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Brandenburg Seenotretter aus Brandenburg: „Die letzten Wochen sind nicht spurlos an uns vorbeigegangen“
Brandenburg Seenotretter aus Brandenburg: „Die letzten Wochen sind nicht spurlos an uns vorbeigegangen“
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12:36 15.07.2019
Marcel Ditt aus Oberhavel engagiert sich auf der Alan Kurdi Quelle: Sea Eye

Herr Ditt, wo ist die Alan Kurdi gerade?

Nachdem die maltesischen Behörden unsere Gäste vor einigen Tagen abgenommen haben, haben wir im Hafen von Palma de Mallorca angelegt. Dort findet ein Crew-Wechsel statt und an dem Schiff werden kleinere Reparaturen vorgenommen. Es ist ein altes Schiff und demnach fällt immer viel an. Wir werden im Anschluss so schnell wie möglich wieder einsatzfähig sein, um wieder in die libysche SAR-Zone („Search and Rescue“, deutsch: suchen und retten) zurückzukehren.

Wie sind Sie aus Oberhavel zum Seenotretter geworden?

Mit der Seefahrt hatte ich bisher nicht viel am Hut. Zu der Arbeit mit der Organisation Sea-Eye bin ich eher aus einem politisch-humanistischen Hintergrund gekommen. Ich habe Politikwissenschaften studiert und reise, so oft es mir möglich ist, an Orte, die häufig von Migration und Konflikten betroffen sind: Türkei, Griechenland, Palästina. Dadurch ist es auch ein sehr persönliches Thema, weil man Leuten begegnet, die ganz unmittelbar von Flucht betroffen sind.

Was war aus Ihrer Sicht das Schwierigste und Schlimmste der letzten Rettungsaktion?

Bei der letzten Rettungsaktion haben wir die Information über ein Boot in Seenot erhalten, das schon seit mehreren Tagen auf dem Wasser war, und Frauen und Kinder an Bord hatte. Da sie nur in den seltensten Fällen Wasser und Nahrung an Bord haben, weiß man nicht, in welchem Zustand die Leute sind. Die Anspannung davor ist sehr groß. Bei der letzten Rettung haben wir als erstes ein 15 Monate altes Baby vom Holzboot genommen. Zwei weitere Kinder waren im Boot. Wenn man dann weiß, dass die maltesischen Behörden von dem Boot wussten, aber keine Rettung bereitgestellt haben, dann bekommt die Ungerechtigkeit eine persönliche Dimension.

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Wie gehen Sie mit Anfeindungen von Seiten etwa der italienischen Regierung, aber auch im Internet um?

Die Kommentare lese ich generell nicht. Dass Italien oder Malta die derzeitige Situation beanstanden, hat seine Berechtigung und weist darauf hin, dass unser Dublin-System dringend reformiert werden muss, damit die Länder an den EU-Außengrenzen nicht mit der Hauptverantwortung zurückgelassen werden. Nur darf das eben nicht auf dem Rücken derjenigen ausgetragen werden, die sich auf der Flucht befinden.

Wie ist die momentane Verfassung der Crew?

Die letzten Wochen sind nicht spurlos an uns vorbeigegangen, aber wir sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Da aber nicht alle von uns erfahrene Seefahrer und Seefahrerinnen sind, stellen mehrere Wochen auf einem Boot schon eine Herausforderung dar.

Was erwidern Sie auf das Argument, die Seenotrettung sei ein Anreiz für das Schlepperwesen?

Das Argument, wir fungierten als Schlepper, basiert auf gewollten Falschinformationen und auf der Ignoranz der Leute. Es vernachlässigt die Lebensrealitäten von Leuten, deren letzte Hoffnung ein billiges Schlauchboot ist. Die Flucht dauert zum Teil mehrere Jahre, und die Gründe, weshalb die Leute ihre Heimatländer verlassen, sind vielfältig: Armut, fehlende Perspektive und der Glaube an ein besseres Leben jenseits des eigenen Landes.

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Aber wie gehen Sie mit solchen Argumenten um?

Wenn sich die Debatte auf solche Argumente versteift, versuche ich den Blick immer etwas zu weiten. Die Grenzen der afrikanischen Länder entspringen dem Kolonialismus, den Europa zu verantworten hat. Sie trennen immer noch den Kontinent, den wir nach wie vor systematisch ausbeuten. Mit einem deutschen Pass darf ich in 187 Länder visafrei einreisen, mit einem Pass aus Somalia nur in 31. Aber mein Eigenanteil als Deutscher daran ist gleich Null. Das zeigt die Willkür, mit der sich rassistische Machtstrukturen aufrechterhalten und oftmals nicht hinterfragt bleiben.

Was ist Ihre wichtigste Forderung an die EU-Migrationspolitik?

Es braucht eine Lösung, damit Länder wie Italien oder Malta nicht die alleinige Verantwortung tragen müssen. Als erster Schritt muss eine europäische Seenotrettungsmission initiiert werden. Daran anknüpfend müssen Hotspots in verschiedenen Regionen im Mittelmeer errichtetet werden, die sich um Fragen der Registrierung und der kurzfristigen Versorgung kümmern. Schließlich muss eine Fluchtursachenbekämpfung stattfinden.

Warum haben viele Menschen Vorbehalte gegen Flüchtlinge ?

Statistisch gesehen grassieren an den Orten die meisten Vorurteile, an denen die wenigsten Kontakte mit Geflüchteten bestehen. Mit diesen Vorbehalten und Ängsten muss gearbeitet werden, und die Leute dürfen sich nicht politisch abgehängt fühlen. Dafür braucht es vor allem Kontakt mit Personen, die Fluchterfahrung haben. Es muss aufgeklärt werden und die Leute müssen verstehen, dass Migration ein komplexes Thema ist. Kulturelle Integration ist ein Prozess, der über viele Jahre, Jahrzehnte stattfinden muss. Aber er beginnt heute.

Seenotrettung unter deutscher Flagge

Die „Alan Kurdi“ gehört der Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye und fährt unter deutscher Flagge. Zwischen dem 22. und dem 24. Juli will die Crew wieder auslaufen, sagte Sea-Eye-Sprecher Gorden Isler. Die „Alan Kurdi“ ist eines der wenigen derzeit noch aktiven Rettungsschiffe. Viele andere liegen beschlagnahmt oder festgesetzt in Malta oder Italien.

Von Rüdiger Braun

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