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Brandenburg Höher, schneller und nerviger
Brandenburg Höher, schneller und nerviger
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00:38 16.04.2018
In Gaildorf (Baden-Württemberg) entsteht zur Zeit die größte Windkraftanlage der Welt. Die Anlage erreicht eine Nabenhöhe von 178 Metern und eine Gesamthöhe von 246,5 Metern. Quelle: 102218022
Potsdam

Der Blick durch Winfried Ludwigs Terrassenfenster fällt auf ein Vogelhaus, ein geschäftiges Körner-Terminal. Ein Sieb zum Auffangen der Körner schaukelt unter den Futterluken. Meisen flattern um die Konstruktion und Sperlinge. Spechte und Kleiber kommen oft aus dem Wald, sagt der Hausherr. Der Wald – das ist für den 65-Jährigen und seine Frau aus Beelitz-Fichtenwalde nicht irgendein Naherholungsgebiet. Die Kiefern stehen auf Ludwigs Grundstück, eine Wand aus etwa 80 rötlichen Stämmen. Wer hat sowas schon im eigenen Garten? In 1000 Metern Entfernung könnten allerdings in absehbarer Zukunft deutlich höhere Stämme in den Himmel wachsen: Ein Windpark ist geplant, mitten im Wald – XXL-Turbinentürme, zehnmal so hoch wie die Bäume.

Winfried Ludwig aus Fichtenwalde – in dem Wald hinter ihm soll ein Windpark entstehen. Quelle: Ulrich Wangemann

Möglich macht eine rasante technische Entwicklung die Nutzung des Waldes als Windkraft-Standort. Der Höhe der Stahl- und Betontürme scheint kaum eine Grenze gesetzt. Ein Windanlagen-Planer, der lieber nicht genannte werden will, vergleicht die Dynamik mit der im Wolkenkratzer-Bau: „Die höchsten Hochhäuser sind heute einen Kilometer hoch – noch vor einigen Jahren hat man das nicht für möglich gehalten.“ Tatsächlich hat sich die Nabenhöhe der in Deutschland errichteten Windenergieanlagen seit dem Jahr 1995 verdoppelt – von 78 auf 150 Meter. Der Rotorendurchmesser verdreifachte sich laut dem Bundesverband Windenergie von 46 auf 130 Meter. Ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen.

Die Betreiber von Windkraftanlagen haben ein Rekordergebnis eingefahren.

„Im Sommer fliegen bei uns Fledermäuse, die auf der roten Liste stehen“, sagt Ludwig und schaut durch die Scheibe in die grüne Hölle. „Die würden geschreddert.“ 2011 hat Ludwig mit Mitstreitern einen Verein, später die Bürgerinitiative „Waldkleeblatt“ gegründet. Sie ist die professionellste und erfolgreichste im Land – bei Beelitz steht im Gegensatz zu den meisten Landstrichen noch kein Rad.

Im gleichen Maße, wie die Spargel in die Höhe schießen, wird auch der Widerstand stärker. 110 Initiativen gibt es mittlerweile brandenburgweit, Ludwig ist ihr bekanntester Vertreter. Was Lärm ist, weiß der Mitarbeiter einer Beelitzer Klinik: Vor Jahren zog er aus dem Umfeld des Flughafens Schönefeld weg.

Ein wichtiger Grund für die Himmelstürmerei der Windbranche ist ein nie gekannter Preisdruck. Neue Einspeiseregeln lassen die Profite ins Bodenlose purzeln – binnen eines Jahres sind sie von 7 auf 4 Cent pro Kilowattstunde gefallen. Verantwortlich ist ein bewusst von der Politik herbeigeführter Unterbietungswettbewerb unter den Anlagenbetreibern, der den Stromkunden günstigere Tarife bescheren soll. Der Betreiber, der verspricht, für den niedrigsten Preis Strom zu produzieren, erhält den Zuschlag und darf ins Netz einspeisen. Dieses Ausschreibungsverfahren hat die festen, lukrativen Vergütungssätze der Vergangenheit abgelöst. Die wirtschaftliche Basis der Windmüllerei hat sich fundamental geändert.

Das höchstes Windrad der Welt

Firmen, die sich gute Standorte gesichert haben, müssen das Äußerste aus ihnen herausholen. Die Windräder, die derzeit in Planung sind, werden Giganten sein: 240 Meter – das ist höher als die Aussichtsetage des Berliner Fernsehturms. Im württembergischen Gaildorf wird gerade das größte Windrad der Welt montiert: 246 Meter hoch ragen die Rotorspitzen in die Wolken. Ein Quantensprung beim Ausbau der Windenergie – oder eine Katastrophe. Je nach Perspektive.

Technisch gesehen liegen die Vorzüge auf der Hand: Je weiter weg vom Boden, desto steter bläst der Wind. Eine neue Generation von Riesen, deren Flügel sich behäbig drehen, soll selbst laue Lüftchen in Strom umsetzen.Turbinenhersteller General Electrics (GE), der in der engere Wahl für das Fichtenwalder Projekt ist, wirbt in einem Prospekt für 240-Meter-Anlagen mit dem Hinweis auf einen „wettbewerbsfähigen Preis pro Kilowattstunde“.

Das Luftbild einer Drohne zeigt, wie hoch die riesigen Windräder sind. Quelle: dpa-Zentralbild

Solche Mega-Turbinen funktionieren auch im Flachland. Die windstarken Top-Standorte an den Küsten oder auf Bergrücken sind ohnehin meist vergeben, zumal Brandenburg weder das eine noch das andere landschaftlich zu bieten hat.

Es gibt eine Galgenfrist: Betreiber, die bis Ende 2018 ihre Anlagen in Betrieb nehmen, erhalten noch die hohen und auf Jahre garantierten Einspeisevergütungen von bis zu acht Cent pro Kilowattstunde. Danach geht es in die Auktion – mit deutlich reduzierten Margen.

In Beelitz spielen die Riesentürme neuen Typs angesichts dieser nahenden Deadline eine besondere Rolle: die eines Druckmittels. Weil die Stadt den Investoren Wegerechte für die Baumaschinen verweigert und der Rechtsstreit um den Baubeginn beim Verwaltungsgericht Gilb ansetzt, drohte im Herbst Wind-Unternehmer Bernd Schaeff: Wenn seine Gesellschaft die Anlagen bis Ende 2018 nicht fertigstellen könne, +werde seine Firma neue Anträge stellen. Es wären zwar ein paar Türme weniger. Die jedoch sollten viel höher als die jetzt geplanten ausfallen. Die neuesten Prospekte der Anlagenhersteller habe er sich schicken lassen, sagt Investor Schaeff: „Turmhöhe 175 Meter, Rotordurchmesser 90 Meter – doppelt so viel Leistung pro Anlage.“

Eine Mitarbeiterin des Windkraftanlagenherstellers Vestas im südbrandenburgischen Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) geht am an einem Lager mit 55 Meter langen Rotorblättern vorbei. Quelle: dpa-Zentralbilddpa-Zentralbild

In einem Brief an die Stadt hat der Unternehmer die Folgen deutlich gemacht. Von einer „deutlich größeren Beeinträchtigung der Gebietskulisse“ schreibt er. Eine Reaktion habe er bislang nicht erhalten, so Schaeff. Die Frist bis Jahresende sei kaum noch zu halten.

Der Betriebswirt und Wahlbrandenburger, der die gemütliche Mundart seiner Regensburger Heimat spricht, Janker trägt und die Flächen bei Beelitz seit 1998 peu à peu gekauft hat, sieht sich als Vertreter einer stillen Mehrheit. „Unsere Vorhaben tragen zur Erreichung der Klimaziele bei und entsprechen dem politischen Willen in unserem Land“, sagt er. Wer den Klimakiller Kohle ersetzen wolle, komme um Windkraft nicht herum. „Oder wir müssen unseren Lebensstil ändern“, sagt Schaeff.

Windkraft-Eignungsgebiete seien in einem transparenten Verfahren bestimmt worden. „Doch die Stadt Beelitz hält es nicht für notwendig, diesen demokratisch gefassten Entschluss für sich gelten zu lassen“, so Schaeff und ergänzt: „Ich kann die Gegner verstehen. Ich weiß auch nicht, ob ich glücklich wäre, wenn 1100 Meter von meinem Gartenzaun entfernt ein Windrad stünde.“ Irgendwen treffe es immer.

Ewig werden die Masten vermutlich nicht stehen bleiben, schätzt Schaeff. „Ich glaube, Windkraft ist nur eine Übergangstechnologie. Unsere Enkelkinder werden wohl keine Räder mehr sehen.“ Der Abbau der Stahl- und Betonkonstruktionen sei „kein Hexenwerk“ – anders als bei Atomkraftwerken.

Der Wald als Einnahmequelle

Der Fall Beelitz macht klar: So politisch aufgeladen wie aktuell waren Windpark-Projekte nie. Als mehrere Unternehmer 2011 im Rathaus vorsprachen und Anträge für rund 20 Rotortürme vorbereiteten, empfing man sie freundlich. Der 2010 gewählte, parteilose Bürgermeister Bernhard Knuth witterte eine Einnahmequelle, zumal der Stadt große Waldstücke gehören.

Im Gefolge der großen Finanzkrise hatte Beelitz den Freibad-Neubau abgeblasen. Nun verspürte die neue Verwaltung wieder Rückenwind. 20 Millionen Euro würden die Türme in 20 Jahren einspielen, rechnete man im Rathaus 2011.

Bürgermeister Knuth sagte damals der MAZ, er favorisiere die Wald-Lösung auch deshalb, weil sie andere Gebiete in offener Landschaft windkraftfrei zu halten versprach. Aktuell will sich Knuth nicht zu dem Windpark-Streit äußern – wegen des laufenden Verfahrens.

Windräder mit einer Höhe von bis zu 200 Metern im Windpark östlich von Parchim (Mecklenburg-Vorpommern). Quelle: dpa-Zentralbild

Mitarbeiter der beteiligten Windkraftfirmen sagen unisono, Bürgermeister Knuth habe irgendwann eine 180-Grad-Wende hingelegt und nicht mehr verhandeln wollen. Winfried Ludwig und die BI Waldkleeblatt dürften maßgeblichen Einfluss ausgeübt haben. Denn er und seine Mitstreiter zogen bei der Kommunalwahl 2014 unter dem Namen „Gemeinsam für Beelitz“ mit einem Anti-Windkraft-Programm als viertstärkste Gruppe in die Stadtverordnetenversammlung ein. Beim landesweiten Anti-Windkraft-Bürgerbegehren 2016 sei Knuth dann „stolz gewesen, Erstunterzeichner in Beelitz zu sein“, sagt Ludwig. Der Wind hat sich gedreht – in mancherlei Hinsicht.

60 Kilometer weiter nördlich, auf der Nauener Platte, steht der am dichtesten bebaute Windpark der Bundesrepublik. Diese zugige Hochfläche überragt den Rest des Havellands um 15 entscheidende Meter. In den 90er-Jahren schon errichtete man die ersten Masten, mittlerweile sind es knapp 200 Anlagen. Viele Ortsfremde kennen den Wald aus Röhren und Rotoren, da der ICE in Richtung Hannover mittendurch braust. Ketzin gilt mittlerweile als mahnendes Beispiel investorengetriebenen Öko-Wahns. Nachts leuchten rote Vampiraugen überall am Himmel. Andererseits: Die Anlagen könnten Nauen, Brieselang, Ketzin und Wustermark doppelt und dreifach mit Strom versorgen. Während die Berliner ihr Umweltgewissen beim Bio-Fleischer beruhigen, leisten die leidgeprüften Anwohner der Nauener Platte substanzielle Pionierarbeit fürs Klima.

Gegenwind auf Nauener Platte

Doch selbst den hartgesottenen Platten-Anrainern reicht es nun. Rund 150 Meter hoch waren bislang die Türme des Windparks Ketzin. Ein heftiger Streit entbrannte, weil Investoren 15 neue Anlagen mit einer Gesamthöhe von 220 Metern dazustellen beziehungsweise alte Räder ersetzen wollen. Vorläufiger Schlusspunkt: Ketzins Stadtverordneten haben im Dezember den Status Quo eingefroren – maßgeblich auf Druck der örtlichen Bürgerinitiative „Gegenwind“. Die Super-Windräder soll es vorerst nicht geben. „Wenn ich bei uns auf dem Kapellenberg stehe, sehe ich den Fernsehturm in Berlin – und vom Fernsehturm sehe ich dann die Windkraftanlagen in Ketzin“, sagt der BI-Vorsitzende Karl-Heinz Konrad. „Das ist eine Verschandelung der Landschaft. Welcher Tourist soll denn noch kommen?“

Die größte Windkraftanlage der Welt im Vergleich zum Berliner Fernsehturm Quelle: Max Bögl Wind AGMax Bögl Wind AG

Der Ingenieur und freiberufliche Bauleiter wohnt im Ortsteil Falkenrehde, 1500 Meter vom ersten Turm entfernt. Je nach Windlage höre er ein „undefinierbares ,Bubb-bupp-bupp“, sagt Konrad. Seine Mitstreiter und er befürchten einen Wertverlust für ihre Grundstücke und noch mehr Lärm von noch weiter oben.

Tatsächlich hatte Brandenburgs Landesumweltamt Ende 2017 eine Überarbeitung der Schallprognosen für alle 748 geplanten Windkraftanlagen landesweit angeordnet. Begründung: Die bisher gültigen Lärmvorschriften stammten aus einer Zeit, als Windräder noch 30 Meter hoch waren und der Schall in der nächsten Hecke hängen blieb.

Windenergie entsteht durch die Umwandlung von Luftbewegung in Strom mittels einer Turbine. Dabei liegt der Wirkungsgrad bei etwa 45 Prozent – im Stromnetz kommt also knapp die Hälfte der Kraft an, die im Wind steckt. Der Rest geht verloren, weil er am Rotor vorbeizieht, in den Kabeln zu Wärme wird oder an den Lagern des Generators und der anderen rotierenden Teile.

Dreiflügelige Rotoren haben sich gegen die früher auch verwendeten zweiflügeligen durchgesetzt, weil sie stabiler ist. Der Durchmesser der Rotoren ist bei den neuesten Anlagen größer als die Flügelspannweite eines Airbus A380.

Eine große Windkraftanlage spart über die Dauer von 20 Betriebsjahren ungefähr 120 000 Tonnen Kohlenstoffdioxid ein.

Deckeln wollen auch die Kommunalpolitiker in Ketzins Nachbargemeinde Wustermark das Höhenwachstum. Sie haben gerade einen Bebauungsplan vorgelegt, der 150 Meter als Obergrenze festschreibt. Und: Neue Anlagen dürfen nur entstehen, wenn alte verschwinden.

Die Landespolitik indes steht zu dem im Koalitionsvertrag zwischen SPD und Linkspartei vereinbarten Ziel, die Windkraft auszubauen. Schließlich ist das Land Musterkind, produziert pro Kopf die höchste Ökostrommenge in der Republik. „Dabei sollen vor allem ältere und laute Windräder durch effektivere und leisere ausgetauscht werden“, heißt es in dem Bündnispapier. Effektiver – das heißt nach allen Gesetzen der Physik: größer. Immerhin erwähnen die Koalitionspartner in dem Papier „vorhandene Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung“. Der Vertrag wurde 2014 verfasst.

Seither ist aus dem Gegenwind ein Sturm geworden. Der Regierung ist die Gefahr nicht entgangen. Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) regte kürzlich an, die Orte sollten mehr von den Wind-Erträgen haben. Nach dem Motto: Wenn’s schon hässlich ist, soll es wenigstens Schmerzensgeld geben.

Von Ulrich Wangemann

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