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Brandenburg Ziemlich beste Mitbewohner
Brandenburg Ziemlich beste Mitbewohner
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16:43 05.05.2014
André Ladwig, Jonathan Meyer, David Hub, Johanna Lühe (vorne), Cornelia Regele, Oliver Käding, Ben Krahnert und WG-Managerin Stefanie Schröder (v. l.) Quelle: Julian Stähle
Teltow

Tja, Mitbewohner können launisch sein. Eben noch hat Johanna Umarmungen und Wangenknutscher verteilt, jetzt will sie nur ihre Ruhe haben. Sollen die anderen das Gruppenbild doch ohne sie machen, ihre Zimmertür bleibt erstmal geschlossen. Das ganz normale WG-Leben halt.

Aber Wohngemeinschaften wie die an der Mahlower Straße in Teltow (Potsdam-Mittelmark) sind nicht normal – noch nicht. In Brandenburg und Berlin ist sie die erste ihrer Art, in ganz Deutschland gibt es vielleicht eine Handvoll.

Beim Angrillen proben die künftigen Mitbewohner den WG-Alltag: Jonathan Meyer, David Hub, Ben Krahnert und André Ladwig (v. l.). Quelle: Julian Stähle

Vier Jungs und zwei Mädels, alle zwischen 20 und 30 Jahre alt. Drei mit Behinderung, drei ohne.
An einem Samstagnachmittag treffen sich alle sechs zum Angrillen und Kennenlernen im Garten des 220-Quadratmeter-Hauses. Beim Gemüseschnippeln proben sie den WG-Alltag. Noch läuft die Gewöhnungsphase zwischen Betreuern und „Bennies“. So haben die Eltern von Ben Krahnert kurzerhand die drei WG-Bewohner mit Downsyndrom getauft. Es ist ihre Art, die Holprigkeiten der politischen Korrektheit zu umgehen.

Das Versprechen auf ein selbstbestimmtes Leben

Ben könnte in seiner Entwicklung schon viel weiter sein, wenn er mehr Anregungen bekäme“, ist seine Mutter Ellen Krahnert überzeugt. „Er fühlt sich zwar wohl in seinem Wohnheim, aber da gibt es einfach zu wenig Personal“ , erzählt die 50-Jährige, die als Stadtplanerin arbeitet. Seine Tage verbringe Ben oft allein vor dem Fernseher, für Ausflüge gebe es nicht genügend Betreuer. Das Sprechen fällt dem 29-Jährigen schwer, einkaufen geht nur mit Zeichenkarten. Sein handwerkliches Talent und seine Freude an der Gartenarbeit wird er dafür umso besser ausleben können.

Genau wie Ben Krahnert leben auch Johanna Lühe (23) und David Hub (24) bislang in Wohnheimen für Behinderte. Auch für sie ist die Inklusions-WG das Versprechen auf ein selbstbestimmtes Leben. „Plötzlich bekommst du ’ne Nachricht auf dein Handy: sind mit Benni im Botanischen Garten in Berlin“, erzählt Vater Uwe Krahnert begeistert. „So was war bisher überhaupt nicht möglich.“

Die Nachricht hatte Jonathan Mayer geschickt. Der 20-Jährige ist einer der drei Betreuer im Haus. Gemeinsam mit Cornelia Regele (22) und André Ladwig (30) macht er an der nahen Dietrich-Bonhoeffer-Schule seine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. „Ich war am Anfang skeptisch, ob ich in der WG genügend Raum für mich haben würde“, erzählt Jonathan Meyer, der aus Flensburg stammt. „Aber die konkrete Idee und der persönliche Draht zu Benni und den anderen haben mich überzeugt.“

Immer an der Seite der Bewohner: Die WG-Manager

Schichtpläne sollen dafür sorgen, dass den jungen Azubis ihre Aufgaben nicht über den Kopf wachsen, Freizeit und Arbeit klar getrennt bleiben. Johanna, David und Ben sollen immer wissen, an welchen der Betreuer sie sich wenden können, wenn sie etwas unternehmen wollen oder Hilfe brauchen. Zum Beispiel morgens auf dem Weg zu ihren Werkstatt-Jobs. Eine Pädagogin steht den Bewohnern außerdem als „WG-Managerin“ zur Seite.

Jonathan, Cornelia und André leben schon seit Anfang des Jahres im Haus. Der erste Benni, der echte nämlich, wird in den kommenden Tagen einziehen. Wann Johanna und David nachkommen, wissen sie noch nicht so genau – auch das kennt jede andere WG. Für die Betreuer zahlt sich der Umzug an die Mahlower Straße schon jetzt aus, auch finanziell: Sie leben nicht nur mietfrei, sondern bekommen noch 300 Euro Wohngeld und Pluspunkte für ihre Ausbildung.

„Die Ausbildung war aber keine Voraussetzung für den Platz“, erzählt Oliver Käding. Der 26-jährige Potsdamer hat die WG ins Leben gerufen: das Haus gemietet, die Bewohner ausgesucht, Umbauten organisiert. Obwohl er selbst nicht im Haus lebt, ist er ein Teil der Gemeinschaft. „Die Idee der Einzelfallhilfe gibt es schon länger“, sagt Käding. „Aber dass Menschen mit und ohne Handicap zusammenwohnen, ist neu.“ Nach seiner Ausbildung hat der Heilerziehungspfleger den Verein „Einzelfallhilfe-Manufaktur“ gegründet. „Das funktioniert wie in dem Film ,Ziemlich beste Freunde’“, erzählt Käding. „Einer ohne Behinderung ermöglicht einem mit Behinderung ein sebstbestimmtes Leben. Warum sollten dabei keine Freundschaften entstehen?“

Zum Beispiel bei wilden WG-Partys.

Die Lichter gehen nicht um 20 Uhr aus wie im Wohnheim

Die kann man sich in dem weitläufigen Haus mit Keller, ausgebautem Dachstuhl, vier Bädern und zwei Küchen ziemlich gut vorstellen. „So soll es ja sein, dass alle mal feiern, ihre Freunde einladen und dadurch auch die Bewohner mit Handicap neue Leute kennenlernen“, sagt Oliver Käding. „In einem Wohnheim ist so was gar nicht vorgesehen. Da gehen um 20 Uhr die Lichter aus.“

Cornelia Regele (links) und Johanna Lühe: „Einer ohne Behinderung hilft einem mit Behinderung, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“ Quelle: Julian Stähle

So einfach die Idee vom Zusammenleben zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen klingt – sie umzusetzen war nicht einfach. „Viele Vermieter hatten die Sorge, dass ihre Einrichtung verkommt, wenn sie Menschen mit Handicap einziehen lassen. Unsere jetzigen Vermieter stehen hinter der Idee.“

Immerhin: Der Gesetzgeber macht es den Bennies in diesem Land nicht mehr ganz so schwer mit dem selbstbestimmten Leben. Seit 2008 gibt es das sogenannte persönliche Budget. Menschen mit Behinderung können beim Staat den Anspruch auf finanzielle Unterstützung einfordern. Über das Geld können sie selbst verfügen und entscheiden, ob sie in einem Wohnheim oder eben in einer betreuten WG leben wollen.

Ein Experiment mit offenem Ausgang

„Die Anträge zu schreiben war allerdings wahnsinnig aufwendig“, erzählt Ellen Krahnert. „Die Behörden haben noch kaum Erfahrungen damit, wem sie was zugestehen sollen.“ Zum Glück sei ihr die Kreisverwaltung von Potsdam-Mittelmark sehr entgegengekommen. „Die haben sogar eine eigene Arbeitsgemeinschaft für unser Projekt eingericht.“
Schon seit sechs Jahren verfolgt sie die Idee, für ihren Sohn eine gemischte WG zu finden. „Damit er ein normales Leben führen und auch mal spontan ins Kino gehen kann. Und nicht immer im Pulk, der alle Leute verschreckt.“ Allein, Ellen Krahnert fand keinen Träger. Bis sie über eine gemeinsame Bekannte auf Oliver Käding traf, dem für sein Projekt noch die Bewohner fehlten.

Noch ist die Teltower Inklusions-WG ein Experiment mit offenem Ausgang. Aber Oliver Käding hofft, dass seine Idee sich verbreitet. „Wir sind ein kleiner Verein, für die großen Träger lohnen sich Projekte wie dieses gar nicht. Aber es zeigt doch, dass Inklusion machbar ist.“

LEBEN MIT BEHINDERUNG IN BRANDENBURG

  • 435 000 Menschen mit Behinderung leben nach Angaben der Landesregierung in Brandenburg. Das sind fast 17 Prozent der Bevölkerung.
  • 310 000 Brandenburger gelten als schwerbehindert, das heißt, sie haben einen Grad der Behinderung von mehr als 50. Der Grad der Behinderung wird in Zehnerschritten zwischen 20 und 100 angegeben und bezieht sich auf die Auswirkungen der Behinderung auf die gesellschaftliche Teilhabe.
  • Mehr als 60 Prozent der Schwerbehinderten in Brandenburg sind älter als 60 Jahre.
  • Über 90 Prozent aller behinderten Menschen erleiden ihre Einschränkung nach der Schulzeit.
  • 300 Menschen in Brandenburg nehmen derzeit das sogenannte persönliche Budget in Anspruch. Es wurde 2008 eingeführt und soll Menschen mit Behinderung ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.
  • 16 200 brandenburgische Schüler hatten im Schuljahr 2012/13 einen diagnostizierten Förderbedarf. 42 Prozent von ihnen besuchten eine Regelschule. Bundesweit liegt der Durchschnitt bei rund 28 Prozent.
  • 4,9 Prozent der märkischen Schüler besuchten im Schuljahr 2012/13 eine Sonderschule. Bundesweit sind es 4,8 Prozent.
  • 75 staatliche Schulen in Brandenburg beteiligen sich an dem Projekt „Inklusive Grundschule“.

Von Martin Küper

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