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Brandenburg S-Bahn-Jungfernfahrt führte nach Bernau
Brandenburg S-Bahn-Jungfernfahrt führte nach Bernau
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13:33 08.08.2014
Größte S-Bahn-Serienfertigung: 1927 bis 1931 rollten 1268 Züge dieser „Stadtbahn“-Baureihe vom Band – die letzten waren bis 1997 im Einsatz.
Größte S-Bahn-Serienfertigung: 1927 bis 1931 rollten 1268 Züge dieser „Stadtbahn“-Baureihe vom Band – die letzten waren bis 1997 im Einsatz. Quelle: MAZ-Archiv
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Potsdam

Berlin ist eine aufblühende Metropole, das rege Nachtleben wird von aller Welt geschätzt, von überall her kommen die Gäste. Ein Infrastruktur-Großprojekt, so wollen es die Mächtigen, soll den Aufschwung beschleunigen. Aus heutiger Sicht mag das Ergebnis überraschen: Die Pläne gehen auf. "Technisch und organisatorisch", schwärmt Walied Schön vom Verein Historische S-Bahn, „wurde Berlin Vorbild für alle anderen S-Bahnen in Deutschland.“ Am 8. August 1924, heute vor 90 Jahren, rollt der erste elektrische Zug im Linienbetrieb von Berlin nach Bernau (heute Barnim). Die Jungfernfahrt läutet die "Große Elektrisierung" ein.

Bis 1933, binnen weniger als zehn Jahren, sind die meisten der behäbigen, rußenden und unbequemen Dampfzüge von den Strecken in Berlin und Umland verschwunden. Unter dem 1930 gewählten Markenzeichen, dem weißen "S" auf grünem Grund, wird das rasant wachsende S-Bahn-Netz zum Vorzeigebeispiel großstädtischer Verkehrsplanung. Dichte Takte, kurze Haltezeiten und dynamische Züge elektrisieren die Massen. "Die Beschleunigung war für damalige Verhältnisse atemberaubend, der Qualitätssprung gigantisch." Ingo Priegnitz, der Sprecher der S-Bahn, sagt das weniger, um seinen Arbeitgeber ins rechte Licht zu rücken. Aus ihm spricht die Begeisterung. Bis heute, erklärt er, habe sich am elektrischen Linienbetrieb mit der seitlichen Stromschiene technisch nichts geändert.

Berlin und Brandenburg feiern S-Bahn-Geburtstag

  • Glückwünsche: Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) würdigt die S-Bahn als international bewundertes „Rückgrat“ des hiesigen Nahverkehrs, unter Berlinern und Brandenburgern überwiege der „Stolz“. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) meint, "90 Jahre ist kein Alter – auf die nächsten 90!" Nach überstandener Fahrzeugkrise könnten „alle wieder lächeln“.
  • Paten: Der Name der Stadt Erkner (Oder-Spree) ziert bereits einen Zug, zum 90. Geburtstag folgt am Freitag die Taufe eines weiteren Zuges auf "Bernau" (Barnim). Velten (Oberhavel) und weitere sollen demnächst folgen.
  • Jubiläumsfahrt: 11.24 Uhr fährt der Zug "Bernau" auf der Jungfernstrecke von Berlin-Nordbahnhof (damals Stettiner Bahnhof) nach Bernau. 12.15 Uhr wird am Nordbahnhof ein aufwendig gestalteter, künftig für den Linienbetrieb vorgesehener Jubiläumszug vorgestellt, dessen Teile auf "Berlin" und "Brandenburg" getauft werden.

Doch die S-Bahn ist bei weitem keine 90-jährige Erfolgsgeschichte. Für das Unternehmen ist es von jeher auf und ab gegangen. Kaum ein anderes Unternehmen spiegelt die neuere deutsche Geschichte anschaulicher als die Berliner S-Bahn. Es beginnt mit der Aufbruchsstimmung der "Goldenen Zwanziger", die mit der Pionierzeit des elektrischen Linienbetriebs zusammenfällt und kurz darauf unter den Nazis in Großmannssucht umschlägt. Zu den Olympischen Spielen 1936 entsteht der Nord-Süd-Tunnel, während Hitlers Propagandaschau fahren die Züge im 90-Sekunden-Takt. 1943 erreicht die S-Bahn einen Fahrgastrekord von 737 Millionen Passagieren – zwei Jahre später, zu Kriegsende, liegen die Bahnhöfe in Schutt und Asche, ist kaum ein Fahrzeug mehr einsatzbereit und der Nord-Süd-Tunnel steht unter Wasser. Die Nazis hatten das einstige Prestigeprojekt in einem Sabotageakt zerstört.

Wie in den „Goldenen Zwanzigern“: Walied Schön vom Verein Historische S-Bahn im originalen „Stadtbahn“-Führerstand. Quelle: Julian Stähle

Nach dem Neustart im besetzten Berlin gerät die S-Bahn schnell zwischen die Fronten des Kalten Krieges. Der Mauerbau teilt Berlin endgültig und kappt die Strecken zwischen Ost und West. Die S-Bahn, grenzübergreifend betrieben von der Deutschen Reichsbahn im Staatseigentum der DDR, wird im Berliner Westen für Jahrzehnte boykottiert.

Die Wunden, die 1961 aufgerissen wurden, sind entgegen aller Bekenntnisse im Zuge der Wiedervereinigung bis heute nicht vollends verheilt. Zwar fahren die Züge seit 1992 etwa wieder zwischen Wannsee und Potsdam, zehn Jahre später feierte Berlin die Rückkehr zum geschlossenen Ringbahnbetrieb. Aber: Einstige S-Bahn-Städte wie Falkensee (Havelland) und Velten (Oberhavel) warten noch immer sehnlichst auf den Wiederanschluss ans Streckennetz.

In den märkischen Kommunen weiß man um den Standortfaktor. Seit 1990 hat sich die Zahl der Fahrgäste auf 403 Millionen mehr als verdoppelt, selbst die große Krise um 2009 konnte der steil ansteigenden Kurve nur eine kleine Delle verpassen. Bei der S-Bahn hat man längst zu Selbstvertrauen zurückgefunden. Wenn Sprecher Priegnitz vom mit 332 Kilometern größten deutschen Streckennetz redet, muss er sich selbst unterbrechen. Eigentlich sind es acht Kilometer mehr. Doch die Strecke zum Flughafen BER geht erst in Betrieb, wenn das Großprojekt einmal fertig sein sollte.

Von Bastian Pauly

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