafenchef, der Stadtplaner und ehemalige Staatssekretär Engelbert Lütke Daldrup, kann nun die Bauzäune entfernen. Immerhin musste das Terminal allen Unkenrufen zum Trotz nicht abgerissen werden.

Freie Presse (Chemnitz)

In der schier endlosen Geschichte von Skandalen, Pech und Pannen ist es eine besondere Ironie, dass der "Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt" ausgerechnet in der größten Krise der internationalen Luftfahrt startet. Nachdem sich bereits die Baukosten auf sechs Milliarden Euro verdreifacht haben, könnte der BER auch im Betrieb noch länger auf Finanzhilfen der Steuerzahler angewiesen sein und zum noch größeren Milliardengrab werden. Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup erwartet in diesem Jahr bestenfalls 10 Millionen Passagiere an der Spree, der Airport geht aber mit der vierfachen Kapazität an den Start. Die größten Boom-Jahre der Luftfahrt hat Berlin verpasst und ist selbst daran schuld.

Frankfurter Rundschau

Stimmen die Prognosen der Internationalen Luftfahrtorganisation, wird der Flugverkehr erst 2025 wieder auf ein Vorkrisenniveau zurückkehren. Erst dann kann BER möglicherweise kostendeckend arbeiten. Aber auch alle anderen Airports werden in absehbarer Zeit nicht ohne die Hilfe von der öffentlichen Hand auskommen. Die Unterstützungen, für die die Steuerzahler:innen gerade stehen, müssen jetzt auf die Standorte konzentriert werden, die tatsächlich benötigt werden. Und deren Zahl ist gut überschaubar.

Letztendlich muss es um einen Verkehrsmix gehen, der nicht nur effizient ist, sondern zudem an den Klimaschutz denkt. Im Zentrum muss die Bahn stehen, aber natürlich auch als Zubringer für sechs oder vielleicht acht Flughäfen. BER wird dazu gehören.

Stuttgarter Zeitung

Die größten Boomjahre der Luftfahrt hat Berlin verpasst und ist selbst daran schuld. Viele Plätze im schicken neuen Terminal werden nun erst mal leer bleiben. Die Einnahmen fehlen, nicht zuletzt bei den rund hundert Geschäften am Airport, der auch ein Konsumtempel werden soll. Die ohnehin defizitäre und hochverschuldete Flughafengesellschaft FBB muss sparen und hat den weiteren Ausbau gestoppt. So bleibt vorerst nur die Hoffnung auf bessere Zeiten.

Der Luftverkehr wird aber auch wegen der Klimakrise nicht mehr so wachsen wie einst. Kurzflüge sollte die Bahn ersetzen. Anders als TXL ist der BER mit dem Zug schnell erreichbar, ein wichtiger Fortschritt. Und in Tegel hat Berlin nun die Chance, es besser zu machen - und dort, wo bisher Flieger starteten, ein nachhaltiges Stadtquartier der Zukunft zu schaffen.

Südwestpresse (Ulm)

Das Projekt aber wird ein Lehrstück bleiben für das Versagen von Politik und Wirtschaft. Schon die Standortwahl war politisch motiviert und falsch. Großkonzerne erpressten den Staat und zwangen ihn regelrecht, Bauherr zu werden. Eitelkeiten und Größenwahn ließen Landes- und Bundespolitiker glauben, sie würden das Monstrum beherrschen.

Chaos, Fehlplanungen, verschwundene Räume, unauffindbare Leitungspläne, zu kurze Rolltreppen und Firmen, die am Nichtstun verdienten, – es fehlte nicht an Absurdem. Nun werden die deutschen Steuerzahler wohl noch lange für den Hauptstadt-Airport zahlen müssen.

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe)

Bei allem Spott und aller Verzweiflung über das Versagen der Verantwortlichen darf man dennoch optimistisch in die Zukunft blicken. An der Notwendigkeit des neuen Airports gibt es keinen Zweifel, der gute alte Flughafen Tegel platzte längst aus allen Nähten. Der BER liegt mitten im Speckgürtel, in der Region haben sich zahlreiche High-Tech-Unternehmen angesiedelt, in unmittelbarer Nachbarschaft baut Tesla seine Großfabrik für E-Autos.

Kein Wunder, dass in der vom Strukturwandel besonders betroffenen Hauptstadt und der benachbarten Mark Brandenburg erneut an kühnen Visionen kein Mangel herrscht - nun träumt man von einem deutschen Silicon Valley mit direktem Anschluss an die ganze Welt. Verwegen? Vielleicht. Aber nicht ausgeschlossen. Auch wenn es deutlich länger gedauert hat als geplant. Und erheblich teurer geworden ist.

Westfalenblatt (Bielefeld)

Die Deutschen haben zurzeit kein gutes Händchen für Großprojekte. Mehr als sechs Milliarden Euro hat der BER gekostet – angesetzt waren anfangs etwa zwei Milliarden. Und da klar ist, dass so einiges, was da in Schönefeld auf die Wiese gebaut wurde, schon wieder zu klein oder renovierungsbedürftig ist, wird der Flughafen „Willy Brandt“ den Steuerzahler auf Jahre erkleckliche Summen kosten. Die Corona-Krise vertieft die Finanzlöcher bei der Flughafengesellschaft.

Frankenpost (Hof)

Sechs Milliarden Euro hat die öffentliche Hand mittlerweile in den Flughafen gesteckt, geplant waren ursprünglich zwei Milliarden. Nun weiß man, dass öffentliche Bauten kaum jemals innerhalb des kalkulierten Kostenrahmens gefertigt werden. Das beruhigt aber kaum, wenn man an die Zukunft denkt. Schon heute ist klar, dass der BER ein Zuschussgrab wird.

Dass Corona den Planern, Politikern, Fluggesellschaften und künftigen Nutzern einen Strich durch die Rechnung macht, war nicht abzusehen. Aber die Folgen sind es: Eine Luftfahrtbranche, die heftig zu kämpfen hat, ein Tourismus, der immer weiter zurückgeht. Alles das lässt einen mit dem unbestimmten Gefühl zurück, dass Abermilliarden in den brandenburgischen Sand gesetzt wurden. Diese Mahnung sollte Bestand haben.

Von MAZonline

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