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Brandenburg „Lesen durch Schreiben“: Experten kritisieren Verbot
Brandenburg „Lesen durch Schreiben“: Experten kritisieren Verbot
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00:23 31.03.2019
Eine Schülerin einer zweiten Klasse schreibt das ABC an die Tafel. Quelle: dpa
Potsdam

Die umstrittene Rechtschreibmethode „Lernen durch Schreiben“ wird in Brandenburg kaum praktiziert. Nur drei Prozent der Schulen würden diese Methode in Reinform anwenden, teilte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) am Donnerstag im Landtag mit. An ihrer Ablehnung des pädagogischen Ansatzes hält die Ministerin gleichwohl fest: Laut einer Stichprobe, die das Ministerium durchgeführt hat, schneiden Drittklässler, die in den ersten beiden Jahrgangsstufen „Lesen durch Schreiben“ hatten, in der Orthografie deutlich schlechter ab als jene, die mit der Fibel unterrichtet worden waren.

Ernst will Rechtschreibung fördern

Bildungsministerin Ernst hat sich die Verbesserung der Rechtschreibkompetenzen der Brandenburger Schüler auf die Fahnen geschrieben und dafür im vergangenen Herbst einen Fünf-Punkte-Plan vorgelegt. So soll die Rechtschreibung nicht nur im Fach Deutsch korrigiert werden, sondern in jedem Fach. Überhaupt soll Sprachbildung in allen Fächern thematisiert werden. Außerdem ließ Ernst die umstrittene Lehrmethode „Lesen durch Schreiben“, die von dem Reformpädagogen Jürgen Reichen erfunden wurde, abschaffen.

Bei dieser Methode erschließen sich Kinder Wörter und Sätze mithilfe von Lauttabellen quasi nach Gehör. Rechtschreibfehler werden zunächst nicht korrigiert, um die Kreativität und die Lust am Schreiben nicht zu beeinträchtigen. Daran entzündet sich immer wieder Kritik, weil sich falsche Schreibweisen verfestigen können. Untersuchungen zufolge haben Kinder dadurch später größere Probleme mit der Orthografie.

Fast jeder vierte Schüler mit eklatanten Problemen

Hintergrund von Ernsts Rechtschreiboffensive ist das mäßige Abschneiden der Schüler bei Bildungsstudien wie dem IQB-Bildungstrend. 2016 erreichten dabei 23 Prozent der Schüler nicht einmal den Mindeststandard in der Orthografie. „Das ist kein Befund, bei dem man zur Tagesordnung übergehen kann“, sagte sie.

Die Mängel der Methode „Lesen durch Schreiben“ bestätigt die Wissenschaftlerin Agi Schründer von der Universität Potsdam. „Nach allem, was man empirisch weiß, führt Lesen durch Schreiben in der Tendenz zu schlechteren Ergebnissen“, sagt sie. Allerdings werde die Methode fast nirgends mehr in Reinkultur angewandt.

Kritisch sieht die Pädagogikexpertin, dass der Fünf-Punkte-Plan von Ernst noch mehr Leistungsstand-Überprüfungen vorsieht als ohnehin schon. So soll der Grundwortschatz der Schüler nach der zweiten und vierten Klasse überprüft werden. Dazu fehlten den Lehrern in der Regel nicht nur die Ressourcen, es sei auch unklar, was mit jenen Kindern geschehen soll, die den Grundwortschatz nicht beherrschen, so Schründer.

Auch Erwachsene haben Defizite

Erika Brinkmann dagegen verteidigt die Methode. Dass das favorisierte Lernen mit der Lesefibel bessere Ergebnisse bringe, stellt die ehemalige Professorin der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd in Abrede. 2011 habe eine groß angelegte Untersuchung gezeigt, dass 14,5 Prozent der erwachsenen Deutschen große Lese- und Rechtschreibschwächen hätten, obwohl sie überwiegend mit der Fibel gelernt hätten. „Da stellt sich die Frage, ob die Fibel wirklich so ein Erfolgsmodell ist.“

Der Vorteil der offeneren Lehrmethode liegt für sie auf der Hand: Kinder hätten deutlich früher Erfolgserlebnisse, weil sie mithilfe der Lauttabelle schon bald ganze Sätze schreiben können, anstatt erst nach und nach die einzelnen Buchstaben oder den Aufbau von Wörtern pauken zu müssen. Das unterstreicht auch Henning Schluß, Erziehungswissenschaftler aus Oranienburg (Oberhavel): „Mit der Anlauttabelle kann man sofort lesen. Das geht wie von Zauberhand“, sagt er. Schluß plädiert dafür, es weiter den Lehrern zu überlassen, nach welcher Methode sie Kindern das Lesen beibringen.

Denise Sommer, Lehrerin an der Grundschule Glienick in Zossen (Teltow-Fläming), warnt davor, die Methode zu verteufeln. „Es gibt eine Vielzahl von Ursachen, die zu unbefriedigenden Rechtschreibleistungen führen“, sagt die Landesvorsitzende des Grundschulverbands. Wichtiger sei es, die Schulen mit genügend Personal auszustatten und die Vertretungsreserve zu erhöhen, um den Ausfall von Förder- und Teilungsunterricht zu minimieren.

Von Torsten Gellner

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