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Brandenburg So schlägt sich der Grünen-Agrarminister unter Bauern
Brandenburg So schlägt sich der Grünen-Agrarminister unter Bauern
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19:24 10.02.2020
Grünen-Agrarminister Axel Vogel (l.), beim Absingen der Brandenburg-Hymne neben dem Landtagsabgeordneten Thomas Domres (Linke) in Schönwalde-Glien. Quelle: Fotos: Ulrich Wangemann
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Schönwalde-Glien

Die rund 120 Landwirte im Festsaal des „Schwanenkrugs“ erheben sich von ihren Stühlen, als die Ketziner Blaskapelle die inoffizielle Brandenburg-Hymne „Märkische Heide, märkischer Sand“ anstimmt. Das gesungene Bekenntnis auf Verbandstagen wie diesem in Schönwalde-Glien (Havelland) ist ein Prüfungsritual für geladene Gäste. Wie volksnah ist der Politiker? Wird es ein tönender Tenor oder eher ein Fall für Lippenleser?

Mehr als ein Lippenbekenntnis

Axel Vogel, Landwirtschaftsminister seit November, richtet sich auf, greift nach dem freundlicherweise auf allen Tischen ausgelegten Textblatt und stimmt mit ein: „Steige hoch, du roter Adler!“ Die Gedächtnisstütze dürfte man dem Grünen wohl durchgehen lassen: Lars Hünich (AfD) schielt auch auf den Zettel – und Thomas Domres (Linke) bewegt kaum die Lippen.

Noch keine 100 Tage ist der Minister im Amt. Für Vogel ist der Auftritt ein wichtiger, denn die Vorbehalte der Bauern gegen dem grünen Landwirtschaftsminister sitzen tief. Ob Insektenschutz, Glyphosat-Einsatz oder Düngeverordnung: Die Emotionen schlagen hoch zwischen jenen, die von Ackerbau und Viehzucht leben, und einer zunehmend sensiblen Öffentlichkeit, als deren Vertreter sich die Grünen verstehen. Gerade der gastgebende Brandenburger Bauernbund gilt als ausgesprochen konservativ, Lieblingsthema des Verbands: der Wolf und warum man ihn nicht leichter abschießen darf.

Ein Saal voller Land-Männer

In solchen Sälen voller hart arbeitender Männer (es sind nur wenige Frauen da) ist schon mancher Politiker gegrillt worden. Ab 10.30 Uhr werden die ersten Biere gezapft. Den Einpeitscher gibt Bauernbund-Präsident Marco Hintze. Das Vertrauen in die Politik hätten die Landwirte verloren, sagt der Rinderhalter, „Nabu und Konsorten“ hätten eine „verlogene Volksinitiative“ zum Insektenschutz auf den Weg gebracht – 73.000 Brandenburger haben mittlerweile unterschrieben.  

Axel Vogel geht ans Rednerpult, hält sein Grußwort frei. Der Sturm „Sabine“, so Vogel, reihe sich ein in „extreme Wetterereignisse“, die zunähmen und Folge des Klimawandels seien. Jemand aus dem Saal ruft „Nein!“

Landspekulation – in Brandenburg wie in Zimbabwe

Vogel ist ein Mann des Ausgleichs, geht auf Provokationen kaum ein, sucht das Verbindende. „Landgrabbing“, also der Griff von Spekulanten nach Ackerland, sei „nicht nur ein Problem in Zimbabwe“, sagt der Minister. Auf diese Entwicklung habe zuerst der Bauernbund aufmerksam gemacht – dafür sei dem Verband zu danken. Im Koalitionsvertrag zwischen SPD, CDU und Grünen sei deshalb vorgesehen, dass das Land Äcker aus Bundesbesitz übernehme und den örtlichen Bauern günstig zur Verfügung stelle. Die Grundlagen dazu wolle die Regierung noch 2020 erarbeiten, verspricht Vogel – und erntet Applaus.

Landwirt Manfred Wercham aus Märkisch-Oderland ist aufgestanden, er warnt vor einseitigen Schuldzuweisungen an die Adresse der Landwirte wegen der Verwendung von Spritzmitteln. „Früher gab es überall Misthaufen und Kuhfladen“, sagt Bauer Wercham. Heute seien die Güllebehälter überdacht. „Auf welchem Haufen sollen die Schmeißfliegen denn sitzen?“

Nicht nur über Wölfe reden

Minister Vogel entgegnet, die beiden Insekten-Volksinitiativen hätten „ein wichtiges Thema aufgegriffen“. An die Adresse des Bauernbund-Präsidenten Hintze richtet Vogel eine Mahnung zur Mäßigung: Es sei „nicht günstig, von ,Nabu und Konsorten’ zu sprechen“. Und: Man müsse auch einmal über etwas anderes als über Wölfe reden.

Mittlerweile schwitzt der Schnittkäse auf den Brötchen am Buffet. AfD-Mann Lars Hünich, Publikumsliebling im Saal, hat den Minister schon zweimal gelobt. „Schlimmer als mit Jörg Vogelsänger kann’s nicht werden“, sagt Hünich mit einem Seitenhieb auf Vogels Amtsvorgänger von der SPD. Vogel nimmt es unbewegt zur Kenntnis. Er ist 63, saß im Bundestag, war Bundesschatzmeister der Grünen. Er kann das: einfach nur vor sich hin gucken.

Von Ulrich Wangemann

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