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18:12 31.07.2018
Medikamente sollen illegal aus Griechenland importiert worden sein. Quelle: dpa
Potsdam

In einem Athener Krankenhaus wurden Krebsmittel gestohlen, die über eine Brandenburger Firma illegal vertrieben worden sein sollen. Der Skandal setzt Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) und ihr Haus als Aufsichtsbehörde unter Druck: Haben die Behörden Hinweise zum Schaden von Patienten ignoriert? Inzwischen räumte Golze erstmals Versäumnisse ein. „Es ist nicht nachvollziehbar, warum nicht früher gehandelt wurde“, sagte sie. Wie konnte das passieren? Wer sind die Hintermänner? Was sollen Patienten nun tun?

Besteht eine Gefahr für Krebspatienten?

Darüber könne bisher nur spekuliert werden, meint Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft. Über Menge, Verbleib und Art der Medikamente sowie deren Anwendung bei Patienten wisse man noch zu wenig. Je nach den betroffenen Produkten seien jedoch Unwirksamkeit bis zu Verunreinigungen denkbar, für die Patienten bestehe die Gefahr der „Nichttherapie“, so Bruns. Krebsarzneien reagieren empfindlich auf falsche Lagerung und falsche Temperaturen. Laut griechischen Behörden besteht der Verdacht, dass manche der ausgelieferten Medikamente sogar auf einem Fischmarkt zwischengelagert wurden.

Was können Patienten tun?

Patienten sollten sich an den Arzt wenden. Der könne sich über die Herkunft der verabreichten Medikamente informieren, erklärte Johannes Bruns von der Krebsgesellschaft. Das Gesundheitsministerium hat inzwischen eine Rückrufaktion veranlasst, die sich an Spezial-Apotheken und Großhändler richtet. Das Gesundheitsministerium will am Freitag ein Infotelefon freischalten, das zwischen 10 und 16 Uhr täglich besetzt sein soll. Die Nummer lautet: 0331/688-5020

Wie kamen die Medikamente nach Deutschland?

Seit dem Jahr 2013 wurden die Krebsmedikamente aus Griechenland unregelmäßig verbreitet. Sie sollen in einer Athener Klinik gestohlen worden sein. Laut griechischem Gesundheitsministerium wurden sie danach vermutlich nicht ordnungsgemäß behandelt. Das mutmaßliche kriminelle Netzwerk lieferte die Mittel offenbar nach Deutschland – an einen Zwischenhändler in Wiesbaden und an die Firma Lunapharma in Mahlow. Diese verkauften die Medikamente weiter an deutsche und polnische Großhändler und 14 Spezialapotheken im ganzen Bundesgebiet.

Um welche Krebsmittel handelt es sich?

Gelistet sind die Medikamente Adcetris, Afinitor, Alimta, Herceptin, Mabthera, Neulasta, Tracleer, Vectibix, Velcade und Xgeva. Nachgewiesen ist die Lieferung von 700 Packungen in den Jahren 2016/17. Eine Probe des dabei gelieferten Medikaments Alimta hat das Gesundheitsamt prüfen lassen. Dabei wurde Unbedenklichkeit festgestellt. Zu den empfindlichen Medikamenten gehört das ebenfalls gelieferte Mabthera für Infusionen. Es muss bei zwei bis acht Grad Celsius gelagert werden. Eine Beprobung solcher empfindlicher Medikamente hat das Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) Brandenburg nach einer Inspektion von „Lunapharm“ im März 2017 nicht durchgeführt.

Wer sind die Hintermänner?

Manager der griechischen Apotheke Pharmacy Ozbagzi war der Deutsch-Ägypter Mohamed Rabie Deyab Hussein. Er ist auch den Behörden in Brandenburg gut bekannt. 2007 wurde seiner Firma Rheingold Pharma Medical, die einen Ableger mit Sitz in Mahlow hatte, die Lizenz als Pharmahändler entzogen wegen schwerer Verstöße gegen deutsche Gesetze. In Wiesbaden existiert immer noch eine Filiale der Rheingold Pharma-Medical. Dort ist aber schon seit 2014 ein anderer Direktor als Nachfolger von Deyab Hussein im Handelsregister eingetragen. Deyab Hussein selbst wurde im Mai 2018 von griechischen Behörden verhaftet. Lunapharm-Geschäftsführerin Susanne Krautz-Zeitel räumte ein, früher Geschäftskontakte mit Deyab Hussein und seiner Firma gehabt zu haben. Laut „Kontraste“ sollte Lunapharm für die Medikamente nicht an die Apotheke in Griechenland zahlen, sondern auch direkt an Rheingold in Wiesbaden. Geschäftsführerin Susanne Krautz-Zeitel streitet ab, illegal gehandelt zu haben.

Wann wussten die Brandenburger Behörden von dem Fall?

Schon Dezember 2016 wiesen polnische Gesundheitsbehörden das brandenburgische Gesundheitsministerium auf Unregelmäßigkeiten beim Vertrieb von Krebsmedikamenten hin. Die Staatsanwaltschaft Potsdam ermittelt seit April 2017 gegen die Geschäftsführerin von Lunapharm sowie gegen eine weitere Person wegen des Verdachts der Hehlerei und Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz. Das Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG), die Überwachungsbehörde für Arzneimittel des Landes, wusste offenbar schon seit dem 7. März 2017 aufgrund eines Amtshilfeersuchens griechischer Behörden, dass in Brandenburg möglicherweise gestohlene Medikamente verkauft wurden. Laut Potsdamer Staatsanwaltschaft wurde die Behörde am 5. April 2017 darüber in Kenntnis gesetzt, dass Lunapharm womöglich mit gestohlenen Medikamenten handelt. Das Gesundheitsministerium prüft seit Dezember 2017 den Verdacht unerlaubte Vertriebswege, weiß vom Verdacht der Hehlerei aber nach eigenen Angaben erst seit dem 9. Juli 2018.

Wurden Informationen unterschlagen?

Das Brandenburgische Gesundheitsministerium stieß erst diese Woche auf einen Aktenvermerk bei dem ihm unterstellten LAVG über das griechische Amtshilfeersuchen. Eine Kopie des Ersuchens selbst war in den Akten des LAVG nicht auffindbar. Das LAVG habe das ihm übergeordnete Gesundheitsministerium auch bei den wöchentlichen Sitzungen zu keinem Zeitpunkt über den Verdacht der Hehlerei informiert, sagt Staatssekretärin Almuth Hartwig-Tiedt. Das Verhalten der Aufsichtsbehörde sei dem Ministerium unverständlich, so Gesundheitsministerin Diana Golze. Ob bewusst Informationen unterdrückt wurden, konnte die Ministeriumsspitze nicht ausschließen.

Wie reagiert die Politik auf den Skandal?

Trotz Sommerpause soll es kommende Woche eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses geben, das hatten CDU und Grüne beantragt. Auch im Regierungslager sieht man offene Fragen, die geklärt werden müssen. Einen Termin gibt es noch nicht. Während die AfD Golzes Rücktritt forderte, verlangt CDU-Generalsekretär Steeven Bretz, dass sich Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) zu er Sache erkläre. Der Skandal sei der „Gipfel des Unvermögens“ der gesamten Landesregierung, so Bretz. Es sei nicht auszuschließen, „dass schwerstkranke Menschen durch das eklatante Versagen des Gesundheitsministeriums zu Schaden gekommen sind“.

Von Rüdiger Braun und Torsten Gellner

Korrektur:

Im Zusammenhang mit dem Skandal um illegalen Medikamentenhandel haben wir in einer früheren Version des Artikels berichtet, dass die Klinik Helle Mitte in Berlin ebenfalls Arzneien von Lunapharm erhalten habe. Hierbei handelt es sich um eine Verwechslung: Nicht die Klinik in Berlin, sondern die gleichnamige Apotheke „Helle Mitte“ in Berlin-Hellersdorf hat die Medikamente erhalten. Wir bitten, dies zu entschuldigen.

Gegendarstellung:

In der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 22. Juli 2018 ist ein Beitrag über aus Griechenland stammende und vermutlich gestohlene Arzneimittel zur Behandlung von Krebserkrankungen, die u.a. über die Firma Lunapharm auch in Deutschland vertrieben wurden, erschienen, in denen in Bezug auf die Klinik „Helle Mitte“ GmbH unrichtige Behauptungen verbreitet wurden, die ich wie folgt richtig stelle:
Unwahr ist: „Diese verkaufen Medikamente weiter an..., die Klinik Helle Mitte in Berlin...“
Wahr ist, dass die auf Wirbelsäulenerkrankungen spezialisierte Klinik „Helle Mitte“ GmbH zu keinem Zeitpunkt mit der Firma Lunapharm oder einem anderen benannten Arzneimittelgroßhändler in Geschäftsbeziehungen stand und diese Medikamente für Krebserkrankungen auch nicht anderweitig bezogen hat.

Berlin, den 25.07.2018
Holger Schulz
Geschäftsführer Klinik „Helle Mitte“ GmbH

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