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Brandenburg Rechtsextreme beim TuS Sachsenhausen
Brandenburg Rechtsextreme beim TuS Sachsenhausen
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13:52 08.10.2013
Transparent, das beim Spiel gegen Babelsberg für Ärger sorgte.
Transparent, das beim Spiel gegen Babelsberg für Ärger sorgte. Quelle: Jan Kuppert
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Oranienburg

„Wir müssen Gas geben“, hat Angela Merkel kürzlich ihren Anhängern zugerufen bei ihrem Wahlkampfauftritt in Oranienburg. Im Publikum stand Fred Lange, Manager des Fußballvereins TuS Sachsenhausen. Er dachte daran, dass genau diese Worte seinem Klub seit Monaten unerwünschte Schlagzeilen bescheren. Am 8. Mai, dem Tag des Endes des Zweiten Weltkrieges, spielte Sachsenhausen gegen Babelsberg im Pokal. Die heimischen Fans hängten ein Transparent hinter das Gästetor. „Gas geben Sachsenhausen“ stand darauf.

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es sehr oft nicht dasselbe. Vor allem, wenn neben dem Transparent Fans stehen, auf deren Kleidung Codes der rechten Szene zu sehen sind. Und zu diesen Fans Vereinsmitglieder und Spieler der dritten Mannschaft gehören.

Sachsenhausen spielt in der sechsten Liga, etwa zwei Dutzend Ultras peitschen ihre Mannschaft regelmäßig lautstark nach vorne. Vor dem Lokalderby gegen Oranienburg zünden sie Pyrotechnik in den Vereinsfarben schwarz, gelb und weiß. Ordner und Polizisten mit Hunden haben sich hinter ihnen aufgebaut. Die Gruppe gilt den Behörden als Sammelbecken der rechten Szene in Oranienburg. „Randerscheinung“ steht auf dem Transparent der Sachsenhausen-Ultras. Das soll wohl Ironie sein.

Der TuS Sachsenhausen ist ein „renommierter, beliebter Verein“, sagt Oranienburgs Stadtsprecher Björn Lüttmann, „eine Stütze der Stadt“. Die aber wankt seit Monaten gehörig. Was macht ein Fußballklub, der rechts außen ein Problem hat? Wie weit darf Verständnis gehen, was muss die Öffentlichkeit alles wissen? Welche Hilfe ist erwünscht? Der TuS Sachsenhausen ist kein Einzelfall im Amateurfußball, weder in Brandenburg noch bundesweit.

„Rechtsextreme suchen sich Strukturen, wo sie glauben, Fuß fassen zu können“, sagt Michael Hillmann, Geschäftsführer des Fußball-Landesverbandes Brandenburg. In Sachsenhausen hat das anscheinend über Jahre geklappt. Nun schauen alle hin, schließlich trägt der Verein einen sehr symbolischen Namen. Der Umgang der Klubspitze mit dem Rampenlicht aber ist reichlich unbeholfen. Die meisten Menschen verbinden mit Sachsenhausen etwas anderes als einen Stadtteil von Oranienburg oder einen Fußballklub, der für seine Jugendarbeit gelobt wird. Sie denken an das Konzentrationslager, in dem zwischen 1936 und 1945 mehr als 200000 Menschen inhaftiert waren und zigtausende Häftlinge ermordet wurden. Bei Auswärtsspielen des TuS Sachsenhausen gibt es regelmäßig geschmacklose Scherze über den Verein. Ein Verein, in dem ein Spieler der dritten Mannschaft auffiel, weil er auf den Waden eine „88“ tätowiert hatte, den Code für „Heil Hitler“. Und der auch hinter dem „Gas geben“-Transparent stand. Die Vereinsführung versuchte zunächst, die Verantwortung abzuschieben: Die Aktion sei von Fans des Berliner Vereins BFC Dynamo ausgegangen. Ganz falsch war das nicht, denn die Urheber gehen auch gerne zu Dynamo-Spielen. Doch die Klubspitze kennt eigentlich ihre Pappenheimer.

Seit dem Vorfall vom Mai wird der Verein von der Brandenburgischen Sportjugend beraten, eine neue Stadionordnung ist in Arbeit, die Ordner sollen für rechte Codes sensibilisiert werden. Offen und vertrauensvoll sei die Arbeit mit dem Verein, sagt Beraterin Susanne Springborn. Fußballverbandschef Hillmann lobt die Beratungsstrukturen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Vereine, die Probleme mit Rechtsextremen haben, sollen sich bei seinem Verband melden, wirbt er. „Es bringt nichts, zu leugnen und sich zu verschließen“.

In Sachsenhausens dritter Mannschaft habe sich ein „Klima ausgebreitet“, in dem rechtsextreme Provokationen gedeihen können, sagt Stadtsprecher Lüttmann. Für das in der Lokalpresse abgedruckte Mannschaftsfoto der aktuellen Saison zog sich die Dritte braune Trikots an, Sponsor und Ex-Spieler Maik Albrecht hält grinsend die Rückennummer 18 in die Kamera – Szenecode für „Adolf Hitler“. Brandenburgs Innenministerium spricht von mehreren „Einzelerkenntnissen aus dem Umfeld des Vereins“. Albrecht ist polizeibekanntes Mitglied der rechten Szene, er gehört inzwischen nicht mehr dem Verein an.

Fred Lange kennt die Akten und er kennt die Spieler, seit vielen Jahren. Familienväter, die am Wochenende an der Bande stehen und die erste Mannschaft nach vorne peitschen, dann mit der Dritten selber kicken. Und über die der Verfassungsschutz eine Akte hat. Lange will den Ruf seines Klubs retten. „Der Verein ist nicht rechts“, betont er mehrfach. Das hat auch nie jemand behauptet. Doch er sagt auch: „Die Jungs sind nicht rechts“, trotz der Aktenlage. Gab es Vereinsausschlüsse? „Ja“. Lange kann sehr einsilbig sein. Mehrere Wochen lang äußerte sich die Vereinsführung überhaupt nicht mehr zu den Vorfällen. „Schweigen kann besser sein als Reden“, glaubt Lange heute noch.

Unterdessen erhebt ein Ex-Spieler der ersten Mannschaft schwere Vorwürfe gegen sein früheres Team. Der 25-jährige Valon Strana spielte im Sommer zwei Monate lang für Sachsenhausen. Bei einem Auswärtsspiel sei er von einem Mannschaftskameraden auf dem Platz rassistisch beleidigt worden, habe danach wutentbrannt den Verein verlassen. Der Beschuldigte dementiert, dass die Worte „Scheiß-Albaner“ gefallen seien. Fred Lange sagt, nicht sein Mitspieler, sondern Strana habe sich unsportlich verhalten. „Er hatte seine Chance bei Sachsenhausen, er hat sie nicht genutzt.“

Von Jan Sternberg

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