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Brandenburg Hier liegt alle drei Tage ein toter Wolf auf dem Tisch
Brandenburg Hier liegt alle drei Tage ein toter Wolf auf dem Tisch
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06:26 03.03.2019
Toter Wolf in der IZW-Pathologie Quelle: Leibniz-IZW
Berlin

 Wurde das Tier von einem Auto angefahren, von einem schießwütigen Wolfshasser ins Jenseits befördert, oder war es krank und starb eines natürlichen Todes? Diese Frage klären die Pathologen und Radiologen am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin-Lichtenberg. Die Tiermediziner sind bundesweit zuständig für die sterblichen Überreste von „canis lupus“, im Rahmen des „Nationalen Wolf-Totfundmonitorings“, wie das etwas sperrig im Amtsdeutsch heißt.

Guido Fritsch ist Tierarzt mit dem Spezialgebiet Radiologie, ein groß gewachsener, gemütlicher Mann mit Vollbart und Holzfällerhemd. Er ist der Erste, auf dessen Tisch die toten Wölfe landen. Im Computertomographen (CT) erstellt Fritsch einen Ganzkörper-Scan der toten Wölfe und wertet die Bilder aus, ehe die Tiere anschließend in der Pathologie seziert und Gewebeproben für weitere Untersuchungen, etwa auf Parasitenbefall oder zum Genpool, entnommen werden.

CT-Darstellung eines toten Wolfes im IZW Berlin Quelle: IZW

Es gibt die unterschiedlichsten Möglichkeiten, den CT-Datensatz bildlich darzustellen, erklärt Fritsch: Mit Haut oder ohne, das Skelett, die inneren Organe, „je nachdem, was Sie anschauen wollen“. Auf dem Computermonitor zeigt der Tierarzt das CT eines Wolf-Skeletts und deutet auf die weißen Sprenkel unterhalb des Brustkorbs. „Hier sehen Sie eine Bildstörung, da ist Metall drin – das Metall, das diesen Wolf aus dem Leben gerissen hat.“

Metallteile leuchten auf

Eigentlich sei der Computertomograph für organische Substanzen konzipiert, sagt Fritsch, Weichteile und Knochen. „So ein Metallteilchen, das leuchtet auf dem Bild regelrecht auf. Als ob man mit einem Textmarker etwas eingezeichnet hätte.“ Die Radiologen am IZW erkennen auch kleinste Metallteilchen, etwa einen vormaligen Beschuss, der verheilt ist und nicht zum Tode führte.

Viel häufiger als ein illegaler Abschuss kommen Verkehrsunfälle vor: Wölfe kollidieren mit Bahnen oder werden von Autos erfasst. Die meisten dieser Unfälle passierten im Frühjahr oder Herbst, sagt Fritsch, „wenn jüngere Tiere sich vom Rudel entfernen und sich eigene Lebensräume erschließen. Dabei kreuzen sie viele Verkehrswege.“

Wettlauf gegen die Zeit

Wann immer irgendwo in Deutschland ein toter Wolf gefunden wird, dann klingelt in Berlin-Lichtenberg ein Notfalltelefon – eine Vorwarnung für Fritsch und die anderen Tierärzte, „damit unsere Maschinerie in Gang gesetzt wird, ehe der Wolf am IZW ankommt.“ Der Zeitfaktor ist wichtig, vor allem im Sommer: „Wenn ein Kadaver ein paar Stunden in der prallen Sonne gelegen hat, löst der sich auf, dann wird das Bild des toten Tieres überdeckt durch Madenfraß oder Aufgasung.“

Mit der steigenden Wolfspopulation in Deutschland steigt auch die Zahl der eingelieferten Wölfe – und damit die Arbeitsbelastung. „Früher hatten wir ein oder zwei tote Wölfe im Jahr. Inzwischen haben wir eine Größenordnung erreicht, die uns personell stark beschäftigt“, sagt Fritsch und nennt Zahlen: 2017 wurden am IZW 59 tote Wölfe untersucht, 2018 waren es 80, und im Januar und Februar diesen Jahres schon 20. 2019 lag also etwa alle drei Tage ein toter Wolf auf dem Tisch.

Brandenburg liegt an der Spitze

Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) listet in ihrer Datenbank alle toten Wölfe auf, die seit der Deutschen Einheit gefunden wurden. Aufgeschlüsselt ist das nach Bundesländern (mit Ausnahme der Stadtstaaten und des Saarlands).

Bundesweit wurden seit 1990 bis Ende Februar diesen Jahres 323 tote Wölfe in Deutschland gefunden, mehr als ein Drittel davon (121) in Brandenburg. Relativ häufig wurden am IZW auch tote Wölfe aus Sachsen (82), Niedersachsen (59) und Sachsen-Anhalt (32) eingeliefert.

Nur in 16 Fällen gelang es den Experten am IZW nicht, die Todesursache zu klären. 236-mal starben die Wölfe demnach bei Verkehrsunfällen, 42-mal wurden sie illegal getötet. 26 Wölfe starben eines natürlichen Todes, dreimal gab es einen genehmigten Abschuss (Fachbegriff: „letale Entnahme“).

In Brandenburg wurden 17 Wölfe illegal getötet. Der jüngste Abschuss datiert aus dem Januar, Tatort war ein Waldgebiet zwischen Rädigke und Grubo (Potsdam-Mittelmark) Ein niederländischer Jäger behauptet, er haben den Wolf aus Notwehr getötet, weil dieser Jagdhunde angegriffen habe. Am Wahrheitsgehalt dieser Aussage gibt es erhebliche Zweifel, die Ermittlungen dauern an.

Wer Wölfe erschießt, dem drohen in der Theorie hohe Geldstrafen und sogar Gefängnis. In der Praxis haben Wilderer eher wenig zu befürchten, wie zuletzt Zahlen der Grünen in Brandenburg zeigten. Guido Fritsch nimmt Polizei und Staatsanwaltschaft in Schutz: Die Ermittlungen seien „extrem schwierig“. Die für die Jagd entwickelten Teilmantelgeschosse „explodieren und reißen ein relativ großes Loch in den Tierkörper“. Diese Geschosse ließen sich nachträglich kaum einer Tatwaffe zuordnen. „Überführt werden Wilderer eigentlich nur, wenn andere Indizien dazukommen, Reifenspuren oder Zeugenaussagen. Oder wenn er auf frischer Tat ertappt wird.“

Die Debatte um den in Deutschland wieder heimisch gewordenen Wolf und den Auswirkungen auf Bauern und Schäfer wird zunehmend hysterisch geführt. Guido Fritsch will sich in diesem Konflikt lieber nicht positionieren und sagt: „Die Frage, ob ich den Wolf liebe oder hasse, stellt sich für mich nicht. Die Emotionen bleiben außen vor, wir machen hier Fakten-basierte Forschung.“

Tierarzt Guido Fritsch - sein Spezialgebiet ist die Radiologie. Quelle: Thorsten Keller

Ein Kern dieser wissenschaftlichen Fakten: Wölfe sind keine Krankheitsüberträger, von ihnen geht keine Gefahr für den Menschen aus. Einer der wenigen Wölfe, die in Deutschland jemals legal abgeschossen wurden (2016 in Niedersachsen), war Kurti. Kein „Problemwolf“ im eigentlichen Sinne: Kurti war zu zutraulich geworden, hatte seine natürliche Scheu vor dem Menschen verloren; womöglich, weil man ihn angefüttert hatte.

Wenn die Tiermediziner am IZW ihre Arbeit getan haben, gehen die Wolfskadaver zurück zum Einsender, an die jeweiligen Bundesländer. Die meisten Wölfe stehen früher oder später ausgestopft im Museum, zum Beispiel im Naturkundemuseum in Potsdam. Guido Fritsch versichert: „Unsere Pathologinnen arbeiten sehr schonend, damit die Tierkörper gut präpariert werden können.“

Von Thorsten Keller

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