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Brandenburg Maja Wallstein – die Kandidatin, die eigentlich keine sein sollte
Brandenburg Maja Wallstein – die Kandidatin, die eigentlich keine sein sollte
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19:03 26.05.2019
Maja Wallstein bei einem Wahlkampfauftritt im Kulturquartier. Quelle: Hartmut F. Reck
Potsdam

Es gab viele, die sagten: Mission Impossible. Das könne sie gar nicht schaffen. Genau 62 Tage hatte Maja Wallstein Zeit, um die Scherben zusammenzukehren, die der Europa-Spitzenkandidat der Brandenburger SPD, Simon Vaut, hinterlassen hatte. „Ich habe keine Chance, also nutze ich sie“, fasst Maja Wallstein, Nachrückerin für den abgestürzten Shooting-Star der märkischen Sozialdemokratie, ihre Herangehensweise zusammen.

Zwei verrückte Monate liegen hinter der 33-Jährigen. Sie hat einen Wahlkampf von null auf 100 in wenigen Sekunden hochgefahren, hat gekämpft, hat ihren Jahresurlaub aufgebraucht und will am Wahlabend vor allem eins: Sich zu ihrer Tochter kuscheln und sich bei ihrem Mann bedanken. „Ich stehe tief in seiner Schuld“, sagt die Ersatzkandidatin. Was Genossen sagen: Wallstein hat Statur gewonnen in einer Partei, die sich nach Nachwuchskräften sehnt.

Die Sache mit Doreen

Am 25. März 2019 flog einer der deutschlandweit skurrilsten Polit-Skandale der vergangenen Jahre auf: Der Brandenburger Spitzenkandidat der SPD für die Europawahl, Simon Vaut (41), gab zu, eine Lebensgefährtin namens Doreen und ein Wohnadresse in Brandenburg/Havel erfunden zu haben, um für den Europa-Job antreten zu dürfen. Sprach’s, drehte in einem Akt von bizarrem Narzissmus noch eine zerknirschte Ehrenrunde in überregionalen Medien und verschwand dann von der Bildfläche.

Maja Wallstein saß an jenem 25. März auf einem Podium in Falkensee (Havelland) – an gleicher Stelle war morgens noch Vaut, der Hoffnungsträger, aufgetreten – als sie eine WhatsApp-Nachricht erhielt: Alles Lüge, Vaut sei ein Betrüger. „Mir wurde schwindelig. Das hatte ich noch nie gehabt bei Veranstaltungen und auch danach nie wieder“, erzählt die 33-Jährige. Manchmal begreift der Körper schneller als der Verstand. Ein paar Telefonate später war klar: Wallstein würde als Nachrückerin den Europawahlkampf der märkischen Sozialdemokraten retten müssen – eine Herkulesaufgabe in Zeiten antieuropäischer Anfeindungen.

In der Glaubwürdigkeitskrise

Sie hatte keine Web-Site und kein Vorzimmer zur Termin-Organisation. Nur eins gab es zu Genüge: Mitleid mit der Frau, die Brandenburgs SPD aus ihrer wohl tiefsten Glaubwürdigkeitskrise führen sollte.

Die studierte Politik- und Verwaltungswissenschaftlerin arbeitet in Berlin als Lobbyistin für die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, sorgt dafür, dass Missionen ins All und die Tiefsee politisch unterstützt und wahrgenommen werden. Fast jeden Tag war sie als Wahlkämpferin unterwegs. „Ich habe jetzt Minusstunden auf der Arbeit“, sagt sie.

Laut offizieller Festlegung war zwar Simon Vaut immer noch Spitzenkandidat, denn die Listen waren geschlossen, die Verzeichnisse gedruckt, als die Affäre hochkochte. Vaut hat schriftlich gegenüber der Partei seinen Verzicht zugunsten Wallsteins erklärt, sollte die SPD tatsächlich genug Stimmen holen.

Kein Kontakt zu Simon Vaut

Wo steckt Vaut? „Wir haben keinen Kontakt“, sagt Wallstein über den bis dato eher unbekannten Mann, der ihr beim Nominierungsparteitag unerwartet die Spitzenkandidatur weggeschnappt hatte. „Er wollte sich zurückziehen, ich habe das akzeptiert“, sagt Wallstein. Vaut habe ihr immerhin noch seine Terminplanung zukommen lassen. Zuletzt hieß es, Vauts geplante Verbeamtung als Mitarbeiter im Bundeswirtschaftsministerium sei gefährdet. Der Kontakt zum Ex-Kandidaten sei abgebrochen, sagt auch SPD-Generalsekretär Erik Stohn. „Ich habe auch keinen Bedarf mit ihm zu sprechen.“

Wallstein war vor dem Platzen der Vaut-Blase oft mit dem Spitzenkandidaten unterwegs im Land, sie fuhren viel Auto. „Man verbringt Zeit miteinander, sagt Wallstein.“ Die ehemalige Juso-Vorsitzende zeigte dem Berliner mit dem teilweise fiktiven Privatleben Brandenburg. Von Elbe-Elster bis in die Prignitz war das Land für Vaut in weiten Teilen Terra Incognita. „Ich habe oft überlegt: An welcher Stelle hätte man etwas herausfinden können?“, rätselt Wallstein bis heute. Sie hat keine Antwort gefunden bislang.

Verlorene Chance für die SPD?

Dass Wallstein es ins Europäische Parlament schafft, ist laut Prognosen ziemlich unwahrscheinlich. „Wir bräuchten 22 Prozent und mehr“, sagt Wallstein. Die Vaut-Sache ist auch deswegen so ärgerlich für die Sozialdemokraten, weil aus Geschlechterproporz-Gründen eine Frau als Brandenburger Spitzenkandidatin auf einem deutlich aussichtsreicheren Europalistenplatz gelandet wäre. So verliert Brandenburgs SPD aller Voraussicht nach ein wichtiges Mandat.

Hätte, wäre, könnte? Spekulieren bedeutet Zeitverlust. Die bekennende Parteilinke hat ihr neues politisches Gewicht eingesetzt, um im SPD-Vorstand eine Initiative zur Aufnahme von Bootsflüchtlingen aus dem Mittelmeer durchzusetzen – der Landtag hat den Appell an den Bund mittlerweile beschlossen, obwohl viele eher konservative Brandenburger SPD-Größen dagegen waren.

Zwei Monate lang hat sie fast täglich Termine absolviert, morgens vor der Arbeit schon Flyer am Bahnhof verteilt und nach Feierabend auf Podien gesessen. So wie am Donnerstagabend in Jüterbog (Teltow-Fläming), als Ex-Außenminister Sigmar Gabriel sich mit AfD-Leuten im Saal anlegte. Jener Sigmar Gabriel, der den Begriff „Pack“ für rechte Hetzer geprägt hatte – und für den Simon Vaut Reden geschrieben hatte. Gabriel war der Zampano an jenem Abend in Jüterbog, Maja Wallstein hatte Mühe, sich ein paar Minuten Redezeit neben dem Polit-Haudegen zu sichern.

Viel Aggression

Die linke Europakandidatin bekam die Aggression im Land zu spüren. Für Europa reiche wohl eine wie sie aus der „dritten Garde“, sagte man ihr ins Gesicht. In Guben schlug ihr ein älterer Mann die Hand weg, als er mitbekam, für welche Partei Wallstein antritt. „Ich kann damit umgehen, wenn es zu Rudelbildung kommt. Wenn die Situation eskaliert, werde ich ganz ruhig“, sagt Wallstein, die als DFB-Schiedsrichterin Spiele der Landesklasse der Männer und der Regionalliga bei den Frauen pfeift. „Man muss dann mit sehr tiefer Stimme sprechen“, erklärt Wallstein. Eine schrille Frauenstimme werde nicht akzeptiert auf Fußballplätzen.

Der Schiedsrichterbeauftragte der Liga hat schon bei ihr angefragt, ob sie künftig wieder zur Verfügung stehe. „Ich warte erst einmal den Wahlabend ab“, sagt Wallstein. Prinzipiell aber wolle sie wieder dabei sein, sie wird auch die jährlichen Fitness- und Regeltests absolvieren.

Und wenn alles vorbei ist? Ein Bier werde sie trinken auf der Wahlparty sagt Wallstein, Sekt sei nicht so ihre Sache.

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Von Ulrich Wangemann

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