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Brandenburg Jüdische Gemeinde in Potsdam fordert Polizeischutz
Brandenburg Jüdische Gemeinde in Potsdam fordert Polizeischutz
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14:27 10.10.2019
Ein Mann mit Kippa. Quelle: Boris Roessler/dpa
Potsdam

Nach dem Anschlag auf eine Synagoge im sachsen-anhaltinischen Halle am Mittwochmittag, bei dem der mutmaßliche Täter Stephan B. zwei Menschen getötet und weitere verletzt hat, herrschen auch in der Jüdischen Gemeinde Potsdam Schock und Entsetzen. „Es ist schrecklich“, sagte der Vorsitzende der Gemeinde, Evgeni Kutikow, am Donnerstagmorgen auf MAZ-Anfrage. Er habe in der Synagoge in Potsdam von dem Anschlag erfahren, wo die Jüdische Gemeinde anlässlich des Versöhnungsfestes Jom Kippur zum Gebet zusammengekommen war.

„Alle Türen waren offen“

„Wir haben in der Synagoge gebetet, alle Türen waren offen“, sagt Kutikow der MAZ. „Wenn es so einen Vorfall wie in Halle in Potsdam gegeben hätte, würden Sie jetzt über meine Beerdigung schreiben.“

Ihm sei in der Synagoge von dem Attentat berichtet worden. Sonst hätte er von den Geschehnissen womöglich erst deutlich später erfahren, vermutet er. Der Grund: Am höchsten jüdischen Feiertag dürfe man als Gläubiger eigentlich kein Handy, keinen Fernseher benutzen.

„Habe im Traum nicht gedacht, dass so etwas passiert“

Lange habe man sich als Anhänger des jüdischen Glaubens in Deutschland sicher führen können, sagt Kutikow: „Es war mehrere Jahre so ruhig in Deutschland, man hatte keine Angst.“

Seit etwa einem Jahr sei das anders. Es gebe auch in Potsdam und Berlin immer wieder Vorfälle. Dennoch sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mit Blick auf Halle: „Ich lebe seit 20 Jahren in Deutschland und habe im Traum nicht gedacht, dass so etwas passiert.“

Kutikow sagt dennoch, dass er sich in Deutschland sicher fühlen könne. „Noch“, wie er sagt. Das Land zu verlassen, komme für ihn jedenfalls derzeit nicht in Frage. Man wolle antisemitischen Bewegungen nicht nachgeben. „Wir wollen kein judenfreies Deutschland“, sagt er.

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Kutikow verlangt Polizeischutz

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hatte am Mittwoch den fehlenden Polizeischutz der Synagoge in Halle scharf kritisiert. Auch in Potsdam gibt es bisher keinen polizeilichen Schutz für die Jüdische Gemeinde. „Wir sind ständig und Kontakt und informieren die Polizei über die Sicherheitslage, aber richtig viel passiert nicht“, sagt Kutikow. „Schutz haben wir keinen.“ Er räumt aber auch ein, dass die Gemeinde bisher nicht nachdringlich Polizeischutz gefordert habe. Das ändert sich nun. „Jetzt verlangen wir Polizeischutz“, sagt er.

Polizei hat Schutz jüdischer Einrichtungen verstärkt

Die Brandenburger Polizei hat am Donnerstag zugesagt, sich für die Verstärkung ihrer Präsenz eng mit den jüdischen Gemeinden abzustimmen. Die Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Gemeinden und Einrichtungen seien verstärkt worden. In der Landeshauptstadt Potsdam würden fünf Orte dauerhaft von Polizisten geschützt, sagte ein Sprecher des Innenministeriums am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst. In Cottbus stehe die Synagoge unter Polizeischutz. Insgesamt seien für rund 100 Einrichtungen und Orte Schutzmaßnahmen angeordnet.

Landesrabbiner dringt auf mehr Schutz

Auch der Brandenburger Landesrabbiner Nachum Presman hält nach dem Anschlag einen größeren Schutz jüdischer Einrichtungen für notwendig. „Es muss mehr geschehen“, sagte Presman am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Potsdam sei zwar eine tolerante Stadt. Er betonte aber: „Man kann nicht sagen, bei uns wird es nicht passieren.“ Er sei traurig über die tödlichen Schüsse. „Das ist eine große, große Schande für Deutschland, dass solche Sachen noch passieren.“ Nötig sei auch mehr Vermittlung von Wissen in Schulen über den Holocaust, sagte Presman.

Landtagspräsidentin: „Unfassbarer rechtsextremistischer und antisemitischer Terroranschlag

„Was in Halle geschah, war ein unfassbarer rechtsextremistischer und antisemitischer Terroranschlag“, sagt Landtagspräsidentin Ulrike Liedtke (SPD). „Der Hass auf Andersdenkende, Andersgläubige oder Andersaussehende ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt.“ Für Demokraten ergebe sich daraus die Aufgabe, Haltung zu zeigen, politisch aufzuklären und zu bilden. „Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer“, so Liedtke weiter. Die Tat zeige, dass es dem Täter darum ging, Bekanntheit zu erlangen. „Wir sollten daher auf die Nennung des Namens des Täters verzichten und stattdessen die Namen der Opfer in Erinnerung halten“, s9 Liedtke.

Weitere Schutzmaßnahmen auch in Berlin

Schutzmaßnahmen werden auch weiter für jüdische Einrichtungen in Berlin ergriffen. „Diese Schutzmaßnahmen werden bis auf weiteres aufrecht erhalten – insbesondere auch mit Blick auf die noch anstehenden jüdischen Feiertage“, sagte ein Sprecher der Innenverwaltung am Donnerstag. Die spürbare und sichtbare Präsenz von Sicherheitskräften gelte auch für Einrichtungen „jenseits von Synagogen“.

Von MAZonline

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