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Brandenburg So schützen Sie Ihr Kind vor sexueller Belästigung im Internet
Brandenburg So schützen Sie Ihr Kind vor sexueller Belästigung im Internet
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01:15 20.06.2018
Selbst vermeintlich harmlose Urlaubsfotos sollten privat bleiben.
Selbst vermeintlich harmlose Urlaubsfotos sollten privat bleiben. Quelle: Fotolia
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Potsdam

Es ist ein Gespräch, das interaktiv beginnt. „Geben Sie bei Google Play, die Buchstaben Kik ein“, sagt Thomas-Gabriel Rüdiger. Ein Klick auf die Messenger-App, man scrollt herunter und ist auch ohne Anmeldung mitten drin im Tatort Internet. „Männlich, 40, dauergeil, sucht weibliche Gegenstücke“, schreibt ein Google-Nutzer. Ein anderer: „Hey, ich, männlich, 16, suche Mädchen zum Spaß haben. Euer Alter ist unwichtig, aber bitte immer mit Bild anschreiben.“ Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger kennt diese Chats wie kein anderer. Er ist Dozent an der Fachhochschule der Polizei und befasst sich mit dem Thema Cyber-Grooming, also wie Kinder im Netz sexuell belästigt werden.

Thomas-Gabriel Rüdiger gilt als Deutschlands bekanntester Cyber-Kriminologe. Quelle: privat

Herr Rüdiger, wie definieren Sie Cyber-Grooming?

Thomas-Gabriel Rüdiger: Kriminalwissenschaftler verstehen unter Cyber-Grooming die onlinebasierte Anbahnung des sexuellen Missbrauchs eines Kindes. 95 Prozent der tatverdächtigen Cyber-Groomer sind Männer, zwei Drittel sind unter 30 Jahre alt. Ich unterteile in zwei Tätertypen: Die einen gehen strategisch vor, versuchen langfristig das Vertrauen der Kinder zu gewinnen, um sich dann irgendwann mit dem Opfer zu treffen. Die anderen wollen digitales Erpressungsmaterial in die Hand kriegen, um das Kind möglichst schnell zu einer sexuellen Handlung zu zwingen. Diese Typen sind nicht absolut, stellen aber die primären Vorgehensweisen dar.

Wie kontaktieren die Täter ihre Opfer im Netz?

Über Soziale Medien – also klassische Soziale Netzwerke und vermehrt Online-Spiele. Annähernd jedes zweite Kind beginnt das Internet durch Online-Games für sich zu entdecken. Fast alle Spiele haben eine Chatfunktion, die eine Kommunikation zwischen den Spieler ermöglicht. Ähnlich wie auf dem Fußballplatz, bauen Kinder in Online-Spielen Vertrauen zu einem Mitspieler auf. Das wird von Pädokriminellen leicht ausgenutzt.

Fast jedes Kind wird mit einem Cyber-Groomer konfrontiert

Ab welchem Alter sind Kinder und Jugendliche betroffen?

Das typische Alter liegt zwischen zehn und 14 Jahren. Es gibt aber bereits einen sehr geringen Anteil mit Fällen von unter Sechsjährigen. Ein Beispiel: Ein Fünfjähriger spielt ein klassisches Online-Fußballspiel etwa auf einer Konsole. Über ein Headset wird das Kind von einem potenziellen Täter angesprochen. Sobald Kinder im digitalen Raum unterwegs sind, gehen Sie ein Risiko ein. Persönlich gehe ich davon aus, dass fast jedes Kind, mindestens einmal in seinem Leben mit einem Cyber-Groomer konfrontiert wird. Nicht immer bekommen die Kinder aber mit, was sich dahinter verbirgt.

Ab welchem Zeitpunkt lässt sich von sexuellem Missbrauch mittels digitaler Medien sprechen?

Der Gesetzgeber sieht im Internet schon die kommunikative Annäherung – das sogenannte Einwirken – an das Kind als strafbar an, wenn das Ziel der sexuelle Missbrauch ist. Dazu gehört also auch, wenn jemand zum Beispiel über ein Game ein Mädchen vermeintlich harmlos anchattet: „Hast Du Ponys?“ – „Deine Eltern sind blöd, aber ich bin für Dich da“ und dies mit einer gewissen Intensität weiterführt. Irgendwann ziehen die Täter die Kinder dann auf andere Kommunikationskanäle wie Messenger, aktivieren die Webcam oder schicken Bilder ihrer Geschlechtsteile und fragen „Hast Du Dich schon mal angefasst?“

Der Täter nutzt alle Mechanismen, um Kinder zu erpressen

Welche Inhalte sollten Kinder und Jugendliche auf keinen Fall ins Netz stellen?

Kinderfotos haben aus meiner Sicht nichts im Netz zu suchen, denn sie bieten Angriffsmöglichkeiten für die Täter. Ein Beispiel: Täter suchen sich Instagram-Accounts aus, folgen einem Mädchen oder Jungen und schicken dann etwa eine Direktnachricht im Stil von. „Hey, Du hast eine tolle Optik. Ich bin Model-Scout von Heidi Klum, und sie findet, Du hast Talent. Wir würden Dich gern einladen. Sie braucht aber noch ein Foto von Dir – mindestens in Unterwäsche. Sag Deinen Eltern erstmal nichts, ich rede mit ihnen. Sie können Dich dann später zum Casting begleiten.“ Diese Fotos nutzen die Täter dann zur Erpressung. „Wenn Du mir kein Oben-ohne-Foto von Dir gibst, schicke ich das Unterwäsche-Bild an alle Deine Abonnenten.“ Diese Methode treibt der Täter immer weiter und nutzt dabei alle Mechanismen, um das Kind zu erpressen. Das geht sogar so weit, dass er droht: „Du wirst nie wieder glücklich sein. Ich bringe Deine Eltern um.“

Sind nur Mädchen die Opfer?

Nein, bei den Jungs nutzen die Täter ähnliche Methoden, geben sich als Fußballtalentscout von FC-Bayern aus und behaupten, für eine Analysesoftware ein Nacktfoto zu benötigen. Täter sind dabei sehr kreativ und nutzten die unterschiedlichsten Methoden von Schmeichelein, über die Bezahlung mit virtuellen Gütern oder echtem Geld bis zu massiven Einschüchterungs- und Erpressungsmethoden.

„Kaum eine Mutter oder ein Vater hat einen Instagram-Account“

Wieso klappt das Ganze überhaupt?

Mir fällt auf, dass Kinder in einem digitalen Raum aufwachsen, wo viele Eltern sich selbst und ihre Kinder im Netz präsentieren. Dieser digitale Narzissmus ist problematisch, weil er einen Angriffspunkt für Täter liefern kann. Wenn Eltern Bilder ihrer Kinder auf öffentlichen Facebook oder Instagram-Profilen oder auch als Profilbilder bei WhatsApp posten, erfahren Täter womöglich, wie sie heißen, wo sie wohnen, sehen am Sportshirt des Kindes, in welchem Fußballverein es trainiert. Gleichzeitig sind Eltern damit auch Vorbilder ihrer Kinder und zeigen diesen dass es normal ist sich im Netz zu präsentieren, aber dies passiert leider wenig reflektiert. Auch die Youtubestars der Kinder zeigen diesen ja, präsentiere dich dann kannst du Anerkennung und auch Geld verdienen. Wenn Kinder dann selber anfangen Fotos und Videos ins Internet zu stellen, sind sie sich der Tragweite nicht immer bewusst. Mädchen haben in der App musical.ly Karaoke-Videos, in denen sie im Bikini singen, gepostet weil sie dafür mehr Likes, also Anerkennung bekommen haben – wie ihre Eltern.

WhatsApp, Instagram oder musical.ly: Sollten Kinder und Jugendliche solche Apps nutzen?

Ich halte Verbote für schwierig, dann nutzt das Kind die Programme einfach bei einem Freund und ist dann gar nicht auf die Risiken vorbereitet. Besser finde ich, wenn Eltern ihre Kinder bei der Nutzung von Games, Messenger-Diensten und in sozialen Netzwerken begleiten und wenigstens soviel wenn nicht sogar mehr darüber wissen als ihre Kinder. Das Problem ist: Die Eltern sind dazu leider nicht immer in der Lage, kaum eine Mutter oder ein Vater hat einen Account bei Instagram, Snapchat, musical.ly oder spielt gar mal ein Onlinespiel. Dabei ist das längst die Lebensrealität ihrer Kinder.

„Folgen Sie Ihrem Kind nicht einfach bei Instagram.“

Wie können Eltern auf Gefahren aufmerksam machen, ohne ihre Kinder zu nerven?

Ich rate Eltern, Apps wie Instagram oder musical.ly oder auch eine Spieleapp selber zu installieren und zu nutzen. Sie müssen ein Grundgespür für den digitalen Raum bekommen, in dem ihr Kind sich bewegt. Folgen Sie aber Ihrem Kind nicht einfach bei Instagram, damit es nicht das Gefühl bekommt, es wird überwacht, aber begleiten sie es von Anfang an und machen auf Gefahren aufmerksam. Das ist wie im Straßenverkehr: Dort nehmen Eltern ihre Kinder auch an die Hand und begleiten es zur Schule. Irgendwann geht die Tochter oder der Sohn sicher über die Straße und den Weg zur Schule allein. Ziel sollte es sein, dass Eltern die Ansprechpartner ihrer Kinder für digitale Themen werden und nicht die Kinder die Ansprechpartner ihrer Eltern.

Nun wollen sich Eltern nicht in sämtlichen sozialen Netzwerken und Spielportalen anmelden.

Nein, aber wenn ein Kind sagt, es möchte das Spiel spielen, oder das Programm nutzen, dann sollten Eltern es erst selbst installieren und mal eine Woche lang selbst spielen oder nutzen und sich anschließend mit dem Kind darüber auseinandersetzen was man dort erlebt hat. So bekommt man viel eher ein Gespür dafür ob es Probleme geben kann, als wenn einem das jemand von außen erzählt. Den Führerschein haben wir auch auf einem Auto gelernt. Aber ob Sie einen Van fahren oder einen Audi, es sind immer dieselben Grundstrukturen, die dahinter stehen.

„Ich wünsche mir eine Art Medienführerschein für Erwachsene“

Weisen die Schulen ausreichend auf Gefahren im Internet hin?

Die Schulen sind ein wichtiger Faktor um Medienbildung zu vermitteln, auch weil jeder dritte Cyber-Grooming-Täter mittlerweile selbst ein Kind oder Jugendlicher ist. Aber es stellt sich auch hier die Frage, ob Lehrer fit genug dafür sind, auf die Gefahren aufmerksam zu machen. Denn Lehrer sind genauso Eltern, die vor denselben Herausforderungen bei der Mediennutzung stehen wie alle anderen und wer hat es ihnen vermittelt? Ich würde mir eigentlich eine Art Medienführerschein für alle Erwachsenen wünschen. Genau wie im Straßenverkehr, müssen sie im Internet bestimmte Regeln kennen, einhalten und es muss Sicherheitsbehörden geben, die dafür sorgen, dass Normen nicht überschritten werden.

Noch tun sich die Sicherheitsbehörden schwer damit, den Missbrauch von Kindern im Internet zu verfolgen. Was muss sich ändern?

Am Ende brauchen wir von allem etwas. Wir brauchen medienkompetente Eltern, einen Jugendmedienschutz der sich zum Ziel setzt, Kinder vor Straftaten zu schützen, Betreiber die Kinder in ihren Programmen schützen und Sicherheitsinstitutionen die diese Regeln durchsetzen. Es muss auch eine Antwort darauf geben, wie die Kinder geschützt werden, deren Eltern nicht die Fähigkeiten haben Medienkompetenz zu vermitteln oder schlicht kein Interesse an ihren Kindern haben.

Von Diana Bade