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Brandenburg Psychologe: Silvio S. stark rückfallgefährdet
Brandenburg Psychologe: Silvio S. stark rückfallgefährdet
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18:37 10.05.2019
Mörder Silvio S. steht mit einer Aktenmappe vor seinem Gesicht in einen Verhandlungssaal des Landgerichtes Potsdam. Quelle: dpa/Ralf Hirschberger
Potsdam

Der zweifache Kindermörder Silvio S. ist nach derzeitigem Stand extrem rückfallgefährdet. Das sagte ein Psychologe aus der Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel zu Beginn des Revisionsprozesses gegen den 35-Jährigen, der im Jahr 2015 den Potsdamer Schülers Elias (6) und das Flüchtlingskind Mohamed (4) aus Berlin missbraucht und getötet hatte. Nach Auswertung zweier gängiger Analyseverfahren habe der 2016 zu lebenslanger Haft verurteilte Wachschützer in nicht therapiertem Zustand ausgesprochen schlechte Prognosen, sagte der Psychologe.

Sexuell und privat sei der Strafgefangene extrem bindungsarm, außerdem lasse die Wahl seiner Opfer auf sexuell abweichendes Verhalten, die Natur seiner Taten auf „sexuelle Dranghaftigkeit“ schließen. Der Häftling S. werde nun in einer sondertherapeutischen Einrichtung der JVA psychologisch behandelt.

Kontakt zu Problem-Häftling

Der Aussage könnte einige Bedeutung zukommen. Denn das Landgericht Potsdam hat gestern einen zweiten Prozess gegen den Mann aus Kaltenborn (Teltow-Fläming) begonnen. Dabei geht es um die Frage, ob gegen Silvio S. neben der bereits rechtskräftigen Verurteilung zu lebenslanger Haft auch noch Sicherungsverwahrung verhängt wird. Darunter versteht man vorbeugenden Freiheitsentzug, mit dem die Allgemeinheit vor besonders gefährlichen Tätern geschützt werden soll, wenn die ihre eigentliche Haftstrafe abgesessen haben.

Der Psychologe bestätigte außerdem, dass Häftling Silvio S. in der Anstalt Luckau-Duben (Dahme-Spreewald) in Kontakt mit einem „sehr problematischen“ anderen Häftlingen geraten sei und man ihn deshalb in eine andere Anstalt verlegt habe. Nach MAZ-Informationen handelt es sich um einen der beiden „Störche“, zwei der berüchtigtsten Strafgefangenen in Brandenburg, die durch brutale Sexualdelikte aufgefallen sind.

Streit um ein Gutachten

Im ersten Prozess hatte das Landgericht Potsdam zwar eine besonders schwere Schuld bei dem gelernten Fliesenleger festgestellt und damit eine Haftentlassung nach 15 Jahren unmöglich gemacht. Jedoch verweigerte das Gericht die Sicherungsverwahrung mit Verweis auf ein psychiatrisches Gutachten. Der Sachverständige erkannte damals in Silvio S. keinen „Hang-Täter“. Allerdings hatte der damalige Untersuchungshäftling mit dem Gutachter auch nicht über die Taten gesprochen. Der Bundesgerichtshof verdonnerte 2017 das Potsdamer Gericht, erneut über die Frage der Sicherungsverwahrung zu verhandeln.

Vor Gericht verteidigte Gutachter Matthias Lammel gestern seine Einschätzung. Bei dem Häftling habe er wohl eine „selbstunsichere Persönlichkeitsstörung“ festgestellt, jedoch keine „schwere seelische Abartigkeit“, aus der sich die Taten ableiten ließen. Die aber sei Voraussetzung, um eine anhaltende Gefährlichkeit festzustellen – also Voraussetzung für eine Sicherungsverwahrung.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage sehen eine solche Neigung. So zählte Staatsanwalt Peter Petersen auf, wie akribisch sich Silvio S. auf die Morde vorbereitete: Er drehte ein Vergewaltigungsvideo mit einer Kinderpuppe, kaufte Betäubungsmittel und Spielzeug sowie Gesichtsknebel und schrieb auf Zetteln eine Art Drehbuch für den Missbrauch.

Warum wollte Silvio S. noch einen Garten pachten?

Was der Staatsanwalt noch anführte: Nachdem Silvio S. im Juli 2015 den Leichnam des getöteten Elias in einem Kleingarten vergraben hatte, versuchte er, eine weitere Parzelle zu pachten. Als Vorbereitung auf den zweiten Mord, der dann im Oktober passierte?

Im Gerichtssaal erschien der 35 Jahre alte Täter mit einem Aktenordner vor dem Gesicht, um sich vor den Kameras zu verstecken. Als die Anklage in all ihren Grausamkeiten erneut vorgelesen wurde, starrte er auf den Tisch und knetete seine Hände vor seinem Gesicht. Sein Haaransatz ist grau geworden, er trat in einem ausgewaschenen T-Shirt in blassem Türkis auf. In Handschellen wurde er in den Verhandlungssaal geführt. Die Mutter des getöteten Mohamed war im Saal als Nebenklägerin.

Der Prozessauftakt war von juristischem Geplänkel geprägt. Silvio S.’ Verteidiger Mathias Noll und Uwe Springborn brachten einenBefangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Klaus Feldmann ein. Dieser hatte in dem Verfahrenskomplex einem Schmerzensgeldantrag der Mutter von Elias in einem Hinweis Erfolgsaussichten eingeräumt habe. Es soll um etwa 20 000 Euro gehen. Er habe „keinerlei eigene Wertung vorgenommen“, entgegnete Feldmann. Nach kurzer Unterbrechung wies das Gericht den Antrag ab.

Von Ulrich Wangemann

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