Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Erster Solar-Radweg nach Schwelbrand außer Betrieb
Brandenburg Erster Solar-Radweg nach Schwelbrand außer Betrieb
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
18:21 03.04.2019
Der erste Solarradweg in Deutschland wurde im November 2018 in Liblar, einem Ortsteil von Erftstadt (NRW). Geschaffen wurde die 90 Meter lange Strecke von dem Potsdamer Start-up "Solmove", das Wege als Energiequelle nutzen will. Quelle: Solmove
Anzeige
Potsdam

Ingenieur Donald Müller-Judex muss jetzt erst einmal auf die Ergebnisse des Sachverständigen warten, dann kann er hoffen, dass es mit dem ersten Großprojekt seines Potsdamer Start-up „Solmove“ weiter geht. Im Moment nämlich läuft in Erftstadt bei Köln nichts mehr, zumindest nichts Elektrisches. Dort war Anfang November 2018 mit großem Bahnhof der erste Solarradweg Deutschlands eröffnet worden. Sogar Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) war angereist, um mit dem Fahrrad über die von „Solmove“ entwickelte 90 Meter lange, aus 150 quadratischen Solarmodulen bestehende Piste zu radeln.

100 Kilowattstunden Strom im Jahr hatte man sich pro Quadratmeter Teststrecke versprochen. Doch die Module sind seit mehreren Wochen wieder abgestellt. An zwei Buchsen, den Verbindungsstellen zwischen den einzelnen Modulen, hatte es eine Art Schwelbrand des Kunststoffs gegeben. Nachdem die zwei winzigen Rauchfahnen gesichtet worden waren, hatte man die gesamte Anlage sofort abgeschaltet.

Anzeige

„Vermutlich ist Feuchtigkeit in die Anschlussdosen gelangt“, sagt Müller-Judex nach den ersten Untersuchungen. Dadurch sei wohl ein Kriechstrom entstanden. „Es ist so heiß geworden, dass schließlich der Kunststoff gequalmt hat.“ Ausgelöst worden sei das ganze wohl durch unsachgemäße Verklebung der Buchsen. Deshalb werde man das gesamte Klebekonzept für die Teststrecke jetzt überarbeiten müssen.

Von einem Scheitern des ersten Projekts der auf den Bau neuartiger Solarwege spezialisierten Firma möchte Müller-Judex nicht sprechen. „Wenn man etwas Neues versucht, dann macht man es meist nach der Methode Trial and Error“, sagt er der MAZ. Und die Teilstrecke eines längeren Fahrradrundwegs des zu Erftstadt gehörenden Ortes Liblar sei nun einmal der erste Freilandversuch des bisher nur im Labor getesteten Konzepts gewesen. Seinetwegen hatte Erftstadt auch eine eine Förderung von 100000 Euro vom Umweltministerium bekommen. Und neu sei dieses Geschäftsmodell von „Solmove“ allemal.

Ursprünglich hatte der aus Bayern stammende Ingenieur in seiner Heimat ins übliche Solargeschäft mit Modulen auf Hausdächern einsteigen wollen. „Das war 2009 in einer Zeit, in der es noch gute Förderung gab“, sagt er. Doch eine Fahrt durchs Allgäu belehrte ihn eines Besseren: „Auf jedem Haus war schon eine Solaranlage. Und wenn ein Haus keine hatte, dann hatte das auch schon gute Gründe.“ Da kam Müller-Judex die damals noch sehr verwegene Idee: Wenn auf den Dächern kein Platz mehr ist, warum dann nicht die Straßen und Wege zur Stromgewinnung nutzen?

Es dauerte noch ein paar Jahre und einige Gespräche zum Beispiel mit Eicke Weber, damals noch Direktor des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme in München, oder mit dem Leiter des Instituts für Straßenwesen an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, Markus Oeser, bis Müller-Judex 2014 zusammen mit dem Manager Niklaus Grünenfelder und der Ingenieurin Ailin Song „Solmove“ gründete. Das Unternehmen ist in Potsdam-Babelsberg ansässig, wohin Müller-Judex inzwischen aus privaten Gründen gezogen war.

Die Idee ist einfach: Straßen, Radwege, Parkplätze werden mit geriffelten Modulen aus gehärtetem Glas belegt. Die einzelnen Scheiben seien bewusst klein gestaltet. „Wenn Druck darauf kommt, geht er in den Untergrund.“ Sogar Lkws können die Module aushalten. Dass nicht Brandenburg in den Genuss der ersten Solarstrecke auf dem Boden kam, lag einfach an der Gunst der Stunde in Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen des „Masterplans Liblar“ von 2016 sollte auch der Radverkehr ausgebaut werden. Erftstadt hatte von „Solmove“ und ihrem neuen Geschäftsmodell erfahren. Die von der Potsdamer Firma vorgelegte Idee von Solarmodulen auf Wegstrecken in Deutschland kam der Kommune gerade recht.

Im Prinzip war das Konzept auch erfolgreich. Laut Jens Hoffesommer, zuständig für Natur- und Artenschutz im Erftstädter Amt für Umweltangelegenheiten wird die Strecke gerne genutzt. Tatsächlich wurde auch schon Strom geerntet, obwohl bisher nur ein Drittel der Module in Betrieb war. Müller-Judex spricht von 150 Kilowattstunden seit November, hält diesen geringen Betrag aber für nicht sehr aussagekräftig. „In der dunklen Jahreszeit ist ja kaum was los“, sagt er. Der Hauptbetrieb sei von März bis Oktober zu erwarten.

Jetzt aber hänge zunächst alles am Gutachten, dann werde die Strecke in bei Erftstadt entsprechend umgebaut. Mit viel Glück könne der Erftstadter Solarradweg schon in acht Wochen wieder in Betrieb gehen. Dass die Zukunft des Solarstroms auch auf der Straße liegt, dessen ist sich Müller-Judex sicher. Nicht umsonst hat er in Gelsenkirchen inzwischen auch Teile eines Parkplatzes mit Modulen belegt. „Höchstwahrscheinlich“ am 15. April soll dort der Betrieb starten. In der Stadt Köln soll eine weitere Anlage entstehen. Der Erftstädter Rückschlag irritiert Müller-Judex nicht. „Wenn ich nicht optimistisch wäre, hätte ich nicht mein ganzes Vermögen und zehn Jahre meines Lebens in das Unternehmen investiert.“

Von Rüdiger Braun

03.04.2019
06.04.2019
Anzeige