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Brandenburg Rettet weniger Bürokratie das Landleben?
Brandenburg Rettet weniger Bürokratie das Landleben?
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02:15 11.02.2017
Viel Gutes kommt vom Land. Aber leben wollen dort immer weniger Menschen.
Viel Gutes kommt vom Land. Aber leben wollen dort immer weniger Menschen. Quelle: dpa-Zentralbild
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Potsdam

Weniger Bürokratie statt schrumpfende Dörfer: Der konsequente Abbau starrer Regeln und Gesetze könnte aus Sicht des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung die Abwanderung und Landflucht stoppen. „Es mangelt nicht an guten Ideen. Aber Regularien, Verordnungen und bürokratische Hürden hemmen die Entwicklung“, sagte der Institutsdirektor Reiner Klingholz am Mittwoch bei der Vorstellung der Studie „Innovation aus Tradition“. Aus seiner Sicht würden viele Projekte durch Auflagen, die nur für Städte sinnvoll sind, im Keim erstickt. „Wir brauchen Öffnungs- und Experimentierklauseln“, so Klingholz.

Eine Schlüsselrolle kommt laut Klingholz dabei bäuerlichen Familienbetrieben zu. Sie könnten in Zukunft wichtige Anker auf dem Land bilden, neue Arbeitsplätze schaffen und durch ihr bürgerschaftliches Engagement verhindern, dass Schulen geschlossen, Busangebote eingestellt werden und Einkaufsmöglichkeiten verloren gehen.

Die Studie wurde nicht ganz uneigennützig vom Verein „Familienbetriebe Land und Forst“ in Auftrag gegeben, dessen Vorsitzender Michael Prinz zu Salm-Salm Waldbesitzer und Winzer ist. „Wenn sich in einem Dorf gleich mehrere engagieren, lässt sich zwar der Trend hin zu den Großstädten nicht immer umdrehen, aber er lässt sich deutlich verlangsamen“, zeigte er sich überzeugt. Er kritisierte, dass starre Regeln Gründungen erschwerten statt zu fördern, im Extremfall sogar vernichteten.

Er verwies auf den langen Kampf einer Templiner Zahnärztin, die mit einer rollenden Praxis zu älteren Menschen fahren wollte. Das Projekt scheiterte zunächst an berufsständischen Vorgaben. Jetzt macht sie mit einem großen Gerätekoffer Hausbesuche. Die Studie will anhand ähnlicher Beispiele lokale Initiativen vor Ort ermutigen. „Es muss nicht immer jeder das Rad neu erfinden“, sagte Salm.

Als deutschlandweites Positivbeispiel führte Salm das Ökodorf Brodowin im Barnim an. Die Umwandlung der ehemaligen LPG in einen Demeter-Bauernhof gilt als Erfolgsgeschichte, der dazu beitrug, dass die Arbeitslosigkeit im Dorf nie über fünf Prozent stieg. „Wir beschäftigen heute 115 Mitarbeiter“, erklärte Katja von Maltzan, die mit ihrem Mann das Gut führt. In den vergangenen Jahren hat sich der Betrieb stetig vergrößert.

Klingholz warnte davor, dass ohne Abbau von Bürokratie Arbeitsplätze fast nur noch in Städten und Ballungszentren entstehen könnten. Zugleich habe die Landwirtschaft als Arbeitgeber an Bedeutung verloren. Das gelte vor allem für Ostdeutschland mit seinen Großbetrieben. „Die Landbevölkerung erlebt vielerorts, dass mit den sinkenden Einwohnerzahlen die Versorgung schlechter wird“, erklärte er.

Der Forscher forderte für die Kommunen größere finanzielle und praktische Handlungsspielräume. Die EU-Fördertöpfe hält er für überschätzt. Sie seien ebenfalls zu starr ausgerichtet und würden nicht zwangsläufig dort ankommen, wo es sinnvoll wäre. „Das Geld landet in den Gemeinden mit den besten Beratern, nicht in denen mit den besten Ideen“, sagte er.

Von Torsten Gellner

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