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Brandenburg „Den Strukturwandel sehe ich als Chance für die Lausitz“
Brandenburg

Sorben-Chef Dawid Statnik sieht Strukturwandel als Chance für die Lausitz

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10:39 23.05.2021
Dawid Statnik sitzt vor dem Haus der Sorben in Bautzen.
Dawid Statnik sitzt vor dem Haus der Sorben in Bautzen. Quelle: Miriam Schönbach
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Bautzen

Dawid Statnik sieht sich als Brückenbauer – innerhalb des sorbischen Volks und zwischen Sorben und Deutschen. Seit zehn Jahren ist der 37-Jährige Vorsitzender der Domowina – und läutete damit einen Generationswechsel im Bund Lausitzer Sorben ein. Am 12. Juni will der Sorbe für eine weitere Amtszeit im Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen antreten.

Herr Statnik, wie geht es den Sorben im Jahr 2021?

Dawid Statnik: Ich habe das Gefühl, dass Sorben und sorbische Themen stärker wahrgenommen werden. Wenn wir heute mit einem sorbischen Anliegen kommen, erleben wir eine Offenheit, auch in der Politik. Bei weitreichenden Entscheidungen, wie dem Strukturwandel, werden wir einbezogen. Vor zehn Jahren war es schwierig, Ansprechpartner zu finden - heute haben wir unsere Gegenüber auf Landes- und Bundesebene. Das Netzwerk ist größer geworden, und die Domowina wird als stärkere Stimme der Sorben und Wenden gehört.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Die Politik ist sensibler für unser Volk geworden, das sorbische Thema wird aber auch innerhalb der Sorben von immer mehr Gruppen aufgenommen. Das drückt sich in steigenden Mitgliederzahlen aus. Gerade sind dem Domowina-Regionalverband Kamenz zwei Jugendclubs beigetreten. Die Arbeit der sorbischen Gremien hat sich professionalisiert. Ein Zeichen dieser positiven Entwicklung ist, dass wir gemeinsam erreichen konnten, dass die Stiftung für das sorbische Volk zum ersten Mal seit der politischen Wende 1990 deutlich mehr Geld zur Verfügung gestellt bekommt.

Der Fachkräftemangel trifft auch die Sorben und Wenden - unter anderem beim Thema Lehrer. Was kann die Domowina tun?

Personalmangel in Schulen wie in öffentlichen Behörden ist ein generelles Problem. Wir können mit der Wirtschaft nicht immer mithalten. Unsere Spezifik ist, dass wir neben einer fachlichen Ausbildung eine sprachliche Ausbildung brauchen. Damit wird der Pool vom Interessenten klein, zumal viele Sorben auch außerhalb der Lausitz gute Jobs finden. Das bedeutet für uns, dass es eine große Herausforderung ist, für Institutionen Nachwuchs zu finden.

Zur Person

Dawid Statnik ist seit 2011 Vorsitzender des sorbischen Dachverbandes Domowina.

Die Domowina (zu deutsch: Heimat) ist mit knapp 7400 Mitgliedern nach eigenen Angaben die größte Organisation und Interessenvertretung der Sorben und Wenden. Ziel ist es, die politischen und kulturellen Interessen der rund 60.000 Sorben und Wenden im Süden Brandenburgs und der sächsischen Oberlausitz zu vertreten sowie Sprache und Kultur zu erhalten und zu fördern.

Wie lässt sich diese Aufgabe lösen?

Bisher mussten Bewerber die sorbische Sprache sprechen, vielleicht müssen wir das Pferd künftig aber – auch - von der anderen Seite aufzäumen: Wir müssen schauen, ob Bewerber mit einer fachlichen Qualifikation gewillt sind, unsere Sprache zu lernen. Unser Ziel muss sein, die sprachliche Bildung weiter in den Fokus zu rücken. Der Erhalt der sorbischen Bildung- und Sprachräume ist der Kern im Fortbestehen des sorbischen Volk.

Wie sollte aus sorbischer Sicht der Strukturwandel aussehen?

Wir hoffen, dass nicht nur im Speckgürtel Berlins Infrastruktur gebaut wird. Nicht nur Autobahnen und Straßen sind wichtig, wir müssen die Menschen vor Ort zum Dialog bewegen, um das Potenzial der Lausitz zu zeigen. Wir wollen es schaffen, das Sorbische als Alleinstellungsmerkmal der Lausitz zu zeigen. Das Sorbische verstehen wir nicht als ausschließlich touristisches Argument, sondern als Reichtum einer Region – im Unterschied zu vielen anderen ländlichen Regionen. Den Strukturwandel sehe ich vor allem als Chance für die Lausitz.

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Zu befürchten ist, dass wieder gut ausgebildete Fachkräfte die Region verlassen wie eine ganze Generation nach der Wende?

Deshalb darf es keinen Strukturbruch wie 1990 mit dem Wegfall von 90 Prozent aller Kohlearbeitsplätze geben. Es braucht einen Strukturwandel, der sich den Folgen der Braunkohlegewinnung über viele Jahrzehnte stellt. Die Identifikation mit Sprach- und Kulturraum ist dabei für viele wichtig und eine Bereicherung. Das Sorbische ist vielleicht nicht die stärkte Pfeife im Orgelkonzert, wir wollen aber zum Wohlklang beitragen und womöglich hilft der Strukturwandel auch, gezielt die Sprachrevitalisierung anzugehen, wie das Projekt „Zorja“ in der Niederlausitz zeigt.

Was verbirgt sich dahinter?

Da ist eine Gruppe junger Menschen aus Cottbus, die die Idee haben, dass Erwachsene mit Hilfe eines Stipendiums - ähnlich einem „Auslandsjahr“ - in der Lausitz in die sorbische/wendische Sprache eintauchen können. Finanzieren könnte sich dieses Projekt aus Mitteln des Strukturwandels. Mein Gefühl ist, dass sich der Widerspruch zwischen Tradition und Sorbisch-Sein verliert. Tradiertes darf in Frage gestellt werden. Mir fällt auf, Sorbinnen und Sorben sind selbstbewusster geworden.

Von dpa