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Brandenburg Sechs junge Firmen aus Babelsberg mischen die Medienwelt auf
Brandenburg Sechs junge Firmen aus Babelsberg mischen die Medienwelt auf
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17:11 09.10.2019
Ronny (r.) und Stephan im Media Tech Hub Lab auf dem Gelände von Studio Babelsberg. Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Ein Produkt der jungen Potsdamer Digitalfirma Vragment kann sich jeder auf sein Handy laden. Gibt man bei Google Play „Stasi Verhöre in VR“ ein bekommt man die App, mit der man sich digital in ein Verhörzimmer der Stasi katapultieren kann. Man braucht nur eine 3D-Brille aus Pappe, ein sogenanntes Card Board. In das klemmt man das Handy ein – schon sieht man sich in einem kahlen Büro mit einem Vernehmer und einem Verhafteten. Dazu wird die originale Bandaufnahme des peinigenden Verhörs eingespielt.

Die App stellt dem Nutzer den Fall des letzten Stasi-Gefangenen der DDR vor. Der Wirtschaftsfunktionär Uwe Hädrich war noch im September 1989 wegen versuchter Republikflucht geschnappt und trotz Mauerfalls bis Dezember 1989 eingesperrt worden. Die 3D-Animation vermittelt ein beklemmend lebensnahes Bild des Geschehens.

12 Media Tech Hubs gibt es in Deutschland. Das in Potsdam ist auf die Medienbranche spezialisiert. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Verhör-App ist die Art, wie sich die Jungunternehmer Stephan Gensch, Ronny Esterlusz und ihre drei Mitstreiter von Vragment Journalismus in Zeiten von Virtual Reality vorstellen. Inzwischen gehören die Sender Euronews, Deutsche Welle und Deutschlandfunk zu den Kunden der Ende 2017 gegründeten Potsdamer Firma, die derzeit eine von sechs Start-ups ist, die im sogenannten Media Tech Hub Lab zu Hause sind – einer von zwölf bundesweit geförderten Digitalstandorten.

Digitalen Ideenschmieden

Die kleinen, in zwei Fluren aufgereihten Büros liegen im vierten Stock des „Studio-Five“ auf dem Babelsberger Studiogelände. Dort wurde bis vor kurzem noch die Late-Night-Show mit Klaas Heufer-Umlauf aufgenommen. Die Mission der Jungunternehmer: Wegweisende Technologien und Geschäftsmodelle für die Medienwelt zu entwickeln und zu verkaufen. Zusammen mit anderen Einrichtungen bilden die Start-ups den MediaTech Hub Potsdam.

Die Firmen können hier für eine gewisse Zeit ihre Ideen entwickeln. Dann werden neue Mieter gesucht. Quelle: Bernd Gartenschläger

Gefördert vom Bundeswirtschaftsministerium wird auch ihr Aufenthalt in den eigentlich recht kostspieligen Büros des großen Hauses – und langsam geht ihre Zeit nach fast zwei Jahren Aufenthalt dort zu Ende. Der MediaTech Hub schreibt die Räume gerade neu aus. Auch das gehört zur Philosophie der digitalen Ideenschmieden.

„Wir würden gern hier noch bleiben“, sagt die Mitgründerin der Firma „VisionYou“, Madeleine Wolf. Sie, Paul Lorenz und Teresa Kreis hatten zunächst eine Unterkunft auf dem Universitätscampus in Golm. Jetzt sitzen sie mitten unter Medienschaffenden, die genau die Kompetenz haben, die die drei studierten Betriebswirtschaftler brauchen. „Die Subventionen für die Büroräume sind das eine“, sagt Wolf, „das Netzwerk ist das andere.“ Weil sie auf dieses Netzwerk angewiesen sind, um ihr Produkt – digitale Formate für die Lehrerbildung – zu erzeugen und bekannt zu machen, haben sie sich bereits erneut beworben.

In dem Studio-Gebäude werden auch Fernsehsendungen produziert. Quelle: Bernd Gartenschläger

Eigentlich hatten die drei Jungunternehmer, die „Nachhaltige Unternehmensführung“ an der Hochschule in Eberswalde (Barnim) studiert haben, Lehrern digitale Instrumente für die Berufsorientierung der Schüler anbieten wollen. Doch dann merkten sie, dass es an den Schulen noch an grundlegenderen Dingen mangelte. Sie mussten den Lehrern selbst erst einmal Medienbildung verpassen. „Wir entwickeln Unterrichtsprogramme, die wir digital zur Verfügung stellen“, sagt Wolf.

Das erste größere Programm mit insgesamt sechs Modulen soll demnächst in den Vertrieb gehen. Noch schneller kommt die App „Svipe“ heraus. Auch bei ihr geht es um Berufsorientierung. Sollte es mit der Fortsetzung der Förderung für die Räume in Studio Five nicht klappen, wollen die Gründer von VisionYou andere Räume im Medienpark finden. „Es unterstreicht unser Renommee wenn wir als Medienproduzenten in einer Medienlandschaft sitzen“, sagt Lorenz.

Auch das Start-up „obob“ passt in diese Medienlandschaft – und drängt ebenso auf eine Fortsetzung des Aufenthalts im Media Tech Hub Lab. Oberflächlich betrachtet hat Moritz Schröder lediglich ein Programm entwickelt, mit dem Baufirmen Fotos von Baustellen verschicken können. Sei es, um den Baufortschritt oder die Einhaltung von Sicherheitsvorschriften zu dokumentieren.

Zwei Milliarden für IT

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat 2017 zwölf Orte in Deutschland ausgesucht, in denen Unternehmer, Gründer und Forscher digitale Lösungen für Dienstleistungen, Handel und Produktion entwickeln sollen. Zwei Milliarden Euro stellte das Ministerium damals für die Förderung der Standorte zur Verfügung. Einer der zwölf ist die Landeshauptstadt Potsdam.

Der Media TechHub Potsdam hat, wie der Name erkennen lässt, den Schwerpunkt Medien. Potsdam gilt nicht zuletzt wegen des Studio Babelsberg und der Filmuniversität als traditioneller Medienstandort. Der Filmpionier Guido Seeber errichtete 1911/12 in Potsdam-Babelsberg das erste Filmstudio, bald darauf wurden auch Großateliers gebaut. Hinzu kommen heute international tätige IT-Unternehmen wie das SAP Innovation Center am Jungfernsee oder Forschungseinrichtungen wie die Digital Engineering Fakultät der Universität.

Anders als bei „WhatsApp“ sind bei „obob“ Datum, Uhrzeit und mit GPS ermittelter genauer Ort ein fester Bestandteil der Fotos. Jeder Adressat kann die Bilder damit mühelos einem Projekt zuordnen und zeitliche Abläufe des Bauablaufs rechtssicher belegen. „Man weiß genau, um welche Baustelle und welches Objekt es sich handelt“, sagt „obob“-Sprecher Oliver Pritzkow. Was Bauherren früher auf Treu und Glauben ihren Dienstleistern abnehmen mussten, die Foto-App macht juristisch sichere Dokumentationen daraus.

Idee „aus Versehen“ entwickelt

Dabei ist die Entstehungsgeschichte von „obob“ noch kurioser als die von „VisionYou“. Schröders Handynummer war aus Versehen auf einer Baukontaktliste gelandet –und regelmäßig erhielt er Anrufe verzweifelter Handwerker. Anstatt wütend aufzulegen, hörte er sich die Klagen an – zum Beispiel über Fotos, die niemand mehr zuordnen konnte. Die App ist bisher noch kostenlos. „obob“ will künftig aber für Sonderanfertigungen Geld verlangen, ebenso auch eine Gebühr, wenn eine bestimmte Fotomenge überschritten wird.

Lernprogramme für Lehrer, Eintauchen in virtuelle Welten als neue Form der Nachrichtenvermittlung, Fotoplattformen für das Baugewerbe – das ist nur ein kleiner Ausschnitt des Geschehens im vierten Stock des „Studio Five“-Gebäudes. „Pro.Take“ zum Beispiel digitalisiert den gesamten Fundus für Film- und Fernsehproduktionen des Geländes. Damit soll in einem fertigen Film auch kontrolliert werden können, ob Requisiten stimmig sind, ob etwa ein bestimmtes Telefon in eine 40er-Jahre-Szene überhaupt passt. „Cinuru“ wiederum hat eine App zum Bewerten von Kinotrailern entwickelt und „Slice“ macht Unternehmensberatung mit und über digitale Instrumente.

Nicht immer trifft man die Jungunternehmer in den in einem schmalen Gang aufgereihten Büros an. Ein Drittel der Arbeit bestehe darin, Kontakte etwa auf Messen und Meetings zu schaffen, ein Drittel Anträge zu schreiben und lediglich ein Drittel in der Entwicklungsarbeit , sagt die Organisatorin Claudia Wolf. Was die jungen Kreativen sonst noch vereint, sind nicht nur ihre ungewöhnlichen Geschäftsmodelle. Es ist ihre Liebe zur audiovisuellen Darstellung und Digitalisierung von Inhalten, die inmitten des Medienparks einen fruchtbaren Boden für unternehmerischen Erfolg findet.

Von Rüdiger Braun

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