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Brandenburg Die Angst der Jänschwalder vor dem plötzlichen Kohlestopp
Brandenburg Die Angst der Jänschwalder vor dem plötzlichen Kohlestopp
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14:05 29.08.2019
Das Kohlekraftwerk Jänschwalde zählt zu den größten CO2-Sündern Europas. Der dazugehörige Tagebau könnte im September stillgelegt werden. Quelle: Hannah Rüdiger
Jänschwalde

Zwischen den Mehrfamilienhäusern von Jänschwalde-Ost (Spree-Neiße) herrscht große Stille. Zweigeschossige Wohnblöcke mit vorgelagerten Balkonen aus Stahl reihen sich aneinander. Unkraut wuchert zwischen den Gehwegplatten aus Beton. Würden zwischen den Wohnblöcken keine T-Shirts und Handtücher an den Wäscheleinen schwingen, könnte man fast meinen, der Ort sei unbewohnt.

Mit der großen Stille ist es vorbei, wenn man der Eichenallee bis zum Waldrand folgt: In der Kita „Lutki“ jagen sich dutzende Kinder jauchzend durch den Garten. Das ganze Leben von Jänschwalde-Ost scheint sich in dem Neubau abzuspielen, der sich „Haus der Generationen“ nennt.

82.000 Tonnen Braunkohle pro Tag

Nur wenige Kilometer entfernt graben sich die Schaufelradbagger durch die Erde, um Braunkohle zu fördern. Bis zu 82.000 Tonnen Kohle werden täglich im Kraftwerk Jänschwalde verheizt, um Strom zu erzeugen.

Die Jänschwalder leben mitten im Lausitzer Braunkohlerevier, das dieser Tage nicht nur ein Wirtschaftsstandort, sondern auch ein Politikum ist: Die einen wollen so schnell wie möglich aus der Kohle aussteigen, um das Klima zu schützen. Die anderen verdienen mit der Kohle ihren Lebensunterhalt und sehen ihre Existenz bedroht.

„Der Tagebau ist hier ein sehr großer Arbeitgeber“, sagt Silke Kohn. Die 58-Jährige leitet das Haus der Generationen in Jänschwalde-Ost und engagiert sich seit Jahren bei der Volkssolidarität. Wer nicht im Kraftwerk, der Schule oder der Kita arbeitet, pendelt bis nach Guben oder Cottbus.“

Silke Kohn und Rudolf Blumrich vor dem „Haus der Generationen“ in Jänschwalde-Ost. Quelle: Hannah Rüdiger

Ort war erst Soldaten-Wohnsiedlung

Viel Arbeit habe es in Jänschwalde-Ost nie gegeben: Zu DDR-Zeiten diente der Ort vor allem als Wohnsiedlung für Berufssoldaten der Nationalen Volksarmee und ihre Familien. Ab den 70er Jahren kam mit dem Tagebau und dem dazugehörigen Braunkohlekraftwerk ein zweiter großer Arbeitgeber hinzu.

Die NVA wurde mit der Wiedervereinigung aufgelöst, 1500 Soldaten zogen ab. Der Kaufladen und der Friseur machten dicht, der Arzt verließ die Stadt. Übrig blieben nur noch wenige Hundert Menschen – und die Braunkohle.

Nach Angaben der Lausitz Energie Bergbau AG (Leag), dem Betreiber des Kraftwerks in Jänschwalde, arbeiten derzeit rund 700 Menschen im dortigen Tagebau. Etwa tausend weitere Mitarbeiter halten das Kraftwerk am Laufen.

Unter dieser Nummer können Sie die MAZ-Wahlreporter erreichen. Quelle: Schultz, Maike

Tagebau sollte planmäßig 2023 stillgelegt werden

Planmäßig wollte der Energiekonzern den Jänschwalder Tagebau noch bis 2023 betreiben. Bis dahin sollten neue Arbeitsplätze in der Region geschaffen werden, um die ehemaligen Kohlekumpel aufzufangen. Es sollte ein sanfter Übergang werden, ein Strukturwandel, von dem alle profitieren.

Stattdessen könnte der Kohleabbau schon in wenigen Tagen ein abruptes Ende finden: Die Umweltverbände Grüne Liga und die Deutsche Umwelthilfe haben gegen einen Weiterbetrieb des Tagesbaus geklagt, weil dieser das Grundwasser absenke und geschützte Moore austrockne.

Ursprünglich hatte die Leag bis zum 1. September Zeit, sich einer sogenannten Umwelt-Verträglichkeitsprüfung zu stellen. Am Mittwoch beantragte der Konzern jedoch eine Fristverlängerung bis Mitte/Ende November.

Zukunft des Tagebaus noch ungewiss

Hält der Tagebau der Prüfung nicht stand, muss er stillgelegt werden – der sogenannte Sicherheitsbetrieb, den es bei einem plötzlichen Abbaustopp braucht, wurde bereits vorbereitet. Was das für das Kraftwerk bedeuten würde, könne die Leag derzeit noch nicht sagen. Nur in einer Sache legt sich der Konzern fest: Betriebsbedingte Kündigungen seien „ausgeschlossen“.

Helmut Badtke, der Bürgermeister von Jänschwalde, hält die geforderte Stillegung des Tagebaus für „überhastet“. „Ein Strukturwandel in der gewünschten Form erscheint in der Kürze der Zeit nicht realisierbar“, so Badtke.

Dafür fehle es einfach an der nötigen Infrastruktur und an guten Alternativen für die Mitarbeiter des Tagebaus. „In manchen Familien steht damit auch die Existenzfrage im Vordergrund“, sagt er. Es sei zu befürchten, dass die Jüngeren Jänschwalde auf der Suche nach Arbeit verlassen.

Rudolf Blumrich aus Jänschwalde hat selbst mal im Kraftwerk gearbeitet. Seit der Wende ist er der Vorsitzende der lokalen Volkssolidaritäts-Gruppe. Quelle: Hannah Rüdiger

Jänschwalder fühlen sich überrumpelt

Der 83-jährige Rentner Rudolf Blumrich lebt in Jänschwalde-Ost und hat früher selbst fünf Jahre lang im Kraftwerk gearbeitet. Heute ist er Vorsitzender der örtlichen Volkssolidarität. Sollte Jänschwalde seinen wichtigsten Arbeitgeber verlieren, wäre er nicht betroffen – aber vielleicht seine Tochter, die Schichtleiterin im Kraftwerk ist. Blumrich versteht nicht, warum der Ausstieg so plötzlich kommen soll. „Ich bin dafür, dass das Kraftwerk so lange wie möglich erhalten wird“, sagt er.

Er hat kein Verständnis für Politiker, die die Kohle verteufeln oder Aktivisten, die die Kohlebagger besetzen. Bis der Strom aus Windenergie richtig gespeichert werden könne, sei Deutschland einfach auf die Kohle angewiesen, sagt er. So einfach sei das.

Sollte der Tagebau plötzlich dicht machen, könnte sich in Jänschwalde einiges ändern, glaubt auch Silke Kohn. „Der Tagebau und das Kraftwerk sind das, was die Lausitz wirtschaftlich ausmacht“, sagt sie. „Wir haben ja weiter nichts.“

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Von Hannah Rüdiger

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