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Brandenburg Was von den „Dorfkümmerern“ übrig blieb
Brandenburg Was von den „Dorfkümmerern“ übrig blieb
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00:17 26.02.2019
Der „Dorfkümmerer“ Hans-Jürgen Bewer im uckermärkischen Dorf Altkünkendorf. Quelle: dpa-Zentralbild
Potsdam

Auf der Straße wird Rudi Kretschmann aus Sommerfeld heute noch als „Dorfkümmerer“ angesprochen. Dabei ist das Pilotprojekt des Brandenburger Sozialministeriums schon lange vorbei: Im Dezember 2013 wurde das aus EU-Mitteln finanzierte Programm nach 18 Monaten fristgerecht eingestellt.

Das Land wollte mit dem Projekt nicht weniger als die „(Wieder-)Belebung märkischer Dörfer“. Dazu wurden acht Dorfkümmerer auserkoren, die sich ehrenamtlich für das Dorfleben engagieren und andere mitreißen sollten. Zehn weitere kamen im Laufe der Zeit hinzu.

Das ist jetzt über fünf Jahre her. Was ist geblieben von diesem ehrgeizigen Projekt? Ein Erfolgsbeispiel ist Sommerfeld im Landkreis Oberhavel. „Bei uns hat das wirklich was gebracht“, erzählt Rudi Kretschmann, der ehemalige Dorfkümmerer von Sommerfeld.

Rudi Kretschmann war Dorfkümmerer in Sommerfeld. Quelle: Robert Tiesler

Schon kurz bevor das Förderprogramm auslief, gründete Kretschmann einen Verein, um das Engagement für ein lebendigeres Dorf fortzuführen. Der Verein „Sommerfelder Miteinander“ hat seitdem einiges auf die Beine gestellt: Die Sommerfelder haben sich zum Beispiel für den Umbau einer Telefonzelle zur Bücherzelle und eine eigene Ortschronik eingesetzt.

Regelmäßig stünden öffentliche Veranstaltungen wie Flohmärkte auf dem Programm. Auch außerhalb des Vereins gebe es mehrere Gruppen, die sich leidenschaftlich für das Dorfleben einsetzen. „Die Leute hier engagieren sich wirklich sehr“, sagt Kretschmann.

Die Dorfkümmerer sollten ländlichen Regionen in Brandenburg neues Leben einhauchen. Quelle: Bernd Gartenschläger

In Altkünkendorf in der Uckermark wurde im Rahmen des Projekts von 2012 bis 2013 ein Informationspunkt zum UNESCO-Weltkulturerbe Buchenwald Grumsin eingerichtet, der viele Touristen anlockte. Davon profitiere das Dorf bis heute, erzählt der ehemalige Dorfkümmerer Hans-Jürgen Bewer.

Vor zwei Jahren wurde der Turm der Dorfkirche ausgebaut und für Besucher begehbar gemacht. „Von da aus gibt es eine tolle Aussicht auf die wunderbare Landschaft“, erzählt Bewer. „Ohne den Infopunkt hätte es den Ausbau nicht gegeben.“

Neues Café und Theater

Auch in Börnicke im Landkreis Barnim zeigt das Projekt für lebendige Dörfer bis heute Wirkung. „In dem Zusammenhang sind hier ein kleines Café und ein Theater entstanden“, erzählt der frühere Dorfkümmerer Ekkehard Koch. Dass das Dorf immer noch stolz das „kleinste Theater Brandenburgs“ sein Eigen nennen kann, sei aber vor allem der Eigeninitiative der Börnicker zu verdanken.

„Wir wollten das Projekt nicht vor die Wand laufen lassen und haben da viel Geld und Engagement reingesteckt“, sagt Koch. „Ich glaube, das ist auch der Konstellation in Börnicke zu verdanken, dass da etwas draus geworden ist.“ Er selbst ist heute Direktor des kleinen Theaters und Besitzer des Cafés.

Ende Dezember 2013 wurde die Finanzierung für die Dorfkümmerer eingestellt, die bis dahin eine Aufwandsentschädigung von 400 Euro im Monat erhalten hatten. Trotz vieler positiver Beispiele gibt es im Nachhinein auch Kritik an dem Projekt.

Ein freundliches Schild begrüßt nun die Gäste in Sommerfeld. Quelle: privat

„In anderen Dörfern ist das Engagement nach dem Projekt irgendwie eingeschlafen“, erzählt zum Beispiel Ex-Dorfkümmerer Rudi Kretschmann aus Sommerfeld. Welche Dörfer das genau sind, könne er aber nicht sagen.

„Ich habe erfahren, dass die Meinung zu Dorfkümmerern eher geteilt ist; viele sprechen sich dafür aus, andere sehen die demokratisch gewählten Vertreter übergangen“, sagt Wolfgang Roick (SPD), Vorsitzender der Enquete-Kommission „Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels“. Besser sei es, den direkt gewählten Ortsvorstehern durch einen Dorfbeirat zu ergänzen.

„Kompetenzgerangel“ im Dorf

Der Grund: „Wenn dem Dorfvorsteher noch ein Dorfkümmerer an die Seite gestellt wird, kann es am Ende zu Kompetenzgerangel kommen“, so Roick. Für sinnvoller halte er den Weg über den Dorfbeirat, ein Gremium, das die gewählten Ortsvorsteher berät.

Das Hauptproblem sehe er jedoch in der Finanzierung von Projekten und Vereinen, die Dörfer am Leben halten. Engagierten Bürgern mangele es ebenso an Unterstützung wie gewählten politischen Vertretern. „Ortsvorsteher brauchen einen gewissen finanziellen Spielraum“, erläutert Roick. „Am Ende liegt es daran.“

Deniz Öz ist Dorfkümmerin in Blumenthal und mittlerweile in der Gemeinde angestellt. Quelle: Christamaria Ruch

Im vergangenen Jahr erlebte das Konzept des Dorfkümmerers ein kleines Comeback in der Prignitz: Als Teil des bundesweiten Pilotprojektes „Regionalität und Mehrfunktionenhäuser“ nahm Deniz Öz ihre Arbeit als Dorfkümmerin in Blumenthal auf.

Das einjährige Projekt aus dem Bundesprogramm für ländliche Entwicklung ging im September zu Ende. Deniz Öz darf ihrer Arbeit trotzdem weiter nachgehen: Die Gemeinde Heiligengrabe war mit dem Engagement der Dorfkümmerin so zufrieden, dass sie ihr eine Stelle anbot.

Von Hannah Rüdiger

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