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Brandenburg Sonntags ist der Bahnhof Meyenburg tot
Brandenburg Sonntags ist der Bahnhof Meyenburg tot
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18:22 28.06.2013
Der Bahnhof Meyenburg (Prignitz).
Der Bahnhof Meyenburg (Prignitz). Quelle: Klaus Stark
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Meyenburg

Die Stadt Meyenburg (Prignitz) liegt am Rande der Welt. Jedenfalls am Rande der von Brandenburgern bewohnten Welt. Oder noch genauer: Am Rande der bewohnten Welt, die man mit dem Zug erreichen kann. Stellt man sich das Netz des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB) wie einen gigantischen Tintenfisch mit dicken Fangarmen (Regionalexpress-Linien) und etwas dünneren Tentakeln (Regionalbahnen) vor, dann befindet sich Meyenburg an der äußersten Spitze eines solchen Tentakels. Regelmäßig am Wochenende reißt dieser Tentakel ab: Dann fährt überhaupt kein Zug mehr.

Die Stadt Meyenburg (Prignitz) liegt am Rande der bewohnten Welt, die man mit dem Zug erreichen kann. Einige Zeit fuhr am Wochenende überhaupt kein Zug.

Früher konnte man von Meyenburg mit der Bahn bis ins mecklenburgische Güstrow fahren – diese Verbindung wurde schon 2000 gekappt. Noch bis Dezember vergangenen Jahres waren selbst sonntags acht Zugpaare im zweistündigen Rhythmus zwischen Meyenburg und Pritzwalk (Prignitz) unterwegs. Weil das Land Brandenburg die Mittel halbiert hat, ist es damit nun vorbei: Sonntags ist der Bahnhof Meyenburg tot.

Was natürlich einen ganz eigenen Charme hat. Am besten nimmt man den Liegestuhl mit. Dann sitzt man vor dem hübschen Empfangsgebäude bequem in der Sonne und schmökert in einem Buch. Stundenlang. Kein Verkehrslärm, kein Zug, kein Reisender stört. Stattdessen segeln weiße Wolken über den blauen Himmel, der Wind rauscht bedeutungsvoll in den Eichen und ein Kuckuck ruft immer wieder: „Kuckuck!“

Ende 1989 hatte Meyenburg nach Unterlagen des Brandenburger Statistikamtes genau 3168 Einwohner. Heute sind es gerade noch 2256. Das ist überaus dramatisch: In 20 Jahren verlor die Stadt mehr als ein Viertel ihrer Bewohner. Wenn man so im Liegestuhl am Bahnhof sitzt, sieht man sie förmlich alle wegziehen: Für die Jungen gibt es keine Jobs. Mit dem schrumpfenden Angebot an Läden und Einrichtungen brechen die Verkehrsverbindungen weg: Jugendliche kommen nicht mehr ins Kino oder in die Disco, für die Älteren wird der Facharztbesuch zum Problem. Sonntags, hat die Landesregierung entschieden, bleiben künftig sowieso besser alle zuhause. Damit bleiben aber auch manche Touristen aus.

Die Folge: Die Prignitz wird immer mehr abgehängt. Dabei muss Meyenburg einst ein wichtiger Bahnhof gewesen sein: Auf Abstellgleisen stehen heute noch viele Waggons und einige rostige Lokomotiven herum. Eine breite Ladestraße mit Kopf- und Seitenrampe dokumentiert die frühere Geschäftigkeit und man fühlt sich spontan an Bilder aus der zusammenbrechenden Sowjetunion erinnert, wo direkt neben modernster Raumfahrttechnik Nomaden ihr Feuer aus Kamelmist entzündeten – drastisches Symbol für den Absturz einer ganzen Region.

Dann treibt den Sommerfrischler ein Regenschauer ins „Romantik Hotel Eisenbahn“, ein Ex-Bahngebäude, wo es heute nicht nur eine originale Dampflok, Baureihe 50, zu bestaunen gibt, sondern auch leckere Eisbecher. Am nächsten Tag kommt die gute Nachricht. Wo das Land seine Bürger so böse im Stich lässt, springen jetzt Landkreis, Stadt Pritzwalk und Amt Meyenburg bei der Finanzierung ein: Ab Sonnabend, 6. Juli, fahren auch am Wochenende wieder Züge nach Meyenburg.

Von Klaus Stark

In der nächsten Folge in einer Woche wird der Bahnhof in Blumenthal (Prignitz) besichtigt.

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