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Brandenburg Geschichte und Physik fallen unter den Tisch
Brandenburg Geschichte und Physik fallen unter den Tisch
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11:13 29.11.2014
Brandenburger Schüler bekommen ab dem Schuljahr 2016/17 neue Lehrpläne. Quelle: dpa-Archiv
Potsdam

Frischer Lernstoff sorgt für Zündstoff: Lehrer sehen durch den neuen Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg das Fachwissen in Gefahr. Geschichte als eigenständiges Unterrichtsfach in der Grundschule abzuschaffen, sei eine "politische Fehlentscheidung", moniert Günter Kolende, Landeschef des Verbands der Geschichtslehrer. Schon jetzt hätten viele Schulabgänger kaum noch etwas von der deutsch-deutschen Geschichte nach 1945 gehört. Nun werde Geschichte in der Schulbildung noch weiter zur "Nebensächlichkeit" degradiert.

Nach den Plänen der Länder wird in Klasse 5 und 6 ab 2016/17 drei Stunden pro Woche das neue Fach Gesellschaftswissenschaften gelehrt, das Geschichte, Geografie und Sozialkunde oder politische Bildung umfasst. Bisher haben die Schüler je eine Stunde Fachunterricht im Stundenplan. Ähnlich wird in Brandenburg mit Physik, Biologie und Chemie verfahren: An ihre Stelle tritt, wie in Berlin bereits eingeführt, das Fach Naturwissenschaften.

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht die Lehrer nicht gerüstet

Naturwissenschaftlicher Unterricht im Fächerverbund sei in der Grundschule durchaus sinnvoll, sagt Rudolf Lehn, Vorstand der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. Allerdings lauerten auch viele Probleme. Wenn ein Schulleiter keine Fachlehrer habe, die im entsprechenden Turnus den Fächerverbund unterrichten, könne er zu einem reinen Bio- oder Physikkurs werden. "Es ist eine Illusion, dass ein Physiklehrer die Wirbeltiere sinnvoll unterrichten kann, wenn er nicht gerade Biologie als zweites Fach im Lehramt hat", sagt Lehn.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht die Lehrer in Brandenburg nicht für die Lehrplanumstellung gerüstet. In der Ausbildung werde das Unterrichten solcher Sammelfächer bislang nicht vermittelt. Bis 2016 durch Fortbildungen die Lehrer entsprechend zu qualifizieren, sei knapp bemessen. "Die Qualität des Unterrichts darf nicht unter dem neuen Lehrplan leiden", warnt Fuchs. "Wichtige zentrale Inhalte wie die Aufarbeitung der DDR-Geschichte dürfen nicht hinten runterfallen", fordert auch Landeselternsprecher Wolfgang Seelbach.

Rahmenlehrpläne sollen entschlackt und modernisiert werden

Die alten Rahmenlehrpläne sollten entschlackt und modernisiert werden, erklärt Götz Bieber, Direktor des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Lisum), das die Pläne gemeinsam mit Experten und einer Gruppe von 114 Lehrern ausgearbeitet hat. "Der neue Plan bietet die Chance, altersgerecht systematisch Fähigkeiten bei den Kindern aufzubauen", ist er überzeugt.

"Die Lehrkräfte bekommen erstmals einen Plan, der die Anforderungen an die Schüler von der Grundschule bis zur Jahrgangsstufe 10 durchgehend abbildet", sagt Bildungsminister Günter Baaske (SPD). Brüche beim Wechsel in die weiterführende Schule würden so vermieden. "Wir brauchen diesen Rahmenlehrplan, denn die Pädagogik hat sich weiterentwickelt", so Baaske. Kinder gingen heute ganz anders als noch vor zehn Jahren mit Medien um und dächten stärker systematisch und fachübergreifend.

Öffentliche Online-Anhörung

  • Der gemeinsame Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg von Klasse 1 bis 10 ersetzt 68 Einzellehrpläne.
  • Seit gestern ist der Plan im Internet abrufbar. Lehrer, Eltern, Schüler, Schulleiter und Verbände können sich bis zum 27. März 2015 dazu äußern. Anfangs war die Anhörung nur bis 9.Februar geplant, wurde dann aber nach Protest der Verbände verlängert.
  • Vorschläge für Änderungen würden geprüft und gegebenenfalls eingearbeitet, so das Bildungsministerium. Im August 2015 soll der neue Lehrplan in endgültiger Version dann veröffentlicht werden und zum Schuljahr 2016/17 in Kraft treten.

Internet: www.bildungsserver.berlin-brandenburg.de/anhoerungsportal.htm

Von Marion Kaufmann

Nicht zu Ende gedacht

Der neue Rahmenplan für die Schulen

Schlanker und moderner will er daherkommen, der neue Rahmenlehrplan für die Brandenburger und Berliner Schulen. Tatsächlich hat sich in zehn Jahren in der Pädagogik einiges verändert. Dass Schule mit der Zeit geht und die Lern vorgaben anpasst, ist überfällig. Positiv ist etwa, dass Medien bildung und Gewaltprävention fachübergreifend berücksichtigt werden sollen. Aber der neue Plan birgt auch Tücken.

Die Ministerien wollen zumindest in den unteren Jahrgangsstufen weg vom Schubladendenken. Kompetenzen müssten geschult werden. Das isolierte Pauken von Fachwissen sei passé. Wie das laufen soll, ohne dass die Schüler wichtigen Stoff versäumen, wird aber nicht klar. Biologie- oder Physiklehrer sind bislang nicht dafür geschult, das neue Fach Naturwissenschaften zu unterrichten. Auch ein Geografielehrer dürfte sich schwer tun, im künftigen Sammelfach Gesellschaftswissenschaften Geschichte zu vermitteln.

Auch die Abschaffung des Förderschullehrplans scheint nicht bis zu Ende gedacht. Unklar ist, wie Lehrer mit der Noten gebung verfahren sollen, wenn Schüler mit und ohne Lernschwäche im Unterricht sitzen. Doch noch ist nichts in Stein gemeißelt. Lehrer, Schüler und Eltern sollten die Chance nutzen, im Anhörungsverfahren Änderungsvorschläge zu äußern – und sich nicht kritiklos etwas verordnen lassen, was in der Praxis Probleme bereitet.

Ein Kommentar von Marion Kaufmann

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